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Braubacher Geschichten: Das Orakel

Als ich drei Jahre alt war, mitten in den Wirren des zweiten Weltkrieges, zog meine Mutter mit uns Kindern nach Braubach, in das kleine Rheinstädtchen, in dem sie geboren war.

Als ich drei Jahre alt war, mitten in den Wirren des zweiten Weltkrieges, zog meine Mutter mit uns Kindern nach Braubach, in das kleine Rheinstädtchen, in dem sie geboren war.

Und hier – so paradox es klingen mag – verlebte ich trotz Geschosshagel und Entbehrungen, trotz großer Ängste und entsetzlicher Anblicke, eine wunderbare erste Kindheit. Der Grund dafür waren meine treu sorgende Mutter und meine Großmutter.

Eine Bilderbuch-Oma, wie man sie sich eigentlich nur erträumen kann. Eine Frau voller Gegensätze, voller Güte und Strenge, voller Mut und Verzweiflung, voller Romantik und Realität, voller Witz und Ernsthaftigkeit mit klarem Verstand und großem Herzen.

Am Fuße der Marksburg in einem ehemaligen Zöllnerhaus, in dem man sich bücken musste, wenn man durch die Türen ging und das alljährlich von Millionen von Ameisen durchwandert wurde, lebten wir zwar ein wenig beengt, aber um so intensiver.

In der zwei ein halb Meter breiten, sechs Meter langen Schlafkammer, die an einem Ende ein kleines Fenster zum Hof und zum Klosett, am anderen Ende ein noch kleineres zum Wohnzimmer hatte, standen drei hochbeinige schwere Eichenbetten, ein geschnitzter dunkler Kleiderschrank und eine Kommode mit Wasserschüssel und Krug.

Und es hing ein Bild dort mit gewölbter Glasscheibe. Dahinter ein halber Blumenkorb mit getrockneten Blüten. Die hatten es mir schon damals, als Dreikäsehoch, besonders angetan. Immer wieder

stand ich auf dem Bett und versuchte, mit meinen kleinen Fingern von hinten ein Loch in die Verspannung aus starkem Leinenstoff zu prokeln, um an die Blüten zu kommen. Aber so sehr ich mich auch bemühte, ich schaffte es nie.

Vorn im Zimmer gegenüber der Tür über Großmuters Bett hing ein kleines Schränkchen mit vielen winzigen Schubladen, in denen sie allerlei Kleinkram aufbewahrte. Eine dieser Schubladen benutzte ich heimlich als Pendel.

Denn ich hatte durch das kleine Fenster zum Wohnzimmer belauscht, wie Frau Kalkofen, die gegenüber wohnte und manchmal zu Besuch kam, herauszufinden versuchte, wo mein Vater war.

Sie tat das, indem sie einen Gegenstand, den sie an einem Bindfaden befestigte, über einer Landkarte hin und her pendeln ließ. Und was die Großen konnten, konnte ich schon lange. Davon war ich überzeugt.

Wir hatten nämlich – nachdem Monate lang keine Feldpost von Vater gekommen war – die Nachricht erhalten, dass er im Krieg vermisst sei. Ich wunderte mich, dass Großmutter und Mutter so bitterlich weinten, als der Briefträger diese Botschaft brachte.

War das denn wirklich so traurig? Mich haben sie auch schon oft vermisst, weil ich mich versteckt hatte. Aber geweint haben sie nicht, höchstens geschimpft.

Nachdem ich, wie immer nach dieser für Oma und Mutter so schlimmen Mitteilung, meinem Nachtgebet hinzugefügt hatte: "Lieber Papa komme bald, sonst wird dir der Kaffee kalt...", saß ich – über eine Landkarte gebeugt – im Bett und pendelte eifrig mit einer der kleinen Schubladen, an deren Knauf ich den Bindfaden geknotet hatte.

Und ich sah wohl, dass das Pendel auf einem braunen Fleck inmitten einer großen blauen Fläche stehen blieb.

Aber mehr kam für mich dabei nicht heraus, denn ich konnte mit meinen vier Jahren weder lesen, geschweige denn, eine Landkarte verstehen.

Dennoch war ich irgendwie froh. Vielleicht, weil das Pendel stehen blieb und weil das, wie ich bei den Gesprächen der Erwachsenen belauscht hatte, bedeutete, dass Papa lebte.

Er lebte demnach irgendwo auf einem braunen Fleck in einer blauen Fläche. Das war schon sehr beruhigend. Ganz stolz auf meine Leistung schlief ich zufrieden ein.

Erst viel später erfuhren wir, dass mein Vater in englische Gefangenschaft geraten war und auf der Insel Cypern festgehalten wurde. Er lebte: er war auf einem braunen Fleck in einer blauen Fläche!

Von Vera Oelmann

Rheinland-Pfalz
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