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Westerwaldkreis

Von toten Füchsen bis zum Schiff: Was alles im Müll landet

Berge von Plastik und Pappe türmen sich auf dem Ballenlager der Firma Bellersheim. Gepresst und gebunden werden die Abfälle dort gelagert, bis sie weiter verarbeitet werden. Ähnlich wie Heu, das nach der Ernte zu großen Ballen geschnürt wird. Beim genaueren Hinsehen offenbaren sich Unmengen von verbrauchten Drogerieartikeln, Verpackungsresten von Tierfutter, zahlreiche Milch- und Getränketüten.

Auf dem Lager der Bellersheim-Unternehmensgruppe wird der gepresste Abfall so lange gelagert, bis er weiter verarbeitet wird. Dort wird vieles fraktioniert oder nachsortiert, was die Bürger wegwerfen.  Fotos: Verena Hallermann
Auf dem Lager der Bellersheim-Unternehmensgruppe wird der gepresste Abfall so lange gelagert, bis er weiter verarbeitet wird. Dort wird vieles fraktioniert oder nachsortiert, was die Bürger wegwerfen. Fotos: Verena Hallermann
Foto: Verena Hallerman

Auf dem Gelände des abfallwirtschaftlichen Betriebes der Bellersheim-Unternehmensgruppe in Boden wird vieles fraktioniert oder nachsortiert, was die Bürger aus dem Westerwaldkreis in ihre Wertstofftonnen und Container werfen. Von Bauschutt über Glasabfälle hin zu gelben Säcken mit Verpackungen, Rasenschnitt und Bioabfällen – und manchmal eben auch Dinge, die nicht dorthin gehören. Erst kürzlich hatten Mitarbeiter der Unternehmensgruppe dort fünf tote Füchse gefunden. Ein schockierender Anblick – selbst für das Fachpersonal (unsere Zeitung berichtete). Was finden die Mitarbeiter sonst noch in den Abfällen? Und wie funktioniert die Verwertung des Mülls? Unsere Zeitung hat sich den Standort in Boden mal genauer angesehen.

Für den Laien sehen die Müllballen im Hinterhof des Betriebes einfach nur bunt aus. Nicht so für Ulf Bellersheim. Er ist der Geschäftsführer und ist bereits seit 1991 im Unternehmen. Wertstoffrecycling erfordert ein klares System, erklärt er. Papier und Pappe werden beispielsweise in drei Kategorien gepresst. Büropapier kommt zu Mischpapier, sämtliche Kartonageverpackungen aus dem Nahrungsmittelbereich gehören zusammen und werden zu Kaufhauspapierballen. Kartonagen aus stabiler Wellpappe bilden wiederum eine eigene Kategorie. Alles hat seine Ordnung. „Die Abfälle werden umweltfreundlich aufbereitet und wirtschaftlich verwertet“, erklärt Bellersheim mit Blick auf die Ballen aus Papier, Kunststoff und Aluminium. Gabelstapler fahren die nächsten Ballen heran. Der Greifbagger in der Sortieranlage arbeitet unaufhörlich.

Die gepressten Müllballen offenbaren beim genaueren Hinsehen unter anderem diverse verbrauchte Drogerieartikel.
Die gepressten Müllballen offenbaren beim genaueren Hinsehen unter anderem diverse verbrauchte Drogerieartikel.
Foto: Verena Hallerman

Von der automatischen Sortieranlage, in der die Abfälle getrennt, gepresst und der Wiederverwertung zugeführt werden, geht es über den Hof zur Vergärungsanlage. Dort werden sämtliche Bioabfälle aus dem Kreis angeliefert, abgekippt, aufbereitet und stofflich verwertet. Der Biomüll läuft zunächst über ein Sortierband. Grobe Störstoffe werden gleich mechanisch aussortiert, die Feinarbeit übernimmt ein hochmoderner Nah-Infrarot-Trenner, der selbst das kleinste Stückchen Plastik erkennt. Danach werden die Bioabfälle in einem Biofermenter vergoren. Hier entsteht das Biogas, welches im eigenen Blockheizkraftwerk in Strom und Wärme umgewandelt wird. Uwe Lemle sitzt dort zusammen mit seinem Kollegen Michael Liebeskind. Sie überwachen die Computer und die Überwachungskameras, haben immer ein Auge darauf, dass der 16-Zylinder-Motor der Anlage einwandfrei funktioniert – oder melden unvorhergesehene Funde wie beispielsweise die fünf toten Füchse, die vor ein paar Tagen plötzlich auf dem Sortierband auftauchten. „Das ist zum Glück sehr selten“, berichtet Lemle. Er ist Schichtleiter und arbeitet bereits seit 1998 in Boden. Dennoch erinnert er sich an den ein oder anderen kuriosen Fund. „Einmal war eine 2,5 Meter lange, tote Pythonschlange dabei“, weiß der zweifache Vater und gebürtige Westerwälder noch. „Auch an einen toten Hund kann ich mich noch erinnern.“

Es ist kein einfacher Job, dem die Fachkräfte für Kreislauf- und Abfallwirtschaft nachgehen. Dennoch ist die Fluktuation in der Unternehmensgruppe sehr gering, erzählt Bellersheim. Von den rund 100 Mitarbeitern, die im Bereich der Abfallwirtschaft bei Bellersheim tätig sind, sind mehr als 70 Prozent bereits seit mehr als zehn Jahren in dem Unternehmen tätig. Die Anlagenmitarbeiter durchlaufen eine Einstellungsuntersuchung und werden, falls notwendig, geimpft. Ebenfalls bekommen sie Schutz- und Arbeitskleidung gestellt. Sicherheit steht hier an erster Stelle. Trotzdem müssen sie aufpassen, dass sie nicht mit gefährlichen Stoffen in Kontakt kommen. Schließlich ist es nie ganz klar, was die Menschen in den Abfall werfen. Die Bellersheim Unternehmensgruppe ist auch für die Entsorgung von gefährlichen Abfällen wie beispielsweise Chemikalien zuständig. Dafür gibt es einen eigenen Standort in Neitersen, der unter anderem entsprechende Fachkräfte wie Diplom-Chemiker beschäftigt.

Bellersheim kümmert sich um die Entsorgung unterschiedlichster Abfälle für Dienstleister, Handel, Industrie, Privathaushalte, Entsorger und auch für Kommunen. Der Geschäftsführer kann sich an den ein oder anderen kuriosen Auftrag erinnern. „Vor zwei Jahren sollten wir mal 80.000 Münzen entsorgen“, erzählt Bellersheim. „Weil die Herkunft unklar war, kam der Auftrag aber nicht zustande.“ Herkunft und Kontrolle sind wichtige Themen bei dem Entsorgungsbetrieb. Schließlich könnte sonst auch Diebesware zwischen die Abfälle gelangen. Aber nicht nur. Auch verloren gegangene Gegenstände können fälschlicherweise bei Bellersheim landen. „Manche rufen bei uns an, weil sie etwas suchen“, erzählt Bellersheim. „Zum Beispiel einen Personalausweis. Den hatten wir sogar gefunden. Aber das war ein reiner Glücksfall.“ Bellersheim kann sich auch noch an ein – sage und schreibe zehn Meter langes – Boot erinnern, das seinen Weg nach Boden gefunden hat. „Das sieht man auch nicht so häufig“, sagt der Geschäftsführer. „Aber das ist für uns auch kein Problem. Der Greifbagger hatte es innerhalb von zehn Minuten zerlegt.“

Uwe Lemle (rechts) und Michael Liebeskind haben während ihres Dienstes die fünf toten Füchse vor ein paar Wochen entdeckt.
Uwe Lemle (rechts) und Michael Liebeskind haben während ihres Dienstes die fünf toten Füchse vor ein paar Wochen entdeckt.
Foto: Verena Hallerman

Die Wertstoffsortierung ist die wesentliche Arbeit des Entsorgungsbetriebes, es sei denn, es handelt sich um bereits vorgetrennte Wertstofffraktionen. Palettenholz, Kunststoffe von Plastikflaschen oder Verpackungen, PVC-Fensterrahmen oder Flachglas, Aluminium oder Eisenmetall werden an jeweils unterschiedliche Verwertungsunternehmen vermarktet. Fast alles wird stofflich oder thermisch verwertet. „Man kann mit einer Anlage nicht alle Abfälle behandeln“, erklärt Bellersheim. „Es gibt eine Vielzahl von verschiedenen Anlagen. In Deutschland hat man für jeden Abfall eine eigene technische Lösung gefunden.“

In der sogenannten Kreislaufwirtschaft, wo Rohstoffe wieder in großem Umfang in den Produktionszyklus zugeführt werden, wird zwischen der stofflichen und der energetischen Verwertung unterschieden. Das heißt, Glas soll wieder zu Glas, Holzreste mit Span wieder zu Spanplatten (stoffliche Verwertung) werden. Wenn Abfälle nicht mehr recycelt werden können, werden sie verbrannt und in Form von Wärme und Strom genutzt (energetische Verwertung). „Dagegen wird Biomüll zu 90 Prozent stofflich verwertet, zum Beispiel als Dünger“, erklärt Bellersheim. „Unser Bestreben ist es, immer ein gutes Endprodukt zu schaffen.“

Im Alltag finden sich Unmengen an Gegenständen, die aus recyceltem Material bestehen. Selbst der Neuwagen besteht zu größten Teilen aus „Gebrauchtware“. Aber natürlich schreibt das der Hersteller nicht dran. Es ist vor allem wichtig, dass der Müll bereits im Haushalt sortiert wird. Denn je sauberer das Material bei Bellersheim in Boden oder in Neitersen ankommt, desto höher ist die Verwertungsquote. Es ist wichtig, weil Rohstoffen endlich sind, und es ist wichtig, um die Umwelt zu schützen.

Verena Hallermann

Der Fall der fünf toten Füchse, die illegal in einer Biotonne entsorgt wurden, ist nach wie vor ungeklärt. Die Kreisverwaltung, die in diesem Vergehens ermittelt, konnte keinen Verantwortlichen ausfindig machen. Die Tierkadaver wurden enthäutet in der Vergärungsanlage der Unternehmensgruppe Bellersheim in Boden gefunden (unsere Zeitung berichtete). „Bisher gibt es dazu keine neuen Erkenntnisse“, teilt Pressesprecherin Alexandra Marzi auf Anfrage mit. Die Tierkörper, die Schussverletzungen aufwiesen, stammen aus der Entsorgung der braunen Tonnen aus den Verbandsgemeinden Wallmerod, Selters und Rennerod. Ob sie alle aus einer Tonne stammen, ist unklar. Verstöße gegen das Tierische Nebenprodukte-Beseitigungsgesetz können mit Bußgeldern bis 25 000 Euro geahndet werden. Die Kreisverwaltung hofft auf Hinweise unter Telefon 02602/124 586. Die Füchse waren nicht die ersten toten Tiere, die in der Vergärungsanlage der Unternehmensgruppe Bellersheim in Boden gefunden wurden.

Bellersheim hat verschiedene Geschäftsbereiche

Die Unternehmensgruppe Bellersheim setzt sich aus verschiedenen Geschäftsbereichen zusammen. Sie beliefert unter anderem Haushalte mit Heizöl, betreibt Tankstellen (Bell Oil) und auch einen großen und modernen Fuhrpark für den Transport von Rohstoffen.

Der abfallwirtschaftliche Betrieb von Bellersheim erstreckt sich über zwei Standorte in Boden und in Neitersen. Neben der Entsorgung und Sortierung von Abfällen, Sonderabfällen, gefährlichen Stoffen und Akten gehört zu diesem Geschäftsbereich auch die Beratung von Kunden hinsichtlich individueller Verwertungsfragen. Außerdem bietet Bellersheim auch einen Containerdienst an.

Weitere Informationen über die Unternehmensgruppe Bellersheim gibt es im Internet auf der Seite  www.bellersheim.de

hal

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