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Dernbach

Nach Tod der Mutter: Die Zeit lag in Scherben

Stephanie Kühr

Selten, ganz selten laufen einem beim Lesen einer Geschichte Schauer über den Rücken. Doch jetzt sind es kalte Schauer. Gänsehaut. Entsetzen. Atemlos liest man unentwegt weiter. Obschon das traurige Ende gewiss ist, lässt die Geschichte den Leser nicht los. Reißt ihn mit, zwingt ihn weiterzulesen. Das unendlich Traurige ist: Die Geschichte „Traumzauberblau“ ist Teil einer Lebensgeschichte, der Geschichte von Jessica Rösler.

Jessica Rösler schreibt in ihrer Kurzgeschichte „Traumzauberblau“ über den Selbstmord ihrer Mutter. Bewegend und meisterhaft zugleich. Fotos: Andreas Egenolf
Jessica Rösler schreibt in ihrer Kurzgeschichte „Traumzauberblau“ über den Selbstmord ihrer Mutter. Bewegend und meisterhaft zugleich. Fotos: Andreas Egenolf
Foto: Andreas Egenolf

Die 33-jährige Autorin, die aus Vallendar stammt, hier als Verwaltungsfachangestellte arbeitet und mit Freund und Hund Anubis in der Dernbacher Ritzmühle lebt, hat in ihrer Kurzgeschichte über den Selbstmord ihrer Mutter vor 16 Jahren geschrieben: Nach einem Streit mit ihrem zweiten Ehemann, der sich scheiden lassen will, stürzt sich die 40-Jährige an Rosenmontag nachts von einer Autobahnbrücke in den Tod. Damals, am 11. Februar 2002, war Jessica 16 Jahre alt. In ihrem Leben lief gerade alles rund. Sie hatte eine Lehre im Vallendarer Rathaus begonnen, ging zu Parties, hatte einen Freund. „Es war perfekt“. Der Tod der Mutter ist eine Zäsur in Jessicas Leben. Es zerreißt die junge Frau. Der Tod verrückt ihr Sein. Bis heute. Sie schreibt: „Meine Mama war tot. Sie hatte sich letzte Nacht umgebracht. Ich würde sie nie wieder sehen. Sie war nicht mehr am Leben. Konnte das wirklich wahr sein? Ich fühlte einen unendlichen Schmerz, der mich wie ein Donnergrollen durchfuhr. (...) Die Zeit lag in Scherben, nichts war mehr wichtig. Mein Leben, wie ich es kannte, ausgelöscht.“

In den Tagen, Wochen, Monaten und Jahren nach dem Tod der Mutter verdrängt Jessica ihren Schmerz. Sie lässt die Trauer nicht an sich heran. Am Montag nach der Beerdigung der Mutter geht die Jugendliche wieder ganz normal zur Arbeit. Als wäre nichts geschehen. Ihre Großeltern, Freunde und ihre Arbeitskollegen fangen die junge Frau auf, sind für sie da und trösten sie. Jessica beschließt, ihre Geschichte aufzuschreiben. Irgendwann einmal. „Schon als Kind wollte ich schreiben und Schriftstellerin werden. Aber ich habe mich nie ernsthaft damit beschäftigt. Ich habe es mir nicht zugetraut“, sagt sie.

Dann, vor drei Jahren, holen die Ereignisse die junge Frau ein. Die berufliche Weiterbildung klappt nicht wie gewünscht, die Trennung von ihrem Freund. „Ich war in einer Krise. Ich habe mich gefragt, warum bewegt mich eine Trennung stärker als andere? Mich riss alles einfach runter“, erzählt sie. Jessica nimmt sich nun erstmals professionelle Hilfe. „Ich habe gemerkt, ich habe das nicht richtig verarbeitet“, sagt sie. „In dieser Situation kam mein alter Kindheitstraum wieder auf.“ Jessica beginnt ein Fernstudium an der „Schule des Schreibens“ in Hamburg. Sie merkt, dass ihr die sachliche Darstellung und das autobiografische Schreiben liegen. Per Zufall stößt sie im Internet auf den Schreibwettbewerb für die Sammlung „Du fehlst“ und beschließt, den Schritt zu wagen. Über ihr Trauma zu schreiben. Ihre Großeltern und ihr leiblicher Vater sind inzwischen gestorben. „Meine Familie gibt es nicht mehr. Daher war das Thema 'Du fehlst' sehr ansprechend.“ An Weihnachten 2017 schreibt die junge Autorin die Kurzgeschichte an zwei Tagen runter. Sie liest noch einmal alle Tagebucheinträge aus dieser Zeit. „Ich habe unter Tränen geschrieben. Man glaubt nicht, was in meinem Inneren über 16 Jahre lang rumorte“, sagt sie. An Silvester schickt Jessica den Text weg. „Es fühlte sich erleichternd an. In mir hat sich etwas bewegt.“

Jessica sieht viele Dinge nun mit anderen Augen. „Meine Mutter war für mich immer die Powerfrau, die für ihre Familie gekämpft hat wie ein Löwe. Sie war eine schöne Frau. Sie war lebenslustig, war bei den Möhnen aktiv. Damals dachte ich, sie hat im Affekt gehandelt. Ich glaube heute, sie hatte eine nicht erkannte Depression. Das zeigen auch die Tagebucheinträge meiner Mutter“, sagt die 33-Jährige. Denn der Lebenstraum der 40-Jährigen schien damals zu platzen. Der Traummann wollte sich scheiden lassen, das selbst gebaute Reihenhäuschen musste verkauft werden. Der Job stand auf der Kippe, weil der Arbeitgeber kurz vor der Insolvenz war. Und dann dieser verhängnisvolle Rosenmontag. Jessica Rösler gibt niemandem die Schuld am Tod der Mutter. „Es war ihre Entscheidung. Es war eine dumme Entscheidung. Nichts rechtfertigt einen solchen Schritt. Sie war eine begehrte Frau. Und sie hätte wieder Arbeit gefunden. Es war bekloppt. Es hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Ihr Tod hat mein Leben komplett gedreht. Die Scheuklappen waren lange Zeit meine Überlebensstrategie.“

Der Verlag ist begeistert. Jessicas Geschichte wird ausgewählt und in die Anthologie aufgenommen. Beim Publikumsvoting belegt „Traumzauberblau“ – die Lieblingsfarbe der Mutter war ein kräftiges Blau – den dritten Platz. Die Geschichte verändert ihr Leben: „Ich habe die Geschichte für mich mit dem Schreiben abgeschlossen und auch symbolisch weggeschickt“, sagt Jessica. „So konnte ich das Schlimmste, was in meinem Leben passiert ist, in etwas Gutes, ein Buch-Projekt für den Hospizverein, wandeln und zugleich meinen Kindheitstraum erfüllen“, sagt sie. „Meine Geschichte ist jetzt nicht mehr nur meine, sondern sie ist eine von vielen. Das ist ein heilendes Gefühl, es spendet Trost, mir selbst und hoffentlich auch anderen.“

Von unserer Redakteurin Stephanie Kühr

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