Archivierter Artikel vom 16.01.2013, 16:51 Uhr
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Namen auf dem Altar des Marketings geopfert

Galerien „am Deich“ gibt es in Deutschland viele. Man findet sie in Hamburg, in Bremen, St. Peter-Ording und in Hohwacht an der Ostsee. Eine „Galerie Mennonitenkirche“ allerdings gibt es nur einmal. Pardon: Gab es nur einmal, bis der Dezernatsausschuss I auf Vorschlag der Verwaltung einstimmig und ohne Diskussion den Namen „Mennonitenkirche“ mit einem Federstrich getilgt und durch den beliebigen Namen „Galerie am Deich“ ersetzt hat. Den Künstlern sei nur schwer zu erklären, dass es sich nicht um eine Kirche, sondern um eine Galerie in einem ehemaligen Kirchengebäude handelt, heißt es zur Begründung. Außerdem sollen dort künftig standesamtliche Trauungen durchgeführt werden. Das aber, so will es uns die Stadt glauben machen, geht nur in einem Haus, das nicht das Wort „Kirche“ im Namen führt. Das ist, mit Verlaub, blanker Unfug. Auch nach der Umbenennung handelt es sich um ein Gebäude, das einst die Keimzelle der Neuwieder Mennoniten war und das auf Geheiß des Grafen Friedrich Alexander 1774 den Namen „Mennonitenkirche“ erhielt. Nur mit einem Ausradieren des Namens hat man noch nicht die Geschichte des Hauses getilgt. Warum also sollen standesamtliche Trauungen in einem solchen Gebäude nur möglich sein, wenn man die Augen vor der Historie verschließt und die Wurzeln negiert? Und was ist eigentlich so schlimm daran, dass man den Namen „Galerie Mennonitenkirche“ immer und immer wieder erklären muss? Es mag zwar lästig sein, schärft aber immer wieder aufs Neue den Blick für die besondere Geschichte der Stadt Neuwied. Es waren unter anderem die Mennoniten, die aufgrund des Freiheitsedikts von Graf Friedrich hier in Neuwied von der Religionsfreiheit profitierten und sich hier niederließen. Nicht zufällig genau gegenüber dem Schloss Neuwied entstand diese Kirche, die lange das geistliche Zentrum der Gemeinschaft war. Künstlern, die diesen historischen Hintergrund nicht wahrhaben wollen und nur dann in Neuwied ausstellen, wenn das Wort „Kirche“ nicht mehr im Galerienamen zu finden ist, muss man bei Gott nicht hinterherlaufen. Und man muss schon gar nicht den historisch bedingten Namen auf dem Altar des überregionalen Marketings opfern. Künstler, die so engstirnig sind, braucht niemand in Neuwied. Toleranz hin oder her. Mail: marcelo.peerenboom@rhein-zeitung.net

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