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Westerwaldkreis/Limburg

Mit kirchlichem Segen: Katholische Gläubige treten erneut vor Altar

Martina M. ist glücklich verheiratet – zum zweiten Mal. Dass sie dazu den kirchlichen Segen bekam, ist für sie keine Selbstverständlichkeit. Denn die junge Frau aus dem Westerwald (ihr Name ist der Redaktion bekannt) hat dafür ihre erste Ehe für nichtig erklären lassen.

Nach dem katholischen Kirchenrecht sind die Ehen, die zwischen Christen geschlossen wurden, unauflöslich. Doch es gibt Gründe, sie für nichtig zu erklären. Darüber entscheidet das bischöfliche Offizialat. Zwei Frauen, die diesen Weg gegangen sind, berichten darüber.  Foto: Patrick Pleul/dpa
Nach dem katholischen Kirchenrecht sind die Ehen, die zwischen Christen geschlossen wurden, unauflöslich. Doch es gibt Gründe, sie für nichtig zu erklären. Darüber entscheidet das bischöfliche Offizialat. Zwei Frauen, die diesen Weg gegangen sind, berichten darüber.
Foto: Patrick Pleul/dpa

Nur so war für die gläubige Katholikin mit ihrem neuen Mann (erneut) ein Weg vor den Altar möglich. Ihre erste Ehe, die sie in ganz jungen Jahren schloss, hielt nur zwei Jahre. „Ich bin tief verwurzelt im Glauben. Das Ganze belastete mich sehr. Ich wollte mit mir und meinem Glauben ins Reine kommen“, begründet sie, warum sie sich nach der staatlichen Scheidung darum bemühte, auch wieder „kirchlich ledig“ zu sein. Als ihr das vom Kirchengericht nach zwei Jahren beurkundet wurde, war das für sie eine Befreiung.

Auch Simone S. ist diesen Schritt gegangen. Die Frau, die ebenfalls anonym berichten möchte, sagt von sich selbst: „Die kirchliche Trauung hat mich belastet. Ich bin sehr kirchennah, mein Glaube ist mir wichtig.“ Das Jawort vor dem Altar gab sie ihrem Mann erst Jahre nach der standesamtlichen Trauung. In der Hoffnung, dass die Ehe, die schon mehrfach Brüche überlebt hatte, halten würde. „Aber, das war zum Scheitern verurteilt“, sagt sie heute. Und: Es fühlte sich nicht richtig für sie an, denn: „Mit dem Sakrament der Ehe zu leben, das war wie mit einer Lüge zu leben.“

Das Ehesakrament spenden sich nach katholischer Lehre die Brautleute gegenseitig. „Ich nehme die Ehe ernst“, sagt Simone S. Der Schritt, ihre Ehe für nichtig erklären zu lassen, fiel ihr nicht leicht. Ein Pfarrer riet ihr, beim Bistum anzurufen. Ängstlich sei sie dabei gewesen, denn sie wusste: „Bei der Annullierung geht es ans Eingemachte.“ Eine zivilrechtliche Scheidung klärt das Äußere. Doch nun musste sie „ihre Seele offenlegen – das, was wehgetan hat“.

Der Westerburger Pfarrer Ralf Hufsky ist seit acht Jahren als nebenamtlicher Diözesanrichter am Bistum Limburg tätig.  Fotos (2): Angela Baumeier
Der Westerburger Pfarrer Ralf Hufsky ist seit acht Jahren als nebenamtlicher Diözesanrichter am Bistum Limburg tätig. Fotos (2): Angela Baumeier
Foto: Angela Baumeier

Hinzu kam die Unsicherheit. „Ich dachte, es muss etwas ganz Schlimmes passiert sein, damit eine Ehe für nichtig erkannt werden kann.“ Dass sie selbst „Schlimmes“ erlebt hatte, wurde ihr erst nach und nach klar. Denn ihre Ehe basierte nicht auf Augenhöhe, der Mann bestimmte ihr Leben, hielt sie psychisch „in Schach“. Bis sie es schaffte, ihr Leben Stück um Stück wieder selbstbewusst in eigene Hände zu nehmen.

Das Bischöfliche Offizialat ist das Gericht des Bischofs für den kirchlichen Rechtsbereich. Oberster Richter einer Diözese ist der Diözesanbischof. Er übt seine richterliche Gewalt zumeist nicht persönlich aus. Im Regelfall errichtet er ein Diözesangericht, das sogenannte „Offizialat“ (in einigen Regionen „Konsistorium“ genannt). Es ist zuständig für die gerichtliche Regelung innerkirchlicher Streitsachen. Es kann angerufen werden, wenn die Gläubigen ihre Rechte verfolgen wollen oder sie geschützt haben möchten. Es hat die Befugnis, jene zu mahnen und mit Strafen zu bedrohen, die gegen kirchliche Gesetze verstoßen. Im äußersten Fall kann es Strafen verhängen. Was die Gerichte derzeit am meisten beschäftigt, sind allerdings die Eheverfahren. Weitere Informationen im Internet unter www.offizialat.bistumlimburg.de

„Unauflöslich sind nach dem katholischen Kirchenrecht nur die Ehen, die zwischen Christen geschlossen wurden“, erläutert Diözesanrichter Ralf Hufsky. Ein gespendetes Sakrament könne man nicht zurücknehmen. Aber man könne feststellen, ob etwas ,schiefgegangen' sei, die Ehe also ungültig geschlossen wurde. Um eine Ehe für nichtig zu erklären, reiche es nicht aus, dass sich Mann und Frau „einfach“ auseinandergelebt haben. Hufsky erklärt: Es gibt zwei klassische Gründe, die Grundlage dafür geben, ein Ehenichtigkeitsverfahren erfolgreich durchzuführen. Zum einen trifft das zu, wenn wesentliche Elemente einer Ehe aktiv zum Zeitpunkt der Eheschließung nicht befolgt werden – wie die Treue, die Einehe oder auch der Kinderwunsch aktiv ausgeschlossen wird. So berichtet Hufsky aus der Zeit der Wehrplicht von jungen Männern, die noch schnell heirateten, als sie eingezogen werden sollten und ihre Scheinehe nur schlossen, um keinen Pflichtdienst leisten zu müssen. Es komme beispielsweise auch vor, dass ein uneheliches Kind oder ein Adoptivkind unwissentlich einen nahen Verwandten heiratet. Oder es kommt später ans Tageslicht, dass ein Ehepartner bereits verheiratet war, als er sich trauen ließ. „Wenn die Eheschließung beispielsweise in einem anderen Kulturkreis geschlossen wurde und dieser Bund hier nicht rechtskräftig ist.“

Zweitens geht es um die Frage, ob man zum Zeitpunkt der Eheschließung überhaupt dazu fähig, also reif für diesen Schritt war, oder beispielsweise eine psychische Erkrankung vorlag. Gültig ist der Ehebund zudem nur, wenn die Ehe tatsächlich nach der kirchlichen Trauung (im Ehebett) vollzogen wurde.

Einige Wochen nach dem Gespräch im Bistum bekam Simone S. den Bescheid, dass ihre Klage angenommen worden war. „Da war ich erleichtert. Für mich war es schwerer, überhaupt diesen Weg einzuschlagen als dann die Vernehmung beim Diözesangericht.“ Auch ihr Ex-Ehemann wurde vom Gericht darüber benachrichtigt, dass sie Klage eingereicht hatte. Null Reaktion. Rund ein Fünftel der Partner reagiert so, berichtet Pfarrer Hufsky. Ein weiteres Drittel nimmt schriftlich Stellung. In jedem zweiten Fall wirkt der Partner mit – weil er entweder auch die Ehe für nichtig erklärt haben will, oder gerade das Gegenteil erreichen möchte.

Zeugen bestätigten die Aussagen von Simone S. Auch der sogenannte Ehebandverteidiger, der prüft, welche Argumente für die Gültigkeit der Ehe sprechen könnten, hatte in ihrem Fall keine Einwände. Nach zwei Jahren war es geschafft: Per Post bekam Simone S. die „erlösende Urkunde“ zugeschickt, dass ihre Ehe für nichtig erklärt worden war. Sie sagt: „Das war wie eine Befreiung.“ Und sie ist dankbar: „Ich habe mich durch Pfarrer Hufsky gut betreut gefühlt in dieser Zeit.“

Zwei Jahre Warten. „Das kann heute schneller gehen“, erklärt der Diözesanrichter, denn die früher notwendige zweite Kontrollinstanz bei der Erzdiözese Köln ist weggefallen, und auch zum Beweis genügt heute nur noch ein Zeuge (statt zwei). Dieser muss nicht zwingend am Ort wohnen, zur Zeugenvernehmung fährt Pfarrer Hufsky auch in andere Bundesländer, um sich selbst ein Bild zu machen. Außerdem können Zeugen im Ausland via Amtshilfe befragt werden.

In dem Ehenichtigkeitsverfahren wird die Ehe vom Moment der kirchlichen Trauung an angeschaut, die heute oft zeitlich von der standesamtlichen Eheschließung entfernt liegt. Pfarrer Hufsky betont: „Früher konnte man nur mit dem Sakrament zusammenleben. Das ist heute anders. Aber, wer sich kirchlich trauen lässt, sollte das vor Gott gegebene Versprechen, sich immer zu lieben, zu ehren und zu achten, ernst nehmen.“

Hufsky weiß: Ein Ehegericht ist nichts Schönes. Die Menschen, die zu ihm kommen, haben Scheitern erlebt, eine Lebensenttäuschung. Sie kommen oft mit dem Wunsch auf eine neue Eheschließung. „Es ist schön zu wissen, man kann es ermöglichen“, sagt Hufsky. Die Gerechtigkeit ist für ihn ein großer Wert, bekennt der 54-Jährige offen und spricht von einer Erkenntnis, die für ihn wegweisend geworden ist: „Das Recht schützt die Schwachen. Das will ich stärken.“

Seit acht Jahren ist der Westerburger Pfarrer bereits als nebenamtliche Diözesanrichter am Bistum Limburg tätig. „Ich wollte noch etwas bewegen“, begründet er, warum er sich entschloss, 2007 bis 2009 an der Uni Münster Kirchenrecht zu studieren. Berufsbegleitend erwarb er das Lizensiat und erfüllte damit die Voraussetzung, um vom Bischof als Diözesanrichter ernannt zu werden.

Von unserer Reporterin Angela Baumeier

Die Stufen eines Ehenichtigkeitsverfahrens

Die katholische Kirche weiß sich dem Wort Jesu verpflichtet: „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Mt 19,6). Sie betrachtet grundsätzlich jede gültig geschlossene Ehe als unauflöslich, nicht nur die Ehe zwischen Christen. Eine zivile Ehescheidung kann das zwischen den Ehepartnern entstandene Eheband nicht lösen. Es bleibt bis zum Tod eines der Ehegatten bestehen.

Das Bischöfliche Offizialat des Bistum Limburgs befindet sich am Roßmarkt 21.
Das Bischöfliche Offizialat des Bistum Limburgs befindet sich am Roßmarkt 21.
Foto: Angela Baumeier

Dessen ungeachtet wollen viele Geschiedene zu Lebzeiten des bisherigen Partners eine neue Ehe eingehen. Nicht selten wollen sie katholisch-kirchlich heiraten. Das ist aber nur möglich, wenn die erste Ehe kirchlich für ungültig (nichtig) erklärt worden ist. Dafür zuständig ist das Offizialat. Ein Ehenichtigkeitsverfahren beinhaltet mehrere Schritte.

1 In den meisten Fällen ist es ein Ehepartner, der eine Ehe für nichtig erklären möchte, um zumeist eine neue Ehe schließen zu können. Voraussetzung dafür ist, dass zumindest das Scheidungsverfahren eingereicht ist.

2 In einem Beratungsgespräch wird geprüft, ob die Klage, die Ehe für nichtig zu erklären, überhaupt möglich ist. Etwa 40 bis 50 solche Beratungen führt das Offizialat in Bistum pro Jahr durch. 25 bis 30 Fälle werden jährlich positiv beschieden.

3 Mit dem Antrag, die Ehe nichtig zu erklären, muss der Antragsteller zugleich Gründe dafür angeben. Außerdem hat er Zeugen dafür zu benennen, die seine Begründung bestätigen können.

4 Nun beginnt die Arbeit des Kirchengerichts. Die Parteien und Zeugen werden vernommen. Dabei wird weltweit zusammengearbeitet. Leben beispielsweise benannte Zeugen im Ausland, so wird um dortige Amtshilfe gebeten.

5 Wenn der Untersuchungsrichter alles Material zusammen hat, kündigt er den Aktenschluss an. Dann geht alles Material an einen sogenannten Ehebandverteidiger – der prüft, welche Gründe für einen Fortbestand der Ehe sprechen. Auch darüber erhalten beide Partner Einsicht.

6 Am Ende steht das Urteil, das entweder einstimmig oder mit 2:1 Stimmen ausgeht, da das Gericht von drei Personen gebildet wird. Daran können auch Laien mitwirken, allerdings müssen zwei der Diözesanrichter zwingend Kleriker sein.

Wenn keine Berufung eingelegt wird, ist das Urteil gültig und man kann erneut heiraten – außer, wenn ein Trauverbot ausgesprochen wird, beispielsweise wegen notorischer Untreue oder erwiesenere Heiratsschwindelei. „Das haben wir alles schon gehabt“, sagt Diözesanrichter Ralf Hufsky, „Die Seele des Menschen ist unergründlich…“

In der Regel dauert ein solches Kirchengerichtsverfahren zwischen neun Monaten und einem Jahr. Der Kläger zahlt dafür pauschal eine Gebühr von 200 Euro plus eventuelle Gutachterkosten. Diese können aber auch erlassen werden, wenn ein finanzieller Härtefall vorliegt.

bau

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