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Limburg

Märtyrer der Nächstenliebe: Stadt benennt Straßen nach mutigen Pallottinern

Dieter Fluck

Auf dem ehemaligen Pallottiner-Areal „In den Klostergärten“ zwischen der Frankfurter und der Wiesbadener Straße sowie dem Eduard-Horn-Park wird seit mehreren Monaten fleißig gebaut. Auf dem 35.000 Quadratmeter großen Gelände entstehen Bürohäuser, ein Ärztehaus und ein Rewe-Markt, über 50 Wohneinheiten, daneben 21 Einfamilienhäuser, ein Wohnheim der Lebenshilfe, Tiefgaragenplätze und anderes mehr.

Auf dem früheren Pallottinergelände wächst ein neues Stadtquartier in die Höhe. Zwei Straßen erinnern an Klosterbrüder, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.  Foto: Dieter Fluck
Auf dem früheren Pallottinergelände wächst ein neues Stadtquartier in die Höhe. Zwei Straßen erinnern an Klosterbrüder, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.
Foto: Dieter Fluck

Klaus Rohletter, Vorstandsvorsitzender der Limburger Albert Weil AG, entwickelt mit der Noll Baugesellschaft mbH, einer 100-prozentigen Tochterfirma, das Gelände in den Klostergärten des Missionshauses zu einem völlig neuen Stadtquartier. Da ist es nur folgerichtig, dass dort entstehende neue Straßen die Namen bedeutender Männer des Klosters tragen sollen, befand der für die Widmung zuständige Ortsbeirat der Innenstadt. Dessen Mitglieder hatten unlängst beschlossen, dass es künftig den Pater-Henkes-Ring und die Bruder-Kremer-Straße geben wird.

Wenn Straßennamen nach Personen benannt werden, dann bedeutet das, dass diese Persönlichkeiten für ihre besonderen Leistungen geehrt werden, die sie für ihre Stadt oder das Land erbracht haben. Es handelt sich um eine dauerhafte Auszeichnung, die auch für die Nachwelt sichtbar und immer im Gedächtnis aller Menschen bleiben soll. Durch ihre Namen wird der Blick auf bedeutsame Geschehnisse gelenkt, die mit besagten Personen verbunden sind.

Im Fall der Pallottiner gilt die Namensgebung zwei Angehörigen der Apostolischen Gesellschaft, die im Dritten Reich Opfer der NS-Herrschaft wurden. Aus Anlass des Volkstrauertages sollte im Gedenken an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft auch an die beiden Klosterbrüder erinnert werden, stellvertretend für alle Männer und Frauen, die sich mit ihrer Überzeugung, mutig ihrem Glauben folgend, den Schergen des Regimes entgegenstellten.

Unter dem NS-Regime wurden 56 Pallottiner in Gefängnissen und Konzentrationslagern eingesperrt. Drei Patres und zwei Brüder mussten dort für ihre aufrechte Gesinnung ihr Leben lassen; 14 Patres, 50 Brüder und 53 Theologiestudenten kamen in den Kriegswirren um. Ihnen gilt das Gedenken ebenso wie Millionen weiterer Opfer von Krieg und Gewalt.

Der in unserer Region wohl bekannteste Häftling aus dem Kloster der Pallottiner war der aus Ruppach (Westerwald) stammende Pater Richard Henkes, der 1925 in Limburg zum Priester geweiht wurde und anschließend an den Nachwuchsschulen der Pallottiner unterrichtete. 1931 wurde er nach Oberschlesien versetzt. Als entschiedener Gegner, der die Nazi-Ideologie frühzeitig durchschaut hatte und offen das christliche Menschenbild predigte, indem er sich mutig für die Freiheit und Würde des Menschen einsetzte, geriet er deshalb in die Beobachtung der Gestapo. Um ihn zu schützen, wurde Henkes 1941 Pfarrer in Strahndorf im Hultschiner Ländchen, heute Strahovice.

Pater Richard Henkes: Mutig und selbstlos setzte sich der Pallottinerpater für die Werte der Freiheit und der Nächstenliebe ein.
Pater Richard Henkes: Mutig und selbstlos setzte sich der Pallottinerpater für die Werte der Freiheit und der Nächstenliebe ein.
Foto: Pallottinerarchi

Der Seelsorger wurde dort erstmals mit der Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Tschechen konfrontiert und wandte sich gegen jede Diskriminierung. Nachdem er in den zurückliegenden Jahren mehrere Verhöre und eine Inhaftierung glimpflich überstanden hatte, wurde er im April 1943 endgültig festgenommen und nach dreimonatigem Aufenthalt im Gefängnis in Ratibor nach Dachau verfrachtet. In einem Brief aus dem Gefängnis schrieb er: „Am Anfang habe ich noch um meine Freiheit gebetet, jetzt habe ich mich durchgerungen, und wenn ich auch ins Lager müsste, dann werde ich genauso Deo gratias sagen wie bei meiner Verhaftung.“

In Dachau lernte er Tschechisch, weil er nach seiner Rückkehr aus dem Krieg im Grenzgebiet für ein versöhntes Miteinander von Deutschen und Tschechen arbeiten wollte. Die Freiheit vor Augen wollte er die Kranken und Sterbenden im Chaos der letzten Wochen des KZ nicht allein lassen. Im Januar 1945 meldete sich der Seelsorger, der die Nummer 49642 trug, freiwillig zum Pflegedienst an typhuskranken Mitgefangenen. Er steckte sich selbst mit der Krankheit an und starb am 22. Februar, 66 Tage bevor die Amerikaner das Lager befreiten. Henkes gilt bei den Pallottinern als „Märtyrer der Nächstenliebe“.

Zur Würdigung seines christlichen Vorbildes wurde im Mai 2003 der Prozess zur Seligsprechung von Pater Henkes in Gang gesetzt, am 23. Januar 2007 hatte Bischof Franz Kamphaus in einem festlichen Gottesdienst in der Limburger Pallottinerkirche St. Marien den diözesanen Teils des Verfahrens abgeschlossen. Auf dem Limburger Pallottiner-Friedhof ist die Asche des nur 44 Jahre alt gewordenen Priesters beigesetzt. Mithäftlinge hatten durch Beziehungen eine Einzelverbrennung erreicht, sodass die Asche geborgen und nach dem Krieg auf dem Pallottiner-Friedhof beigesetzt werden konnte.

Bei der Vorstellung eines Büchleins aus Anlass des 60. Todestages von Richard Henkes hatte der Limburger Pfarrer Prof. Dr. Ernst Leuninger gesagt: „Für die Ablehnung des Rechtsradikalismus und für einen versöhnenden Grundzug im neuen Europa können wir einen solchen Seligen wie Richard Henkes nur zu gut gebrauchen.“ Pater Henkes zu Ehren wurde vor einigen Jahren der unter der Pallottinerkirche befindliche Saal nach ihm benannt. Künftig wird es in den Klostergärten den Pater-Henkes-Ring geben.

Von Dieter Fluck

Ordensbruder half Fremdarbeitern

In dem Buch „Zeugen für Christus“ – im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz herausgegeben von Helmut Moll – wird Bruder Johannes-Leodegar Kremer beschrieben, der am 30. April 1893 in Mannheim das Licht der Welt erblickte und am 6. November 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet wurde. Nach dem Besuch des Gymnasiums, das er mit der Mittleren Reife verließ, und einer Kaufmannslehre trat er ins elterliche Geschäft ein. Er war musisch begabt, hatte das Konservatorium in Mannheim besucht, lernte Klavier und Violine, schrieb Gedichte.

Bruder Johannes Kremer wurde in Brandenburg hingerichtet.
Bruder Johannes Kremer wurde in Brandenburg hingerichtet.
Foto: Pallottinerarchi

Krank und gebrochen kehrte er aus dem Ersten Weltkrieg zurück, lernte während eines Erholungsaufenthalts am Kaiserstuhl Zeitschriften der Pallottiner kennen und fühlte sich von der Arbeit der dort tätigen Brüder angesprochen. Anstatt nach dem Willen seines Vaters das elterliche Geschäft zu übernehmen, trat er 1921 den Limburger Pallottinern bei und fand eine Beschäftigung in der Betreuung der Abonnenten. Er wurde zum Mittler zwischen den Freunden der Pallottiner und den Missionaren in Übersee. Als es durch die Gestapo darum ging, auch den Limburger Pallottinern Devisenvergehen zu unterstellen, lernte Bruder Kremer bereits 1936 Methoden kennen, mit denen die kirchenfeindliche Gestapo Verhöre durchführte. Im August 1941 wurde der damals 47-Jährige zur Flughafenfirma Junkers nach Kassel dienstverpflichtet. Er arbeitete dort auf dem Lohnbüro. Dank seiner Französischkenntnisse aus dem Ersten Weltkrieg setzte sich der Ordensbruder für belgische Fremdarbeiter ein. Er lernte Italienisch, um sich den italienischen Arbeitern widmen zu können. Kremers Verhalten stieß auf Misstrauen bei den regimetreuen und kirchenfeindlichen Mitarbeitern. Er wurde denunziert, bespitzelt, angezeigt. Vermutlich waren es zwei Bemerkungen, die am 30. Juni 1944 zu Kremers Verhaftung führten, der entwürdigende Verhöre folgten. Er hatte bezweifelt, dass die Alliierten Rom bombardiert hätten. Ebenso hatte er Zweifel am Fortbestand der Regierung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geäußert.

Foto: Pallottinerarchi

Am 4. Oktober 1944 sprach der Präsident des Volksgerichtshofes in Berlin, Dr. Roland Freisler, Kremers Todesurteil wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung. Am 6. November desselben Jahres wurde Bruder Johannes Kremer im Zuchthaus Brandenburg-Görden enthauptet. Im selben Monat erfolgte die Beisetzung der Urne auf dem Friedhof der Limburger Pallottiner. In Kassel erinnert seit zwei Jahren ein Stolperstein an den tapferen Gottesmann, nach dem ein Sitzungszimmer im Missionshaus benannt ist. Künftig gibt es im Neubaugebiet die Bruder-Kremer-Straße.

Seinen Tod hatte er als Opfer für Jesus Christus und seine Kirche angenommen. So schrieb er am 25. Oktober 1944 in einem Brief an seine Schwester Betty mutig und gläubig: „So beschließe ich mein Leben wie mein Namenspatron“, und am 6. November an den Limburger Pallottinerpater Stock unter anderem: „Am heutigen Tage gebe ich mein Leben in die Hände meines Schöpfers zurück …“

Dieter Fluck

Westerwald extra
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