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Hundsangen

Ein Dorf ohne Rat und Chef: Kuriose Situation in Hundsangen

Susanne Willke

Der Ortsbürgermeister von Hundsangen, Alois Fein, nimmt seinen Hut und tritt den Rückzug an. Nach 18 Jahren an der Spitze der 2100-Seelen-Gemeinde verkündet er diesen Schritt quasi stillschweigend im Amtsblatt der Verbandsgemeinde Wallmerod.

Im Rathaus hat vor einem Monat das große Stühlerücken begonnen. Nun wird nach dem Gemeinderat auch Ortschef Alois Fein zurücktreten.
Im Rathaus hat vor einem Monat das große Stühlerücken begonnen. Nun wird nach dem Gemeinderat auch Ortschef Alois Fein zurücktreten.
Foto: Sascha Ditscher

Er sei zu dem Schluss gekommen, dass es vielleicht besser sei, „wenn neben den neuen Matrosen auch ein neuer Kapitän das Schiff betritt“. Denn vor gut einem Monat waren alle Mitglieder des Gemeinderates, die Matrosen, geschlossen zurückgetreten. Damit ist Hundsangen ab 1. Juli ohne Ortschef und ohne Gemeinderat. Eine Situation, mit der das Dorf in Rheinland-Pfalz Geschichte schreiben dürfte.

Noch bis zum 30. Juni leitet die Geschäfte der Gemeinde Ortsbürgermeister Alois Fein. Ab 1. Juli übernimmt der Beigeordnete Marco Weißer diese Aufgabe bis zu den Neuwahlen, heißt es im Amtsblatt. Weißer, der fast zwei Jahre als Schriftführer des Gemeinderates fungierte, war erst vor Kurzem zum Beigeordneten gewählt worden, ohne aber Mitglied des Gemeinderates zu sein. Er blieb demzufolge an der Seite von Alois Fein, auch nachdem der 16-köpfige Rat am 6. April dem Ortsbürgermeister sein Misstrauen aussprach und den Rücktritt erklärte.

Die Suche nach neuen Ratsmitgliedern begann, mehr als 20 Hundsänger standen auf der Liste der möglichen Nachrücker. Persönliche Gespräche hinter verschlossenen Türen sowie die offiziellen und vorgeschriebenen Anschreiben führten nicht zum Ziel. Bis zuletzt gab es nur eine Zusage. So drängten sich Neuwahlen für den Gemeinderat auf, die die zuständige Aufsichtsbehörde des Westerwaldkreises zwischenzeitlich für den 12. August festgelegt hat. Nun müssen die Bürger an diesem Tag auch einen neuen Ortsbürgermeister wählen. Ein entsprechendes Wahlverfahren bereite die Verwaltung der Verbandsgemeinde Wallmerod in Abstimmung mit dem Westerwaldkreis vor, so Alois Fein in seiner Verlautbarung.

Foto: Screenshot/Amtsblättchen

Aber der scheidende Ortschef verkündet nicht nur Organisatorisches. Er drückt auch sein Bedauern aus darüber, dass vermutlich keine Form der Zusammenarbeit mit dem Rat mehr möglich gewesen sei, obwohl er immer für Gespräche zur Verfügung gestanden habe. Er bedankt sich bei allen Ratsmitgliedern, insbesondere auch bei den Beigeordneten, mit denen er im Laufe der Jahre zusammengearbeitet hat, für die Freizeit, die sie in die politische Arbeit investiert hätten. Nachdem Alois Fein auf den Rücktritt seiner kompletten Ratsmannschaft zunächst mit einem gewissen Unverständnis reagierte und immer wieder betonte, er habe nichts falsch gemacht, deshalb werde er sein Amt bis zum Ende erfüllen, lenkte er nun ein. Persönlich wollte er sich zu seinen Beweggründen gegenüber der WZ nicht äußern, äußerte nur, er habe in seiner Rücktrittserklärung alles Nötige gesagt.

Dort arbeitet er weiter mit dem Vergleich einer Schiffsmannschaft: Er habe sich in den vergangenen Wochen die Frage gestellt, was passiert, wenn es zwar vorgezogene Kommunalwahlen für den Gemeinderat gäbe und somit neue Matrosen für das „Schiff Gemeinde Hundsangen“ gesucht würden, aber der Ortschef als Kapitän an Bord bleibe? Die Antwort fand er nach vielen Gesprächen mit seiner Familie, mit Freunden und Bekannten. Dabei sei der Entschluss gereift, das Amt des Ortsbürgermeisters freizugeben und damit den Weg für vollständige Neuwahlen zu ermöglichen. Zwar hätte er gerne noch verschiedene Projekte weiterbegleitet, aber: „Vielleicht ist auch es Zeit für einen Neuanfang in unserer Gemeinde. Neue Köpfe haben frische Ideen, den Ort noch weiter nach vorne zu bringen“, schreibt Alois Fein. Und er gibt der Gemeinde Hundsangen mit auf den Weg: „Wir müssen uns nicht verstecken. Wir haben eine gute Infrastruktur, sei es Ärzte, Kindergarten, Schule oder Geschäfte zur Deckung des täglichen Bedarfs.“

Der Wind wird nun das „Schiff Gemeinde Hundsangen“ in andere Fahrwasser wehen. Die Richtung bestimmen am Sonntag, 12. August, die Hundsänger, sei es durch den Gang zur Wahlurne oder die aktive Beteiligung in Form einer Kandidatur.

Von unserer Redakteurin Susanne Willke

Wie geht's jetzt weiter

Auch wenn es bisher noch selten ein Dorf gegeben hat, in dem sowohl der Gemeinderat als auch der Ortsbürgermeister zurücktreten, sieht die Gemeindeordnung (GemO) von Rheinland-Pfalz auch für diese Fälle Regelungen vor, damit die Gemeinde im Großen und Ganzen handlungsfähig bleibt. Die Frage danach beantwortet die Aufsichtsbehörde des Westerwaldkreises so: „Die Geschäfte der laufenden Verwaltung werden bis zum 30. Juni grundsätzlich durch den Ortsbürgermeister, danach durch einen Beigeordneten geführt.

Soweit unaufschiebbare Angelegenheiten der Ortsgemeinde nicht im Rahmen des Eilentscheidungsrechts nach § 48 GemO entschieden werden können, wird von der Aufsichtsbehörde zu prüfen sein, ob ein Beauftragter nach § 124 Abs. 1 Nr. 2 GemO bestellt werden muss. Dies könnte beispielsweise den Aufgabenbereich der anstehenden Wahlen betreffen. Letztlich ist in jedem Einzelfall zu prüfen, ob die rechtlichen Voraussetzungen für die Bestellung eines Beauftragten gegeben sind. Eine generelle Aussage dazu kann nicht getroffen werden.“ Dies gilt bis zur Neuwahl. Die Aufsichtsbehörde legte mittlerweile den Wahltermin für den Gemeinderat und den Ortsbürgermeister auf den 12. August fest. skw
Montabaur Hachenburg
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