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Die ganz große Liebe: Ein Leben mit Büffeln

Julia Bourmer lebt in Maxsain auf einem kleinen Hof – aber keinesfalls allein. Zu ihrer Familie zählen unter anderem vier transsylvanische Büffel. Wir haben die ungewöhnliche Frau und ihre ungewöhnlichen Haustiere getroffen.

Auf Julia Bourmers Grundstück leben vier Büffel, darunter Büffeldame Florica. Foto: Hallermann
Auf Julia Bourmers Grundstück leben vier Büffel, darunter Büffeldame Florica.
Foto: Hallermann

Die Weide hinter dem Anwesen von Julia Bourmer ist noch gefroren. Hufe haben tiefe Spuren im Boden hinterlassen, die Erde zu kleinen Kratern aufgewühlt. Vereinzelt blinzeln erste Grashalme durch die Schneereste des Winters. Die junge Frau klettert geschwind durch den Zaun, sucht sich ihren Weg am Rand der Koppel und wirft immer wieder einen Blick über die Schulter. „Florica, komm mal gucken“, ruft sie mehrfach. Und tatsächlich. Am anderen Ende der Weide setzt sich ein großes Tier zögerlich in Bewegung. Ein Büffel. Oder besser: eine mehr als 800 Kilo schwere Büffeldame, die direkt auf die zierliche Frau zutrottet. Bourmer begrüßt sie wie eine Freundin, tätschelt den Hals, die Nüstern. Wie die Maxsainerin wohl zu ihrem ungewöhnlichen Haustier gekommen ist? Und wie passen eine Komposttoilette und ein einjähriger Selbstversuch in die Geschichte? Im Gespräch mit unserer Zeitung hat sie alle Fragen beantwortet.

Julia Bourmer ist 34 Jahre alt und lebt zusammen mit ihrer Familie auf einem Kleinsthof zwischen der Hauptstraße und dem Saynbach in Maxsain. Zu ihrer Familie gehören neben ihren Eltern auch zwei Huzulenpferde aus dem Gebiet der Ostkarpaten – und vier transsylvanische Büffel. Ihre Geschichte beginnt im Jahr 2011, als die Familie das Anwesen in Maxsain erworben hatte. Ein schönes, altes Bauernhaus, das früher mal eine Mühle war. Zu dem Hof gehören 8,5 Hektar Land. „Mir hätte eigentlich ein etwas größerer Garten gereicht“, erzählt Bourmer und schmunzelt. „Aber nun war das Land eben da, und es hat mich einfach gepackt.“ Denn die 34-Jährige erinnerte sich an eine Reise nach Rumänien 2007, bei der sie erstmals mit den Hornträgern in Berührung kam, war gleich fasziniert von den Tieren. Sie informierte sich, kam zu dem Schluss, dass die Büffel eine gute Lösung für ihre Feuchtwiesen seien. Auf einem Beweidungs- und Landschaftspflegeprojekt in der Wahner Heide in Köln hat sie sich zunächst drei junge transsylvanische Büffel angesehen und dann gekauft, jeweils kaum ein Jahr alt und noch deutlich kleiner. Mit dem Pferdeanhänger ging es in die neue Heimat. „Und mit vielen Schweißperlen“, ergänzt Bourmer. „Aber den Tieren ging es gut, und das war die Hauptsache.“

Büffel können kleine Kunststücke

Florica lässt die Zärtlichkeiten ihres Frauchens zu, wirft hin und wieder den Kopf in den Nacken. Ihr Name stammt aus dem Rumänischen und bedeutet die Aufblühende. Bourmer hat allen ihren Büffeln rumänische Namen gegeben. „Der, der uns gerade so anstarrt und kaut, das ist der Chef hier“, erklärt die gebürtige Koblenzerin, die in Nauort aufgewachsen ist, und deutet auf den größten der vier Büffel. „Sein Name ist Barosan, was so viel heißt wie schwerer Junge oder Hammer-Typ.“ Bourmer kennt ihre Tiere, ihre Körpersprache. Trotzdem schaltet sie den Elektrozaun vorübergehend aus. Zur Sicherheit. „Da passiert aber nichts“, sagt sie. „Die Tiere sind nicht aggressiv, können aber manchmal etwas überschwänglich sein, was Fremde irritieren kann.“

Julia Bourmer hat sich für ein Jahr in eine alte Scheune zurückgezogen. Eingerichtet hat sie sich nur mit den nötigsten Dingen, versorgt hat sie sich größtenteils selbst.  Foto: Verena Hallermann
Julia Bourmer hat sich für ein Jahr in eine alte Scheune zurückgezogen. Eingerichtet hat sie sich nur mit den nötigsten Dingen, versorgt hat sie sich größtenteils selbst.
Foto: Verena Hallermann

Barosan hat heute kaum Interesse. Gemächlich kaut er sein Heu, steht zwischen seinen Büffelkumpel Decebal und seiner Dame Dochia. Dochia ist nach einer rumänischen Märchenfigur benannt, die besonders schlau ist. Heute weiß Bourmer, dass sie ihren Namen zurecht trägt. „Sie kann sogar Reißverschlüsse öffnen“, erzählt sie stolz. „Deswegen nenne ich sie auch kleiner Professor.“

Ihre Büffel sind aber mehr als nur Haustiere – geschweige denn Kuscheltiere, wie Bourmer betont. Sie sind Teil ihres Landschaftspflegeprojektes. Wenn Feuchtwiesen nicht genutzt werden, wuchern sie zu. Das wirkt sich negativ auf die Artenvielfalt aus. „Hier haben die Büffel einen guten Job gemach“, erklärt sie. „Sie haben die Fläche frei gefressen und so für mehr Licht gesorgt.“ Auf dem Land hinter dem Hof der Familie Bourmer haben sich dadurch neue Arten angesiedelt, erzählt die junge Hofbesitzerin. Darunter Vogelarten wie die Bach- und Gebirgsstelze. Sie folgen den Büffeln, wenn sie an warmen Tagen nach einem Schlammbad in ihren Suhlen ihr Fell in der Sonne trocknen, zufrieden durch die Wiesen trotten und so beiläufig die Insekten aufscheuchen.

Julia Bourmer über Büffeldame Dochia: „Sie kann sogar Reißverschlüsse öffnen. Deswegen nenne ich sie auch kleiner Professor.“
Julia Bourmer über Büffeldame Dochia: „Sie kann sogar Reißverschlüsse öffnen. Deswegen nenne ich sie auch kleiner Professor.“
Foto: Verena Hallerman

Vor allem Geduld und Zeit braucht Bourmer für ihre Tiere. Als die Büffel auf den Hof kamen, hat sie viele Wochen auf der Weide verbracht. Stundenlang saß sie einfach nur da, hoffte, dass die Tiere ihre Scheu verlieren. „Am Anfang waren sie noch halb wild und hielten Fluchtdistanz“, erinnert sie sich. „Heute hat sich die Mühe bezahlt gemacht. Auf Kommando legen sie sich sogar hin – meistens zumindest.“ Während sich die Büffel im Sommer von der reich gedeckten Wiese ernähren, füttert Bourmer im Winter Heu oder Gehölzschnitt zu – selbst ein Tannenbaum darf es schon mal sein. „Für mich macht es keinen Unterschied, ob ich mich um einen Hund oder eine Kuh kümmere“, sagt sie. „Der Hund wird oft verhätschelt, die Kuh wird aber oft für doof gehalten, nur weil die Menschen sie essen. Und das ist ein bisschen kurz gedacht.“

Julia Bourmer ist Vegetarierin. Schon als Kind hat sie ihre Liebe für Tier und Natur entdeckt. Aber sie hatte nie viel Zeit, lebte viele Jahre aus dem Koffer. Denn Bourmer ist gelernte Schauspielerin. Nach ihrem Schulabschluss in Höhr-Grenzhausen ging sie an die ehemalige Schauspielschule in Montabaur. Von 2002 bis 2005 lernte sie dort. Später trat sie im Akademie-Theater auf, spielte unter anderem bei Boulevardkomödien oder Kindertheater mit und schaffte es deutschlandweit auf die Bühnen. Auch als Sängerin trat sie ins Rampenlicht. Klein fing sie an im Schulchor Höhr-Grenzhausen und im Kirchenchor in Nauort. Sie lernte zunächst privat bei einer Opernsängerin in Harschbach (Kreis Neuwied), widmete sich dann aber mehr dem Jazz und dem Musical. „Ich liebe die Vielfalt, egal ob im Schauspiel oder im Gesang“, sagt sie. „Mir ging es nicht um die Rolle oder um den Auftritt, sondern um den Moment an sich, wenn das Publikum mitgegangen ist und die Chemie stimmte.“

Aus einem Blog wurde ein Buch

Es wird Zeit, Barosan und seine Damen in Ruhe zu lassen. Von der Weide geht es zurück durch den Zaun. Die Büffel verfolgen Bourmer mit ihren Blicken, kauen ruhig ihre Heuration. Der Weg führt aber nicht in das Bauernhaus, sondern in die benachbarte Scheune. Hinter der Tür offenbart sich eine kleine Wohnung. Die Wände sind mit Holzpaneelen verkleidet. Eine alte Küche zieht den Blick auf sich. In der Vorratskammer lagern Einmachgläser mit Erbsen, Bohnen oder selbst gemachter Marmelade. Einen Kühlschrank gibt es nicht, genauso wenig wie einen Fernseher. Das Badezimmer entspricht bei Weitem nicht den Anforderungen eines modernen Haushaltes. Die Toilette funktioniert ohne Wasser. Es ist eine alte Komposttoilette, wie es sie schon in der Antike gab. Mit Hilfe von Holzspänen oder Asche wird aus den Exkrementen Erde. Bourmer hat sich ihren kleinen Rückzugsort für einen Selbstversuch eingerichtet. Ein Jahr lang hat sie getestet, wie es ist, nur mit dem Nötigsten auszukommen, sich selbst zu versorgen, auf Unterhaltungselektronik zu verzichten und sogar teilweise Kosmetikartikel selbst herzustellen. Sie wollte herausfinden, wie sie zurechtkommt, möglichst wenig Müll produzieren und im Einklang mit der Natur, ihren Büffeln und ihren Huzulenpferden leben. Eine Zeit, die sie nur mit Geduld und viel Humor gemeistert hat, sagt sie und erzählt, wie ihr die Wasserleitung zugefroren ist und sie Kübel von Wasser schleppen musste. „Was man nicht hat, braucht man auch nicht“, zieht Bourmer ihr Fazit. „Es ist erstaunlich, auf wie viel man verzichten kann. Der wahre Luxus ist Zeit. Wir haben verlernt, einfach mal nichts zu tun. Es hat lange gedauert, bis ich das gelernt habe.“

Ein besonderer Hingucker ist die alte Komposttoilette. Wie eine Toilette wohl ohne Wasser funktioniert?  Foto: Verena Hallermann
Ein besonderer Hingucker ist die alte Komposttoilette. Wie eine Toilette wohl ohne Wasser funktioniert?
Foto: Verena Hallermann

Während ihres Selbstversuches hat Bourmer ihre Erfahrungen in einem Blog festgehalten. Ihre Berichte trafen auf reges Interesse. Sogar deutschsprachige Leser aus Kanada schrieben sie an – durch die mediale Aufmerksamkeit meldete sich auch ein Verleger aus der Schweiz bei ihr. Heute hat Bourmer ihren Blog, in dem sie über das einfache Leben und ihre Leidenschaft zu den Büffeln erzählt, in einem Buch festgehalten. Ihr Werk „Büffelei – Manchmal muss man das Leben einfach bei den Hörnern packen“ ist knapp 600 Seiten lang. Sie erzählt davon, wie ihre kleine Büffelherde den Stall der Huzulenpferde einnimmt, wie sie ihre Tiere mit einer Pediküre verwöhnt, wie eine Schneckeninvasion die Harmonie bedroht und selbst Haare waschen zum Luxus wird. Julia Bourmer bereut ihr Jahr des Verzichts nicht. Ganz im Gegenteil. Sie hat die Zeit genutzt, sich auf sich selbst zu konzentrieren – und auf ihre Tiere, die vier transsylvanischen Büffel und die beiden Huzulenpferde, die sie nie wieder missen möchte. Verena Hallermann

Julia Bourmers Buch „Büffelei – Manchmal muss man das Leben einfach bei den Hörnern packen“ ist für 24,90 Euro im Handel oder als E-Book für 17,99 Euro erhältlich.

Montabaur Hachenburg
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