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Musiker im Porträt: Wie das Leben von Star-Cellist Benedict Klöckner aus Neuhäusel aussieht [mit Video]

Benedict Klöckner bewegt sich leicht mit den Klängen seines Cellos. Der Bogen fließt sanft über die Saiten. Das Ahornholz des alten Instruments ist mit einer Lackschicht überzogen. Es glänzt im Licht der Lampe. Der Star-Cellist sitzt im Wohnzimmer seines Elternhauses in Neuhäusel. Das Cello leicht mit den Beinen gestützt, spielt er The Swan von dem französischen Komponisten Camille Saint-Saens aus „Der Karneval der Tiere“. Er lächelt leicht, schaut in die Ferne. Als könnte er die Geschichte von dem Schwan, der majestätisch über das Wasser gleitet, vor seinen Augen sehen.

Benedict Klöckner spielt seit seinem neunten Lebensjahr Cello. Mittlerweile zählt er weltweit zu den größten Talenten.  Foto: Marco Borggreve
Benedict Klöckner spielt seit seinem neunten Lebensjahr Cello. Mittlerweile zählt er weltweit zu den größten Talenten.
Foto: Marco Borggreve

Der 29-jährige Westerwälder ist Cellist, Solist und Kammermusiker. Er gehört zu den größten Talenten, die die klassische Musik derzeit zu bieten hat. Weltweit gibt er Konzerte, spielt mit erstklassigen Orchestern wie der Royal Philharmonic Orchestra London oder der Deutschen Staatsphilharmonie zusammen. Erst kürzlich war er an der Westküste Amerikas auf Tournee, trat in New York, Chicago, Las Vegas und Los Angeles auf. 2017 hat er insgesamt 20 Länder bereist. Alltag für Klöckner. „Das muss man halt schon mögen, das Musikerleben“, sagt der Star-Cellist, der weder verheiratet noch liiert ist, freundlich lächelnd. „Ich liebe es zu reisen, habe Freunde überall in den Städten. Es ist quasi wie eine lange Klassenfahrt.“

Das Haus der Familie Klöckner liegt etwas abseits von Neuhäusel. Hohe Tannen rahmen das Grundstück, neigen sich im Wind. Im Wohnzimmer ragt noch der Weihnachtsbaum bis unter die Decke. Ein Klavier steht in der Ecke. Noten sind auf einem Sessel verteilt. Ein Kaminsims dekoriert den Raum. Dort, im Haus seiner Familie, hat die Karriere von Benedict Klöckner begonnen. Geboren in Neuwied zog er im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern und seinen Geschwistern nach Neuhäusel. Klöckner erinnert sich noch, wie er sich damals ein Instrument aussuchen sollte, welches er lernen wollte. Seine Wahl fiel gleich auf das Cello. „Meine Eltern waren aber skeptisch, weil sie dachten, das wäre nur eine fixe Idee von mir“, erzählt Klöckner. „Deswegen habe ich erst mal mit Klavier begonnen.“ Doch seine Leidenschaft für das Instrument hielt an. Mit neun Jahren bekam er sein erstes Cello. Der damalige Schüler des Landesmusikgymnasiums Montabaur hängte sich voll rein. Er übte, versuchte sich sogar an schwierigen Stücken. So gewann er schon früh seinen ersten Preis. Beim Landeswettbewerb Jugend musiziert in Mainz belegte er den ersten Platz mit einem jüdischen Klagelied. „Mein Lehrer hatte mir damals abgeraten, weil das Stück eigentlich zu schwer war“, erinnert er sich. „Aber ich habe mich durchgebissen.“

Quelle: YouTube (erweiteter Datenschutzmodus)

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Klöckner hat unzählige Konzerte gegeben, hat Preise gewonnen, Kritiker und Medien loben ihn. Und doch bleibt der Kammermusiker bescheiden und selbstkritisch. Auch er mache Fehler, erklärt er lachend. Auch, wenn das Publikum diese nicht immer bemerke. Die Zuhörer verziehen kleinere Fehler meistens eher als der Künstler selbst. „Je besser man wird, desto strenger wird man mit sich selbst“, erklärt er. „Es gibt immer etwas, was man noch besser machen kann.“ Klöckner übt nahezu jeden Tag. Selbst auf den Reisen im Zug oder im Hotelzimmer holt er sein Cello hervor. Natürlich nur, wenn er seine (Sitz-) Nachbarn damit nicht störe, fügt der Musiker augenzwinkernd hinzu.

Auch außerhalb der Bühne liebt er die klassische Musik. Ein bisschen Rock und Pop darf es auch mal sein, verrät er. Aber seine Leidenschaft gilt den Stücken großer Komponisten, die auch lange nach deren Tod vielfach interpretiert werden.

Im Flugzeug muss Klöckner für sein Cello einen eigenen Sitzplatz buchen. Es handelt sich um ein 300 Jahre altes Musikinstrument, dessen Wert kaum zu beziffern ist. Ein Stück Kunst, das durch Spielen zum Leben erweckt wird, wie Klöckner es beschreibt. Es stammt von dem berühmten Italiener Francesco Rugeri (1680). Klöckner hat es zu seinem 18. Geburtstag als Gewinner des 17. Instrumentenwettbewerbs der Stiftung Musikleben bekommen. Viele Musiker beneiden ihn darum. Denn der Klang sei besser als der der modernen Instrumente. Warum, das wisse keiner so genau. Eine Theorie ist, dass das Ahornholz damals aufgrund einer Eiszeit besonders langsam gewachsen sei, erzählt Klöckner. „Ich glaube, sie werden auch dadurch besser, dass sie über Jahrhunderte gespielt und geprägt werden.“ Auf seiner Amerikatour hatte er sein Cello wegen der schwierigen Zollbedingungen zu Hause gelassen. Vor Ort hatte er sich ein Cello im Wert von knapp 10 Millionen Dollar ausgeliehen. „Das war wie eine Klangexplosion“, schildert er seine ersten Spielversuche. „Ein Cello ist wie eine Person, die man erst einmal kennenlernen muss.“

Es sind die vielfältigen Klänge, die verschiedenen Emotionen, die das Cello ausdrücken kann, die ihn an seinem Instrument faszinieren. Von sehnsuchtsvoll bis brutal, fröhlich bis traurig, traumhaft schön bis hässlich – Klöckner versucht die Bandbreite der menschlichen Emotion bei seinen Zuhörern zu evozieren. „Das Cello hat eine gewisse Affinität zur Wärme“, sagt Klöckner. „Es produziert eher die schönen Klänge. Aber wenn man sich wirklich anstrengt, kann man auch andere Töne erzeugen, die man gar nicht erwartet.“Für Klöckner ist das Cello mehr als nur ein Genuss für die Sinne. Auch physisch sei es ein Erlebnis, das Instrument zu spielen, den Klang zu fühlen, die Vibrationen, die von den Saiten ausgehen, zu spüren.

Bis heute kennt er die Nervosität, die sich vor einem Auftritt breitmacht. Die Anspannung, die beim Anblick der vielen Gesichter im Publikum wächst. Zumindest bei manchen Konzerten ist das so, erzählt er. „Eine gewisse Aufregung kann aber hilfreich sein“, sagt der Interpret. „Ich finde, man spielt dann einen Tick besser. Man wächst quasi darüber hinaus, was man sonst geleistet hätte.“ Sein Publikum nimmt er immer wahr, wenn er auf der Bühne steht. Die magische Atmosphäre, die von den gespannten Zuhörern ausgeht, wie Klöckner es beschreibt. Beim Blick in die vorderen Reihen hat er schon manche kuriose Entdeckungen gemacht, erzählt der Star-Cellist und lacht. Er berichtet von Menschen, die während seines Konzerts kurzerhand eingeschlafen sind, von einer älteren Dame, die sich plötzlich das Gebiss rausnahm – aber auch von Menschen, die sich angeregt von seiner Musik in den Armen lagen.

Klöckner ähnelt einem Vagabunden, der stets seinen neuen Weg sucht, der es nicht lange an einem Ort aushält. Er hat einen Wohnsitz in Berlin, ist oft in einer Heimat in Neuhäusel. Doch er bleibt nie lange. Dann steht wieder ein Konzert an. Vielleicht dieses Mal in China oder Japan. Das weiß er selbst manchmal erst wenige Tage vorher. Dann setzt er sich ins Flugzeug oder in den Zug. Das Cello stets neben sich, gespannt, welche Erfahrungen ihn dieses Mal erwarten.

Von unserer Redakteurin Verena Hallermann

Benedict Klöckner hat etliche Preise gewonnen

Der junge Cellist aus Neuhäusel hat sich schon längst einen Namen über den Westerwald hinaus gemacht. Benedict Klöckner hat nicht nur 2014 das Internationale Musikfestival Koblenz gegründet und leitet es seitdem, er kann auch internationale Erfolge vorzeigen.

Die Liste der Orchester, bei denen er mitwirkt, die Komponisten, mit denen er zusammenarbeitet, ist lang. Er spielt mit erstklassigen Orchestern wie dem Royal Philharmonic Orchestra London, der Deutschen Radiophilharmonie, dem MDR Radio Sinfonieorchester, dem NDR Radio Sinfonieorchester, der Deutschen Staatsphilharmonie, dem russischen und polnischen Staatsorchester, dem Slowakischen Rundfunkorchester, den Kammerorchestern von Prag, Berlin, Amsterdam und vielen mehr.

Klöckner hat viele Wettbewerbe gewonnen, darunter der Internationale Rundfunkwettbewerb der European Broadcasting Union (EBU) in Bratislava, des Internationalen Solisten Wettbewerb der Animato Stiftung Zürich oder des Grand Prix Emanuel Feuermann in Berlin. 2016 hat er den ersten Preis der Manhattan International Music Competition in New York gewonnen. Dazu gehören auch mehrere erste Bundespreise beim Wettbewerb „Jugend musiziert“. 2008 wurde er mit dem Europäischen Kulturförderpreis der Stiftung „Pro Europa“, 2006 mit dem Kulturförderpreis des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet – nur um einige Beispiele zu nennen. Eric Tanguy oder Wolfgang Rihm sind zwei von den Komponisten, mit denen Klöckner zusammenarbeitet. Auch mit Howard Blake arbeitet er intensiv zusammen, dessen Gesamtwerk für Violoncello und Klavier er auf CD einspielte. Seine CD Einspielungen traf international auf lobende Stimmen. Zu nennen sind außerdem namhafte Dirigenten, wie Ingo Metzmacher oder Michael Sanderling unter dessen Leitung Klöckner spielt.

Klöckner, der 1989 in Neuwied geboren wurde und in Neuhäusel aufgewachsen ist, nahm 2003 sein Instrumentalstudium bei Professor Martin Ostertag an der Musikhochschule Karlsruhe auf. Ab 2009 studierte er an der Kronberg Academy bei Professor Frans Helmerson, erhielt 2012 den Master of Music for International Solo Performance. Zudem nahm er an Meisterkursen unter anderem in Siena bei Professor David Geringas und Wien bei Miklos Perenyi teil.

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