40.000
Aus unserem Archiv
Hachenburg

Hachenburger Geschichte: Historiker verfolgt die Spur eines Massenmörders

Nadja Hoffmann-Heidrich

Wenn Jakob Saß von seiner Arbeit erzählt, könnte man meinen, der junge Mann wäre Kriminalist. Denn zurzeit liegt seine Kernaufgabe darin, jeder noch so kleinen Spur eines Mannes nachzugehen, der für den Tod von mindestens 3000 Menschen verantwortlich ist. Doch Saß ist kein Kriminalist, arbeitet auch nicht bei der Polizei. Sondern er ist Historiker, der es sich schon früh in seinem Studium zur Aufgabe gemacht hat, das Leben des aus Hachenburg stammenden SS-Offiziers und ehemaligen KZ-Aufsehers Adolf Haas zu erforschen.

Adolf Haas (vorneweg) bei einem Nazi-Aufmarsch auf Höhe des heutigen Landschaftsmuseums in Hachenburg.  Repro: Bruno Struif/Geschichtswerkstatt Hachenburg:
Adolf Haas (vorneweg) bei einem Nazi-Aufmarsch auf Höhe des heutigen Landschaftsmuseums in Hachenburg. Repro: Bruno Struif/Geschichtswerkstatt Hachenburg:

Bereits 2016 hat Saß zusammen mit dem Hachenburger Stadtarchiv eine Biografie über Haas herausgebracht (die WZ berichtete). Noch in diesem Jahr möchte der Berliner Historiker ein weiteres, ausführlicheres Buch über den NS-Verbrecher veröffentlichen. Bei der Finanzierung des Projektes soll eine Crowdfunding-Aktion helfen. Doch Saß hofft nicht nur auf finanzielle Unterstützung, sondern vor allem auch darauf, dass sich Zeitzeugen aus Hachenburg an Haas erinnern. Und Antworten auf Saß' Fragen geben: Wie wurde in der Stadt über den früheren Bäcker, der in der SS Karriere machte, geredet? Wer erinnert sich an die letzten Kriegstage im Westerwald? Was wurde über Haas erzählt? War sein Bildungsmangel bekannt? Hat ihn jemand gesehen oder weiß jemand etwas über seinen Verbleib?

Historiker Jakob Saß.  Foto: Röder-Moldenhauer
Historiker Jakob Saß.
Foto: Röder-Moldenhauer

Durch seine intensive Recherche hat Saß, der zurzeit für ein weiteres Forschungsprojekt in London weilt, in den vergangenen Monaten etliche neue Hinweise zusammengetragen. So wird er beispielsweise in seinem neuen Buch beweisen, dass der SS-Mann am 31. März 1945 (der Tag, der 1950 – nach einem Antrag der Ehefrau auf Todeserklärung – als offizielles Todesdatum festgelegt wurde) definitiv noch lebte. In diesem Zusammenhang will der junge Berliner Historiker auch die Rolle der Behörden bei der Suche nach Haas beleuchten.

Die Ehefrau hatte damals zu Protokoll gegeben, ihren Mann am 15. März 1945 (dem Tag des großen Bombardements) in Hachenburg das letzte Mal gesehen zu haben. Danach habe er sich aufgemacht nach Hamburg zu einem Einsatzbefehl. Saß hat jedoch Akten aufgespürt, dass Haas Ende April 1945 mindestens noch für den Tod eines weiteren Menschen mitverantwortlich war. Danach allerdings verliert sich seine Fährte. Weitere Anhaltspunkte erhofft sich Saß durch die Nachfahren des Massenmörders. Der Historiker hat herausgefunden, dass Haas' Töchter nach dem Krieg nach Wiesbaden zogen und dort Adressbüchern zufolge zum Teil bis in die 90er-Jahre lebten. Die Staatsanwaltschaft ließ die Familien der Töchter Anfang der 60er-Jahre beschatten, weil sie herausfinden wollte, ob Adolf Haas bei ihnen auftaucht. Zu jener Zeit wohnte im gleichen Wiesbadener Stadtteil auch ein Adolf Haas (mit Zusatzangabe Rentner). Ob es sich dabei um den Gesuchten handelte, kann Saß noch nicht sagen. Ein Enkel von Haas stellte 1993 beim Internationalen Suchdienst Bad Arolsen (ITS) eine Anfrage nach seinem Großvater, da er nichts über dessen Verbleib wusste. Doch der ITS konnte ihm nicht weiterhelfen. Kurz darauf verstarb der Enkel.

Haas, der KZ-Aufseher in Bergen-Belsen (dort starb unter anderem Anne Frank) und Niederhagen/Wewelsburg war, hat seine Familie nie zu seinen Dienstorten nachgeholt, aber in seiner Zeit als Kommandant mehrere Kunstgegenstände, Möbelstücke und Kinderspielzeug, angefertigt von Häftlingen, nach Hachenburg geschickt. Einige dieser Gegenstände müssen sich zumindest noch in den 1990ern im Besitz der Nachfahren befunden haben. Gerade diese Ambivalenz in Haas' Biografie – unsagbare Brutalität auf der einen und seine Vorliebe für Kunst auf der anderen Seite, macht die Arbeit für Saß so spannend, der der Person des Hachenburgers genau auf den Grund gehen, diese dabei aber keineswegs nur schwarz-weiß malen möchte. „Ich will versuchen darzustellen, wie aus dem Bäcker Haas ein Massenmörder wurde“, begründet der junge Historiker.

Über Adolf Haas' Kunstliebe hat Jakob Saß einen Artikel bei Spiegel online veröffentlicht, nachzulesen unter: www.ku-rz.de/adolfhaas

Von unserer Redakteurin Nadja Hoffmann-Heidrich

Montabaur Hachenburg
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Online regional
Markus Eschenauer Markus Eschenauer (me)
Online regional
Tel. 02602/160474
E-Mail
epaper-startseite
Regionalwetter Westerwald
Montag

14°C - 26°C
Dienstag

15°C - 28°C
Mittwoch

15°C - 29°C
Donnerstag

15°C - 28°C
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
Bildergalerien: Fotos unserer Leser
&bdquo;Pfui Spinne&ldquo; mag der ein oder andere beim Anblick dieses Fotos von Volker Horz denken. Und doch hat die Detailaufnahme dieses Festmahls ihren ganz eigenen Reiz. Jedenfalls ist dem Achtbeiner hier ein dicker Fang ins Netz gegangen.&nbsp;Wenn auch Sie ein sch&ouml;nes Bild f&uuml;r unsere Leserfoto-Rubrik haben, dann schicken Sie es an die Adresse <a href="mailto:montabaur@rhein-zeitung.net">montabaur@rhein-zeitung.net</a>. Beachten Sie dabei bitte die erforderliche Mindestaufl&ouml;sung von 2500 mal 1500 Pixel.

Mit der Kamera im Westerwald unterwegs: Hier zeigen wir die schönsten Fotos unserer Leser. Zusenden per E-Mail.