Archivierter Artikel vom 16.01.2013, 16:51 Uhr
Plus

Der neue Name passt viel besser

Neuwied sieht sich als „Stadt der Toleranz“ und hat im vergangenen Jahr groß das 350-jährige Bestehen der Freiheitsrechte gefeiert. In der Folge war (und ist) die mennonitische Gemeinde bedeutender Teil der Stadtgeschichte. Das ist unbestritten. Aber muss deshalb die städtische Galerie ihren Namen tragen? Schauen wir uns die mennonitische Gemeinde etwas genauer an, so zeigt sich das Bild einer sehr strengen christlichen Gemeinschaft. Ein aktuelles Beispiel sind die „Ziele und Erwartungen“, die auf der von den Mennoniten getragenen Freien Christlichen Schule aufgeführt sind. Dort steht nicht nur, dass die Haartracht der Kinder „ordentlich und dem Sinn der Bibel entsprechend“ sein soll, sondern von den Eltern wird auch verlangt, „auf den Besitz eines Fernsehgerätes zu verzichten und sich zu verpflichten, das Kind vor den Produkten der TV- und Filmindustrie zu schützen“. Passt das zu einer Galerie, in der das erste Ausstellungsprojekt 2013 ungewöhnliche Potraits von Schauspielern – unter anderem den nackten Dietmar Bär (Freddy Schenk aus dem Tatort) in der Badewanne – zeigt? Eben nicht. Genauso wirkt der Name Mennonitenkirche eben wegen der vergleichsweise strengen christlichen Lebensweise auf viele Künstler, die Neuwied und seine spezielle Geschichte nicht kennen, schlicht abschreckend. Nicht missverstehen: Die Mennoniten können und sollen ihren Glauben so leben, wie sie möchten. Es handelt sich um eine anerkannte christliche Gemeinschaft. Nur steht sie eben doch für eine Richtung. Dass deshalb nicht nur viel Überzeugungsarbeit geleistet werden musste, sondern sicher auch Absagen von Künstlern gekommen sind, ist nicht schwer auszurechnen. Kunst und Kirche können sich vertragen, müssen es aber nicht. Aber eine städtische Galerie – und in Neuwied gibt es nur diese eine kommunale – sollte die ganze Bandbreite der Kunst zeigen wollen. Und deshalb passte der alte Name einfach nicht. Er drängt die Galerie thematisch in eine Ecke. Das heißt auf der anderen Seite nicht, dass die Geschichte des Gebäudes, das übrigens schon seit 1968 keine Kirche mehr ist, verleugnet werden soll. Eine Tafel am Haus oder im Inneren, die daran erinnert, wäre absolut wünschenswert. Im offiziellen Namen jedoch muss die Mennonitenkirche nicht mehr vorkommen. Da passt „am Deich“ einfach viel besser. Ulf Steffenfauseweh E-Mail: ulf.steffenfauseweh@ rhein-zeitung.net

Lesezeit: 3 Minuten
+ 2 weitere Artikel zum Thema