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Psychologin ist verlässliche Ansprechpartnerin: Damit aus den Sorgen der Schüler keine Gewalt wird

Entsetzen hat die schockierende Nachricht ausgelöst, dass in Lünen ein 15-Jähriger einen Mitschüler getötet hat. Der Jugendliche fühlte sich provoziert und zückte ein Messer. Eine tödliche Gewalttat, die viele Fragen aufwirft. Eine davon ist: Was kann Schulsozialarbeit präventiv leisten, damit Gewalt nicht eskaliert, dass bestehende Konflikte anders gelöst werden?

Nicht immer gehen Kinder leichten Herzens zur Schule. Sie leiden unter familiären Konflikten, sind Opfer von Gewalt oder haben Streit mit Mitschülern. Dann können Schulsozialarbeiter helfen, die ebenso Ansprechpartner für Lehrer und Eltern sind. Foto: Patrick Pleul/dpa
Nicht immer gehen Kinder leichten Herzens zur Schule. Sie leiden unter familiären Konflikten, sind Opfer von Gewalt oder haben Streit mit Mitschülern. Dann können Schulsozialarbeiter helfen, die ebenso Ansprechpartner für Lehrer und Eltern sind.
Foto: Patrick Pleul/dpa

Psychologin Anike Weber ist seit Dezember 2017 als Schulsozialarbeiterin an der Realschule plus Westerburg im Einsatz. Täglich, so berichtet sie, wenden sich ebenso viele Schüler wie Lehrer Rat suchend an sie. Die von ihr geleistete Schulsozialarbeit basiert auf mehreren Standbeinen. Zum einen bietet die Psychologin offene Sprechstunden an der Schule an. Zu ihr kommen die Schüler, wenn in der Schule oder im familiären Umfeld „etwas vorgefallen ist“. Dann vereinbart sie mit den Kindern Termine, in denen diese erzählen können und gemeinsam nach einer Lösung gesucht wird. Dabei geht es beispielsweise um einen Streit mit Mitschülern, oder die Kinder berichten, dass sie sich nicht konzentrieren können, ihre Gefühle nicht unter Kontrolle haben, oder sie haben Schulangst, so große Angst, dass sie nicht in die Schule gehen wollen.

Frank Müller und Anike Weber arbeiten Hand in Hand. Die Schulsozialarbeit muss gestärkt werden, wünschen sie sich.  Foto: Röder-Moldenhauer
Frank Müller und Anike Weber arbeiten Hand in Hand. Die Schulsozialarbeit muss gestärkt werden, wünschen sie sich.
Foto: Röder-Moldenhauer

Im familiären Bereich ist Gewalt ein häufiges Thema. „Es gibt da eine enorme Dunkelziffer“, sagt Frank Müller (Bereichsleiter der Psychologischen Beratungsstelle am Diakonischen Werk in Westerburg, DW). Gewalt hat viele Gesichter und fängt bei verbaler Aggression, abwertenden Äußerungen an. Wenn dem Kind von den Eltern vermittelt wird: „Du taugst nichts.“ Andere Schüler leiden unter dem enormen Leistungsdruck, der ihnen von den Eltern gemacht wird, die Bestnoten von ihnen fordern. „Kinder, die selbst Gewalt ausgesetzt sind, erleben diese als ein legitimes Mittel, sich durchzusetzen und neigen so selbst dazu, gewalttätig zu werden“, erläutert der Psychologe. In so einem Fall versucht die Schulsozialarbeiterin, gemeinsam mit dem Kind andere Lösungswege als Beleidigen oder Schlagen zu finden. Ihre Erfahrung besagt, dass diese dafür offen sind, oft auch wissen, wie es anders geht und dass sie ermutigt werden können, auch so zu handeln. „Wie nötig Gewaltprävention von früher Kindheit an ist, das macht der Mord in Lünen erschreckend deutlich“, betont Anike Weber.

Eindeutig verneint Müller die Frage, ob Migrantenkinder emotional auffälliger seien. Aber deutsche Kinder wüssten eher, wie Hilfssysteme in Deutschland funktionieren. Dass man über familiäre Probleme in der Schule spricht, sei in manchen Kulturen ungewohnt. Menschen, die noch keinen geklärten Aufenthaltsstatus haben, würden ihre Probleme nicht nach außen tragen, sondern versuchen, möglichst unauffällig zu leben: „Da spielen Ängste und Vorsicht eine große Rolle.“ Umso wichtiger sei es, auch diese Kinder zu unterstützten.

Die Schulsozialarbeiterin wird mit ihren „Fällen“ nicht alleingelassen. Wenn das Diakonische Werk Schulsozialarbeit macht, so stehen da keine Einzelkämpfer. Hinter ihnen steht ein ganzes Team. „Wir sehen uns in der Verantwortung für das Lebensfeld Schule“, betont Müller. Konkret heißt das auch: Am Diakonischen Werk wird nicht gewartet, bis Schüler, Eltern oder Lehrer zu den Fachkräften kommen, sondern die Psychologen gehen selbst dorthin, wo Hilfe gebraucht wird. Auch von Lehrern, beispielsweise wenn es zwischen Eltern und den Pädagogen zu vermitteln gilt. Aber, so betont Müller: Ganztagsschule kann nicht Jugendhilfe ersetzen. Und: Die Kinder sind auffälliger geworden.

Kinder, so betont der Bereichsleiter der Psychologischen Beratungsstelle, haben ein unglaubliches Bedürfnis nach einem kompetenten, verlässlichen Erwachsenen, der Klarheit und Orientierung gibt, ihm zuhört, sich Zeit für ihn nimmt. Doch genau das wird von den Eltern zunehmend weniger geboten: Ihnen fehlt oftmals als Berufstätige auch die Zeit dazu. Gleichzeitig habe sich die Schule als Lebensumfeld nicht so schnell weiterentwickelt, wie sich die Gesellschaft verändert habe. Die Tendenz „Staat ersetzt Familie“ sieht der Psychologe mehr als kritisch. Umso wichtiger werde die Schulsozialarbeit. Sie könne auch helfen, Bildungsressourcen zu nutzen. „Nicht nur durch die konkrete Einzelfallhilfe. Es geht darum, in den Sozialräumen Angebote zu schaffen, die den Kindern helfen, beispielsweise Lernpaten, und dass sie intensiv betreut werden“, erläutert er. Noch viel zu sehr arbeite sich jedoch die Schulsozialhilfe an Einzelfällen ab. „Unsere Vision ist ein Schulklima, in der die ,Lebenswelt Schule' für Kinder attraktiver wird. Und das fängt bei der Gestaltung der Schulräume an“, betont Müller.

Studien zeigen, dass die Schule seit der Einführung der Ganztagsschule als Lebensraum für die Kinder enorm an Bedeutung gewonnen hat und damit auch das Ansehen der Lehrer als Wertevermittler. „Die Zeit, in der die lieben Kleinen um 13 Uhr in eine heile Familie nach Hause kamen, ist vorbei“, verdeutlicht Müller. Es sei ja politisch gewollt, dass beide Elternteile arbeiten gehen. Gleichzeitig sollen sie die Hausaufgaben betreuen, sich in der Schule engagieren. „Da haben wir eine Schieflage“, stellt Müller fest. Ihn berührt, wie stark die Kinder ihre Bedürftigkeit nach der Präsenz eines Erwachsenen signalisieren. „Wenn ich auf den Schulhof komme, hängen sofort drei Kinder an mir“, erzählt er.

Nicht nur für die Schüler ist die Schulsozialarbeiterin eine Ansprechpartnerin. Auch für deren Eltern ist sie da – und ebenso für die Lehrer. „Eltern wenden sich beispielsweise an mich, wenn es Probleme mit den Mitschülern gibt, es um die Leistungsmotivation ihrer Sprösslinge geht oder auch in Erziehungsfragen“, berichtet Weber. Da geht es auch um Hilfe bei selbstverletzendem Verhalten wie beispielsweise Ritzen, wenn Kinder gemobbt werden oder sogar Suizidgedanken haben. Auch Mobbing über die sozialen Medien ist ein häufiges Thema. „Hier kommen Eltern oft an ihre Grenzen. Kinder und Jugendliche haben einen absoluten Wissensvorsprung in diesem Bereich“, weiß Müller mit Blick auf WhatsApp, Facebook oder auch YouTube.

Neben den Gesprächen leistet die Schulsozialarbeiterin auch eine umfangreiche Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit. Dabei greift sie in Klassen aktuelle Themen wie Nikotinsucht oder Datenschutz/sicheres Surfen im Internet auf. Außerdem geht es um die Stärkung der Klassengemeinschaft, um die Entwicklung sozialer Kompetenzen, Konfliktmanagement, Teamfähigkeit oder auch Übungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung. Anike Weber stellt sich bei Elternabenden vor, ist beim Schnuppertag der Fünftklässler dabei und ebenso bei der Nachbereitung der Praxistage in der neunten Klasse. Außerdem gibt es verschiedene Arbeitsgemeinschaften, die einen offenen Zugang zu der Schulsozialarbeiterin ermöglichen. Die Schulsozialarbeit ist integriert in das Team der psychologischen Beratungsstelle am Diakonischen Werk, das aus sieben Fachkräften besteht. Wöchentlich trifft sich das Team zu anonymisierten Fallbesprechungen. Wenn nötig, kann den Schülern und Eltern kurzfristig weitere Hilfe am DW ermöglicht werden. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Familie wirklich bereit ist, mitzuarbeiten. Eine Vermittlung ist nur dann sinnvoll, wenn im ganzen System eine Problemeinsicht besteht.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist Anike Weber, dass sie ihren Schülern Verschwiegenheit zusichert, wenn diese sich an sie wenden. Was sie erzählt bekommt, bleibt in den vier Wänden ihres Büros – außer, der Hilfesuchende willigt ein, dass sie beispielsweise mit den Eltern darüber sprechen darf. Eine Ausnahme dabei ist, wenn eine akute Gefährdung zu befürchten ist, etwa bei Suizidgedanken.

Ganz klar stellen Frank Müller und Anike Weber fest: Das bestehende Angebot der Schulsozialarbeit reicht nicht aus. „Es gibt immer Fälle, wo ich mehr Zeit bräuchte“, berichtet Weber. Und: Es müsste mehr Schulsozialarbeit an anderen Schulen, vor allem den Grundschulen geben. Denn die Probleme entstehen nicht erst in der fünften Klasse. „Es geht darum, Kompetenzen zu nutzen. Kinder, die in Familien mit sozialökonomischen Risiken aufwachsen, haben oft Schwierigkeiten, ihre Ressourcen zu nutzen. Entscheidend sind die ersten Lebensjahre“, so der Psychologe. Mangelnde Sozialkompetenz lege die Kinder fest, schnell baue sich eine Misserfolgsorientierung auf mit der Haltung: „Es lohnt sich nicht, dass ich mich anstrenge.“ Hier soll Schulsozialarbeit gegensteuern. Angela Baumeier

Weitere Infos im Internet unter www.diakonie-westerwald.de

Ein Beispiel: 520 Beratungen im Schuljahr 2016/17

In Kooperation zwischen der VG Westerburg als Schulträger und dem Diakonischen Werk im Westerwaldkreis (DW) als freier Träger der Jugendhilfe wurde zum Schuljahr 2011/2012 eine Teilzeitstelle Schulsozialarbeit an der Realschule plus Westerburg integriert.

Sie besteht als tägliches Angebot für die Schüler. Im Schuljahr 2016/17 fanden insgesamt 520 Beratungen von Schülern, Eltern und/oder Lehrern statt. Davon entfallen 102 auf die tägliche, offene Sprechstunde. Um eventuelle Lern- oder Verhaltensauffälligkeiten zu explorieren, wurden 17 Hospitationen des Unterrichts oder der Lernzeit durchgeführt. Im vergangenen Schuljahr wurden 17 Klassenprojekte durchgeführt, womit 319 Schüler erreicht werden konnten. Zusätzlich nahmen 26 Kinder an einem von drei sozialen Gruppenangeboten der Schulsozialarbeit teil. Zunächst arbeitete Charlotte Dückers als Schulsozialarbeiterin an der Realschule plus Westerburg, seit Dezember 2017 hat Psychologin Anike Weber diese Stelle inne. 

Anike Weber, Telefon 02663/980 113 oder E-Mail a.weber@diakonie-westerwald.de

Westerwald extra
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