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Braubacher Geschichten: Nach Hause

Die Kriegsjahre verlebten wir bei meiner Großmutter in Braubach am Rhein. Ab und zu fuhr meine Mutter von Braubach nach Hannover, um nachzuschauen, ob das Doppelhaus in der Schmedesstraße, in dessen Obergeschoss sich unsere Wohnung befand, noch unversehrt war.

Die Kriegsjahre verlebten wir bei meiner Großmutter in Braubach am Rhein. Ab und zu fuhr meine Mutter von Braubach nach Hannover, um nachzuschauen, ob das Doppelhaus in der Schmedesstraße, in dessen Obergeschoss sich unsere Wohnung befand, noch unversehrt war.

Diese Fahrten waren zum Teil recht abenteuerlich. An den Türen und Fenstern der überfüllten Züge hingen die Menschen wie Trauben, ja selbst die Dächer der Waggongs waren zum Teil belegt. Einmal hatte meine Mutter während einer solchen Fahrt einen Sitzplatz in einem geöffneten Abteilfenster erwischt.

So saß sie, mit den Beinen nach innen, im Fenster und hielt sich am Rahmen fest. Die schmale scharfe Kante des Fensterrahmens hatte sie mit einer Wolldecke gepolstert, die bei solchen Fahrten immer dabei war, weil man nicht vorhersehen konnte, ob nach einem Luftangriff auf den Zug eine Übernachtung im Freien notwendig wurde.

Damals bei den Kohle befeuerten Reichsbahn-Zügen war Funkenflug nichts Außergewöhnliches. So auch heute. Plötzlich schlugen helle Flammen empor und die Decke, auf der meine Mutter saß, brannte lichterloh.

Die Aufregung und das Geschrei der Mitreisenden war groß. Doch erstaunlicherweise war nun doch noch Platz im Abteil. Man zerrte meine Mutter hinein und die brennende Decke flatterte im Fahrtwind davon.

Ein anderes Mal war durchgesickert, dass auf der gegenüberliegenden Rheinseite in Spai ein Sonderzug eingesetzt werden sollte. Es war vorauszusehen, dass man beim Zustieg in Koblenz mit Sicherheit nicht mehr in die stets überfüllten Wagen kam.

Also, was tun? Wie kam man über den Rhein? Eine Brücke von Braubach nach Spai gab es und gibt es auch heute noch nicht. Aber am Dinkholder Tal, ein paar Kilometer rheinaufwärts, gab es einen Bootsmann, der einen alten Fischerkahn besaß.

Das Dinkholder Tal ist ein Einschnitt im den Rhein begleitenden Gebirgskamm des Taunus, in dem eine eisenhaltige Quelle entspringt. In Friedenszeiten ein Ausflugsziel, das man von Braubach, beginnend bei der Martinskapelle, in herrlicher ausblickreicher Wanderung über den Rheinhöhenweg erreichte.

Findige Leute füllten damals das Wasser der Dinkholder-Quelle in Flaschen ab und verkauften es als Heilmittel gegen allerlei Gebrechen. Und wenn ich in späteren Jahren meine Schulferien bei Großmutter in Braubach verlebte, so führte mich mein Weg in den letzten Ferientagen immer zur Dinkholder-Quelle.

Dort füllte ich eine Flasche mit diesem Gesundheitswässerchen, um es als Reiseandenken mitzunehmen nach Hannover. Ein besonderer Gruß, ein bisschen Natur, ein Stückchen Heimat für meine Mutter.

Jener Bootsmann, der am Dinkholder eine kleine Gaststätte betrieb und um ein paar Ecken mit Großmutter verwandt war, sollte helfen. Aber offen-sichtlich hatte nicht nur Großmutter diese Idee, denn an besagtem Morgen, als der Sonderzug in Spai eingesetzt werden sollte, machten sich in der Dämmerung wahre Völkerwanderungen auf den Weg zum Dinkholder Tal. Darunter auch meine Mutter, meine Schwester Marlis und Tante Mia, die in Schlebusch bei Leverkusen zu Hause und die Frau von Mutters Bruder Karl war.

Alle trugen Beutel und Taschen mit Essbarem und waren bepackt mit Haushaltswaren aller Art. Denn damals bezahlte man den Bootsmann nicht in barer Münze, vielmehr mit Eiern, Mehl, Speck und manchmal auch mit silbernen Löffeln.

So kam es, dass der alte Kahn an diesem Morgen viele Male den Rhein queren musste, so vollgepfropft mit Menschen, dass er bis zum Rande untertauchte. Das Wasser schwappte ständig über und umspülte die Füße der dicht an dicht stehenden Passagiere, die bemüht waren, es mit Blechbüchsen wieder aus dem Boot zu schöpfen.

Ein bei dem Gedränge schier unmögliches Unterfangen. Dennoch ist alles gut und niemand über Bord gegangen. Es grenzte an ein Wunder.

Manchmal, wenn ich heute von den Fluchtversuchen der Menschen in morschen seeuntüchtigen Schiffen aus Kriegsgebieten höre, fällt mir das kleine Fischerboot auf dem Rhein ein. Doch der Rhein hatte rechts und links rettende Ufer.

Der Ozean hat sie nicht, denn oftmals werden diese Menschen von rettenden Ufern wieder zurück geschickt. Dabei haben sie nur uns, wenn sie es schaffen, dem Gräuel der Gewalt und dem Angriff der Meere zu entkommen.

Eines Tages fuhren keine Züge mehr am Rhein. Die Franzosen waren gekommen, um sich gegen die Angriffe der Deutschen zu wehren.

Durch Luftangriffe waren viele Gleisanlagen und Bahnhöfe zerstört worden. Auch in Braubach wurde es immer unruhiger, gefährlicher und lebensbedrohender.

Großmutter hatte zusammen mit Mutter beschlossen, von Braubach nach Hannover zu fliehen, in der Hoffnung, dass es dort sicherer sei für uns Kinder.

Nach Nassau waren es über die Berge etwa 30 Kilometer, das könnte zu schaffen sein. Von dort – so hatten sie gehört – fuhren noch Züge. Also wurde unser Handwagen, ein kleiner Leiterwagen, dessen Speichenräder mit Eisenringen umgeben waren und den wir sonst benutzten, um Kartoffeln und Gemüse aus dem Garten oder Kohlen vom Kohlenhändler zu holen, mit den wenigen vorhandenen Lebensmitteln und vielen Dingen, an denen das Herz hing, beladen.

Im Morgengrauen begann der Fußmarsch. Großmutter und Mutter zogen an der Deichsel des Wagens und wir Mädchen, kaum dem Babyalter entwachsen, schoben hinten so gut es ging. In der Ferne grollte das Artilleriefeuer.

Zunächst war die Straße eben. Sie führte am Obertor vorbei bis hin zur Hütte, einem Bergwerk, in dem Eisenerz abgebaut wurde. Großvater hatte hier als Steiger gearbeitet, bevor er, wie so viele Bergleute, an der Staublunge verstorben ist.

Hinter der Hütte wurde der Weg steinig und steil. Immer wieder fiel etwas von dem viel zu voll beladenen Handwagen, rollte ein Teil unseres letzten Hab und Gutes den Berg hinab. Und immer wieder hielten wir an, liefen zurück und beluden den Wagen aufs Neue.

Aber irgendwie, angefeuert von Großmutters Mut und Wanderliedern, die sie für uns leise sang, schafften wir den ersten Abschnitt unserer Reise ohne größere Zwischenfälle. Unser Ziel war Schweighausen, "Schweigese", wie die Braubacher sagen. Hier kannte Großmutter einige Bauern, deren Töchter bei ihr das Nähen erlernt hatten oder bei denen sie selbst schon als Hausschneiderin tätig gewesen ist. Und hier wollten wir auf einem der Heuboden die Nacht verbringen, um in der Frühe des nächsten Tages unseren Fußmarsch zum Bahnhof nach Nassau fortzusetzen.

Aber es kam ganz anders. Es kamen Tiefflieger. Und denen fielen unsere ganzen Pläne und auch ein Teil von Großmutters Zuversicht zum Opfer. Die ganze Nacht bombardierten sie wie wild in der Gegend herum.

Wir waren vom Heuboden in den Luftschutzkeller geflüchtet. Dort überlebten wir bleich und verängstigt, auf Holzbänken, Koffern und Klappstühlen sitzend, zusammen mit anderen Dorfbewohnern das Kriegsgetöse. Es krachte und pfiff ums Haus. Man hörte deutlich die Einschläge.

Aber wir hatten großes Glück. Es grenzte an ein Wunder. Das Gebäude, zu dem der Luftschutzbunker gehörte in dem wir zitternd saßen, wurde nicht getroffen.

In dieser so grauenvollen Nacht brachte es die Bäuerin auf irgend eine wundersame Weise fertig, eine riesige Pfanne mit Rührei zu zaubern. Nicht so locker und goldgelb, wie wir es heute kennen, sondern blass, gräulich und zäh von dem vielen Mehl, mit dem sie es verlängert hatte, damit es für alle reichte. Es schmeckte wunderbar. Nie wieder in meinem Leben hat mir Rührei so köstlich geschmeckt.

Am Morgen erfuhren wir, dass der Bahnhof in Nassau vom Bombenhagel getroffen war und in absehbarer Zeit keine Züge mehr fahren könnten.

Wir mussten uns entscheiden: 400 Kilometer Fußmarsch gen Norden bis nach Hannover durch ein Gebiet, das wir nicht kannten oder 30 Kilometer Fußmarsch zurück durch den Taunus nach Braubach. Wir entschieden uns für das Letztere.

Mitten in einem Waldstück in der Nähe von Becheln kam uns eine Kompanie deutscher Soldaten entgegen. Als sie das seltsame Gespann mit Großmutter, Mutter und uns zwei kleinen Mädchen sahen, riefen sie entsetzt: "Um Gottes Willen, wo wollt Ihr denn hin? Ihr zieht ja ins Kampfgebiet, ihr zieht ja in Feindesland!"

Und ich höre noch heute, wie Großmutter fast zornig erwiderte: "Was heißt hier Feindesland? Wir ziehen nicht in Feindesland! Wir gehen nach Braubach. Wir gehen nach Hause!"

Wie wir es dann geschafft haben, durch Bomben- und Geschosshagel wieder nach Hause, nach Braubach zu gelangen, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß, dass ein paar Wochen später – vor nunmehr 65 Jahren – die Friedensglocken läuteten, verbunden mit dem Wunsch der Menschen, die den Krieg überlebten, dass sie weiterläuten mögen bis in alle Ewigkeit.

Von Vera Oelmann

Rheinland-Pfalz
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