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    Junge Flüchtlinge im Westerwald: Auf dem Weg in einen neuen Alltag

    Viel erinnert nicht mehr an die einstige und zuletzt leer stehende Gaststätte in Herschbach/Oww., die im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes zur Unterkunft für unbegleitete und minderjährige Flüchtlinge umgebaut worden ist. Wo früher der Tresen stand, an dem Bier ausgeschenkt wurde, ist heute ein langer Flur. Im Saal, in dem die großen Feste gefeiert wurden, sitzen heute Jugendliche an einem langen Tisch und machen ihre Hausaufgaben. Die jungen Menschen sind aus ihrer Heimat geflohen, haben ihre Familien aufgegeben und hier nach einer langen Reise Zuflucht im Westerwald gefunden. Die Räume, die einst ein gesellschaftliches Zentrum in Herschbach waren, sind jetzt Heimat und Unterkunft für junge Flüchtlinge, die ihren Weg in eine neue Gesellschaft suchen.

    Der 17-jährige Nadir Amiri ist einer von zwölf minderjährigen Flüchtlingen, die in dem Heim leben. Am Nachmittag machen die Jugendlichen im Gemeinschaftsraum ihre Hausaufgaben.
    Der 17-jährige Nadir Amiri ist einer von zwölf minderjährigen Flüchtlingen, die in dem Heim leben. Am Nachmittag machen die Jugendlichen im Gemeinschaftsraum ihre Hausaufgaben.
    Foto: Sascha Ditscher

    Von unserem Mitarbeiter David Lauf

    Diesen Weg für junge Flüchtlinge begehbar zu machen, ist für Politik und Verwaltung eine neue und besondere Aufgabe: "Das ist eine gewaltige Herausforderung, und das wird seine Zeit brauchen." Mit diesen Worten warb Landrat Achim Schwickert in der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses um Geduld hinsichtlich der vielfältigen Aufgaben, die dem Kreis im Zuge der räumlichen und sozialen Integration von minderjährigen und unbegleiteten Flüchtlingen begegnen. Aber Zeit ist nur ein Aspekt. Es braucht auch Geld. Deshalb will die Verwaltung 2,4 Millionen Euro, die dem Kreis eigentlich für das Betreuungsgeld zustehen, für zusätzliche Leistungen im Kinder- und Jugendbereich verwenden. Diesem Vorschlag soll der Ausschuss in seiner Sitzung zustimmen. Zwar kommt das Geld, das über drei Jahre in Tranchen von 800 000 Euro an den Kreis ausgezahlt wird, auch Kindergärten und Jugendhilfeeinrichtungen zugute. Doch im Verlauf der Sitzung wird deutlich, dass gerade Verwaltung und Organisation rund um die Arbeit mit jungen Flüchtlingen im Kreis zu zentralen Themen geworden sind. Dorthin sollen nun jährlich 220 000 Euro fließen.

    Udo Sturm ist Leiter der Abteilung Jugend und Familie der Kreisverwaltung. Er unterrichtet den Ausschuss über die Situation, was die Unterbringung junger Flüchtlinge angeht, über Kosten und Kalkulationen, über fehlende Schulplätze und den Berg an Verwaltungsarbeit. Die Unvorhersehbarkeit der politischen Entwicklungen, so sagt er dem Gremium, erschwere die Planungen, und freie Plätze in den Unterkünften würden vom Bund nicht finanziert. So muss sich Udo Sturm neben den Schicksalen der jungen Menschen auch mit den finanziellen Aspekten ihrer Unterbringung befassen - was seine Aufgabe nicht einfacher macht. Eine große Erleichterung sei es, dass die enge Zusammenarbeit mit den Trägern der Unterkünfte nahezu problemlos funktioniere.

    150 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge soll der Kreis gemäß Landesquote aufnehmen. Insgesamt sind es aktuell 134 in Unterkünften, von denen es im Kreis derzeit vier gibt, bei Verwandten und in Gastfamilien. In der Unterkunft in Herschbach sind zwölf von ihnen untergebracht.

    Herschbacher zeigten sich offen für das Projekt

    Als Detlef Gösel für das Deutsche Rote Kreuz Ende vergangenen Jahres im Kreis nach einer geeigneten Unterkunft suchte, war die leer stehende Gaststätte in Herschbach nur eines von vielen Objekten. Doch das Gebäude, mit seinem großen Hof, dem großen Saal und den vielen versteckten Räumen, hatte es ihm schon bei seinem ersten Besuch angetan. Er lud zu einer Bürgerversammlung ein, um für sein Vorhaben zu werben, eine Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge zu errichten. Die Idee fand Zuspruch bei den Einwohnern, und nach nur vier Monaten Umbauzeit konnten im Januar die ersten jungen Flüchtlinge in die Einrichtung einziehen. "Natürlich hat man auch immer Leute, die man erst überzeugen muss", schildert der Einrichtungsleiter, aber spätestens der Tag der offenen Tür habe gezeigt, dass die "Jungs", wie Gösel sie vertrauensvoll nennt, hier willkommen sind. An besagtem Tag folgten rund 300 Besucher der Einladung, sich ein Bild von der Einrichtung und den neuen Ortsbürgern zu machen. "Mit diesem Ansturm hatten wir nicht gerechnet", erklärt Mitarbeiter Andreas Berneiser. Und dass die neue Unterkunft mal eine Gaststätte war, ist für Mitarbeiterin Judith Ancke eine zusätzliche Chance: "Wir hoffen, dass dieser Ort auch ein Ort der Begegnung wird, gerade weil er für viele Bürger natürlich noch mit alten Erinnerungen und Geschichten verknüpft ist." Noch wichtiger als die Zahl der Besucher sei an diesem Tag aber der gelungene offene Austausch zwischen den ansässigen Bürgern und den jungen Flüchtlingen gewesen.

    Christiane Wadle, Mitarbeiterin in der Abteilung von Kreisjugendamtsleiter Udo Sturm, tritt vor dem Jugendhilfeausschuss ans Rednerpult und berichtet von ihrer alltäglichen Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen. Der Verwaltungsaufwand sei enorm, rechtliche Fragen oft ungeklärt und die Arbeit ein "tägliches Geschiebe, Absagen und Einplanen von Terminen". Zwischen alledem sei man bestrebt, den jungen Geflüchteten eine Tagesstruktur zu geben. Und nicht alles liefe immer glatt. Man habe auch Jugendliche, die Probleme machten, die mit der Situation überfordert seien, was sich im Weglaufen oder dem Zerstören von Gegenständen zeige. Doch insgesamt seien das Ausnahmen. Der Wille zur Integration sei bei vielen ebenso deutlich spürbar wie der gute Zusammenhalt untereinander.

    Die zwölf Jugendlichen in der Herschbacher Unterkunft sitzen am langen Tisch im neuen Gemeinschaftsraum. Gemeinsam machen sie Hausaufgaben, lesen oder büffeln deutsche Vokabeln. Sie sind freundlich, gesprächig und neugierig. Was sofort auffällt, ist ihr gutes Deutsch, nach nur acht Monaten in Deutschland. Mitarbeiterin Ancke schwärmt von ihrer Disziplin und ihrem Willen: "Was das Deutschlernen betrifft", sagt sie stolz, "da sind die Jungs unglaublich motiviert, alle, ausnahmslos. Und es ist erstaunlich, was sie alles schon verstehen."

    Einer von ihnen ist Abdulrahman, 18 Jahre, aus Syrien. Er habe in Syrien sein Abitur gemacht, wolle jetzt schnellstmöglich die geforderten Deutschkenntnisse nachweisen, um in Deutschland studieren zu können. Die Frage, was er studieren wolle, beantwortet er, ohne nachzudenken, aber mit einem breiten und überzeugten Lächeln im Gesicht: "Medizin".

    Der andere ist Masoud, 17 Jahre, aus Afghanistan. Auch er lächelt, zeigt einen hölzernen Topfuntersetzer, den er im Werkunterricht in der Berufsschule gebaut hat. Die Arbeit mit Holz mache ihm Spaß, das könne er sich als Beruf später gut vorstellen. Und auch die neue Umgebung gefällt ihm: "Das Haus ist sehr gut, die Leute sind super, mir gefällt es hier."

    "Hin und wieder sickert durch, was die Jungs alles erlebt haben."

    Es sind Worte der Zufriedenheit und der Hoffnung zugleich. Das, was die Jugendlichen in ihrer Heimat und auf den Fluchtwegen erlebt haben, lässt sich nur erahnen. "Hin und wieder sickert durch, was die Jungs alles erlebt haben. Das möchte man sich gar nicht alles vorstellen", erzählt Gösel von Gesprächen mit den Jugendlichen. Die Situation in ihrer Heimat und ihre monatelange Flucht lassen den Wunsch nach Normalität aufkommen. Nach dem, was auch Christiane Wadle vor dem Jugendhilfeausschuss als unverzichtbar bezeichnete: eine Tagesstruktur. Mit Blick auf die Heimat der Jugendlichen ist das aber nicht immer einfach. "Familie hat für die Jungs eine unglaublich hohe Bedeutung, sie telefonieren und schreiben täglich nach Hause", erklärt Judith Ancke. "Und natürlich sind sie mit den Gedanken oft bei ihren Familien in Syrien oder Afghanistan, von wo fast täglich Meldungen von Anschlägen oder Kriegsopfern kommen. Das ist für sie auch alles andere als leicht."

    Dennoch geben sich die Mitarbeiter der Unterkunft in Herschbach alle Mühe, um ihnen so etwas wie Alltag zu ermöglichen. Neben dem Schul- und Sprachkursbesuch bieten sie ein Freizeitprogramm an: von Schwimmkursen bis hin zu gemeinsamen Laufeinheiten. "Ihr Bewegungsdrang ist schon unglaublich groß", sagt Andreas Berneiser, dem die Arbeit mit den jungen Flüchtlingen sichtlich Spaß bereitet. "Es kann auch mal anstrengend sein, aber man bekommt auch sehr viel zurück."

    Für die Sommerferien sind Gösel und sein Team gerade auf der Suche nach Praktikumsplätzen, um auch in der schulfreien Zeit Beschäftigungen anzubieten und den jungen Männern das Berufsleben näherzubringen. Das ist eine der vielen Aufgaben, die gemeinsam die Herausforderung ausmachen, von der Landrat Schwickert gesprochen hatte. Das Geld vom Bund soll diese Aufgaben erleichtern und ist eine wichtige Investition in die Zukunft der Region. Dieser Ansicht sind die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses, die der vorgeschlagenen Verteilung des Geldes einstimmig zustimmten.

    Die alte Gaststätte, die den zwölf neuen Herschbacher Bürgern ein neues Zuhause bietet, ist ein verwinkeltes Gebäude mit vielen versteckten Ecken und Räumen. Doch die Jugendlichen verstecken sich nicht. Nach den Hausaufgaben führt ihr Weg oft nach draußen. Dann spielen sie Basketball im großen Hof oder fahren mit dem Fahrrad durchs Dorf. Sie wollen ihren Weg ins Dorfleben finden. Und ohnehin gehören sie für viele ihrer Mitmenschen längst dazu. David Lauf

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