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Atzelgift

Erfahrungen eines Hochbegabten: Der Weg zur passenden Schule war steinig

Nadja Hoffmann-Heidrich

Es ist schon eine ungewöhnliche Konstellation: Vier der fünf Kinder von Agnes und Andreas Tremmel aus Atzelgift sind als hochbegabt getestet.

Agnes und Andreas Tremmel freuen sich, endlich eine passende Schule für ihren hochbegabten Sohn Paul gefunden zu haben. Foto: Röder-Moldenhauer
Agnes und Andreas Tremmel freuen sich, endlich eine passende Schule für ihren hochbegabten Sohn Paul gefunden zu haben.
Foto: Röder-Moldenhauer

Bei der ältesten Tochter (24) weiß man es nicht, denn sie möchte sich nicht testen lassen, weil es für sie, wie sie selbst sagt, für ihren beruflichen oder privaten Werdegang nicht mehr relevant ist. Aus dem gleichen Grund verzichten auch die Eltern auf einen Intelligenztest.

Dass ihre Kinder über ungewöhnliche Begabungen und einen besonders hohen IQ verfügen, hat die Familie ohnehin erst durch ihren einzigen Sohn Paul (14) erfahren, der bereits im frühen Grundschulalter Auffälligkeiten zeigte, die Vater und Mutter dazu bewogen, ihn testen zu lassen. „Ohne Paul hätten wir die Hochbegabung bei unseren Töchtern nicht erkannt. Denn sie haben sich völlig unauffällig verhalten“, berichten die Eltern rückblickend. Ihre Erfahrung deckt sich mit Experteneinschätzungen, wonach sich hochbegabte Mädchen eher in das gängige Schulsystem einfügen als Jungen.

Rückblick: Es war ein kurzer Moment im Baumarkt, der das Leben von Familie Tremmel aus Atzelgift vor einigen Jahren komplett umgekrempelt hat: Sohn Paul, damals im 2. Schuljahr, wollte mit Mama Agnes einige Säcke Spielsand kaufen. Als der wissbegierige Junge damals spontan und im Kopf prozentual exakt einen möglichen Rabatt ausrechnete, wurde der Mutter bewusst, was sie schon länger geahnt, bis dahin jedoch verdrängt hatte: Ihr Kind ist hochbegabt. Ein Intelligenztest bestätigte schließlich, dass Paul mit einem IQ von 156 sogar zu einer verschwindend kleinen Gruppe von Höchstbegabten gehört. Doch ein Anlass zur Freude war diese Begabung für die Familie lange Zeit nicht, denn sie brachte zunächst etliche Schwierigkeiten mit sich. Inzwischen besucht der heute 14-Jährige das sächsische Landesgymnasium Hochbegabtenförderung „Sankt Afra“ in Meißen – 480 Kilometer von zu Hause entfernt. Doch auch wenn er seine Eltern und Geschwister jetzt nur noch alle paar Wochen sieht, ist die ganze Familie mit dieser Lösung glücklich und zufrieden. Denn Paul, so scheint es, hat seinen Platz gefunden, und er blüht regelrecht auf.

Im frühen Grundschulalter war der Junge ein guter Schüler, aber kein Überflieger. Obwohl er sehr sozial eingestellt ist, fühlte er sich in dieser Zeit in seiner Klasse als Außenseiter. „Er hat sehr gelitten“, erinnert sich seine Mutter. In dieser Phase entwickelte er einige Ticks, zuckte mit dem Mund, blinzelte mit den Augen. Frühe Internetrecherchen führten Agnes Tremmel immer häufiger zu dem Ergebnis Hochbegabung, doch bis zu jenem Erlebnis im Baumarkt wollte sie dies nicht wahrhaben. „Mir war das eher peinlich“, sagt sie. Sämtliche Ärzte waren ihr damals keine Hilfe. Als die Familie schließlich Gewissheit hatte, suchte sie das Gespräch mit der Grundschule Atzelgift, die Unterstützung anbot. Paul konnte das 3. Schuljahr überspringen, bekam Einzelunterricht. Doch auch das reichte ihm nicht. Außerschulisch gefördert wurde er daraufhin regelmäßig durch das Begabtenzentrum Kinder-College in Neuwied – eine Einrichtung, von der Familie Tremmel begeistert ist und durch die Paul sehr viel Hilfe erhalten hat.

Eine Stütze für Familie Tremmel war und ist zudem die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK). Dank dieses gemeinnützigen Vereins konnte sich Agnes Tremmel auf diesem Gebiet schulen lassen und berät jetzt sogar andere Familien, Lehrer und Erzieher. Zudem hat sie vor Kurzem einen Westerwälder Gesprächskreis zum Thema Hochbegabung gegründet. Der Grund dafür ist einfach: Sie und ihr Mann Andreas halten die Förderung hochbegabter Kinder in Deutschland für nicht ausreichend. Neben ihrem eigenen Engagement fordern sie daher von der Politik ein Umdenken, eine flächendeckende Unterstützung. „Für lernschwache Kinder gibt es ortsnahe, kostenlose Lösungen, für Hochbegabte nicht“, kritisieren sie. Das bremse tolle Fähigkeiten aus. Und vor allem erhoffen sie sich von der Gesellschaft mehr Verständnis. Denn nachdem Paul von der Grundschule auf ein Gymnasium gewechselt war, verschlechterte sich die Situation für ihn zunächst wieder. Das Unterrichtstempo langweilte ihn (was sich in schlechten Noten äußerte), von Mitschülern wurde er gemobbt, von Lehrern nicht verstanden, die Hochbegabung als Luxusproblem abgetan, berichten die Eltern. Die außerschulische Förderung war nur dank eines enormen finanziellen und zeitlichen Engagements der Familie möglich. Schon damals suchten die Tremmels nach einer Spezialschule, doch in der Region war nichts Passendes zu finden. So lernte Paul privat neben dem regulären Unterricht beispielsweise Japanisch. Er ließ sich in Robotik unterrichten, spielte Schach, erwarb an der Fernuni Hagen einen Schein in externem Rechnungswesen.

Im vergangenen Jahr dann bewarb sich Paul auf eigenen Wunsch hin in Sankt Afra in Meißen und wurde als Achtklässler dort aufgenommen. Hier fand er schnell viele Freunde, die Lehrer gehen auf seine persönlichen Interessen und Bedürfnisse ein. Endlich hat der Junge Spaß in der Schule. Die Gemeinschaft im Internat beschreibt der 14-Jährige als „super“. Und wer weiß: Vielleicht bekommt er im fernen Sachsen ja bald familiäre Gesellschaft: Denn Pauls jüngere, ebenfalls hochbegabte Schwester würde auch gerne dorthin wechseln.

Von unserer Redakteurin Nadja Hoffmann-Heidrich

Neuer Gesprächskreis für Region erfolgreich gestartet

Auf Initiative von Agnes Tremmel aus Atzelgift hat sich im Westerwald ein neuer, kostenloser Gesprächskreis zum Thema Hochbegabung gegründet, der der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) angeschlossen ist. Die DGhK existiert seit 40 Jahren. Der Verein hat seinen Hauptsitz in Berlin und ist in Regionalvereine nach Bundesländern gegliedert. Zum ersten Treffen des neuen Gesprächskreises für den Westerwald fanden sich vor Kurzem zahlreiche betroffene Eltern, zwei Lehrerinnen, eine Erzieherin und weitere Interessierte im Gemeindezentrum Atzelgift ein. Die Gäste kamen aus der näheren Umgebung, aber auch aus benachbarten Verbandsgemeinden.

Nach Auskunft von Agnes Tremmel war es ein sehr interessanter Abend mit einem regen Austausch untereinander. „Es wurde von eigenen Erfahrungen berichtet, und die Hilfe suchenden Eltern konnten Unterstützung erfahren. Wir haben im Vergleich der Erlebnisse mit unseren Kindern viele Gemeinsamkeiten gefunden und mussten gelegentlich darüber lachen, wie sehr sich unsere Kinder in ihren Verhaltensmustern ähneln“, berichtet Tremmel. Und sie fügt hinzu: „In der Summe kann ich sagen, dass der Abend ein voller Erfolg war. Die Eltern sind froh über den Austausch unter ihresgleichen, wo sie offen reden können und auf verständnisvolle Zuhörer treffen. Sie sind glücklich und dankbar, dass jetzt ein Gesprächskreis in unserer Region angeboten wird. Für die künftigen Treffen wurden schon zahlreiche Themen gefunden.“

Das nächste Treffen findet am Dienstag, 20. März, um 19.30 Uhr, im Gemeindezentrum Atzelgift statt. Die Beratungs- und Gesprächsabende sollen künftig einmal monatlich fortgesetzt werden. Weitere Auskünfte erteilt Leiterin Agnes Tremmel unter Telefon: 0160/969 368 21 oder per E-Mail an agnes.tremmel@dghk-rps.de. Zusätzliche Informationen zur DGhK auch unter: www.dghk.de. nh

Expertin fordert: Hochbegabung muss Thema in allen Schulen sein

Vor 18 Jahren gründete die Psychologin Helga Thieroff, selbst Mutter eines hochbegabten Kindes, in Neuwied das Kinder-College, das Begabtenzentrum Rheinland-Pfalz. Hier werden pro Halbjahr mehr als 500 Kinder mit ihren vielfältigen Begabungen in 80 außerschulischen Kursen betreut und unterrichtet. Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Frühförderung begabter Kindergartenkinder und junger Schulkinder.

Das Kinder-College finanziert sich – neben der Förderung durch das Land Rheinland-Pfalz und Spenden – im Wesentlichen über Elternbeiträge für die Förderkurse. Für begabte Kinder aus sozial schwachen Familien werden Stipendien angeboten (mit einem jährlichen Wert von rund 15.000 Euro). Die WZ hat mit der Gründerin und Leiterin Helga Thieroff gesprochen:

Ab wann ist ein Kind hochbegabt?

Ein Kind ist dann hochbegabt, wenn es einen Intelligenzquotienten (IQ) von 130 und größer aufweist. Es gibt Begabtenmodelle, da werden Motivation und Kreativität einbezogen.

Wie viele hochbegabte Kinder gibt es etwa in Deutschland? Können Sie auch sagen, wie viele es etwa im nördlichen Rheinland-Pfalz sind?

Allgemein spricht man von zwei Prozent hochbegabten Kindern der jeweiligen Altersstufe. In Deutschland sind das etwa 300.000. In Rheinland-Pfalz gibt es etwa 13.000 Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren, die hochbegabt sind. Theoretisch-statistisch betrachtet gibt es im Land rund 850 höchstbegabte Kinder und Jugendliche mit einem IQ von 145 und höher, etwa 50 Kinder erreichen in RLP einen IQ von 160. Auch Paul Tremmel erreichte in unserem Test einen Höchstwert. Seine Leistungen blieben unter seinem Vermögen. Wir mussten nach Sankt Afra ausweichen, da sich dort nach erneuten Testverfahren sein hohes Potenzial bestätigte. Die Schule hatte es sich zur Aufgabe gemacht, seine Leistungen zu verbessern. Die Hochbegabtengymnasien in Rheinland-Pfalz widmen sich dieser Aufgabe nicht ausreichend. Underachievern, wie diese 20 Prozent „Problemkinder“ genannt werden, wird in Rheinland-Pfalz in den Schulen nicht geholfen. Bei uns im Kinder-College hat diese Aufgabe einen hohen Stellenwert.

Wie groß ist der Einzugsbereich Ihres Kinder-Colleges?

Wir haben einen Einzugsbereich von Kaiserslautern, Worms, Mainz bis ins Ruhrgebiet und Teilen Hessens. Man kann sagen, dass die Eltern bis zu zwei Stunden Fahrzeit in Kauf nehmen, um zu uns zu kommen. Besonders viele Kinder kommen aus dem Westerwald, Neuwied, Koblenz, Hunsrück, Lahnkreis, Ahrweiler usw. Die Mühe lohnt sich. Die Kinder sind glücklich und profitieren für ihre gesamte Persönlichkeitsentwicklung.

Gibt es deutliche Anzeichen, die auf eine Hochbegabung hinweisen?

Ein früher großer und vielfältiger Wortschatz, Beschäftigung mit hohen Zahlen, Kontakt mit älteren Kindern, nicht kindgemäße Interessen, Ausbildung von Domänen, oft wenig Freude im Kindergarten, Langeweile in der Schule. Es gibt aber auch Kinder, die nicht auffallen. Erst ein Intelligenztest bringt hier Klarheit. Mädchen passen sich oft so stark an, dass sie kaum auffallen.

Halten Sie die Förderung hochbegabter Kinder in Deutschland/in Rheinland-Pfalz für ausreichend? Wenn nicht, was könnte/müsste verbessert werden?

Ich halte die Förderung in Deutschland nicht für ausreichend. Das Land Rheinland-Pfalz gehört zu den vorbildlichen Ländern. Es gibt vier Hochbegabten-Gymnasien und den Entdeckertag in den Grundschulen. Hier im Norden des Landes, in Dernbach, ist der Raiffeisen-Campus eine sehr interessante Schule für Hochbegabte, die auch mit dem Kinder-College zusammenarbeitet. Auch fördert das Land unsere Einrichtung, die über die Grenzen Deutschlands hinaus anerkannt und geschätzt wird. Aufgrund der geringen Zahl hochbegabter Kinder ist es schwierig, flächendeckend Angebote anzubieten. Die Angebote werden nicht ausreichend frequentiert. Eine umfassende und dauerhafte Förderung ist nur in einem großen Einzugsbereich überregional möglich. Deshalb wäre es wichtig, das sich alle Schulen mit diesem Thema beschäftigen und mit uns zusammenarbeiten. Leider ist es zurzeit immer noch dem Zufall überlassen, ob ein Kind Förderung erhält oder nicht. Ein großes Problem ist, dass man Hochbegabung nicht auch als Lernhindernis sieht, weil es in einem normalen Klassenverband nicht zu einem sozialadäquaten Lernverhalten führt. So gibt es das Vorurteil: Das Kind ist hochbegabt, es muss alles können. Allerdings habe ich in den letzten Jahren auch viele bemühte Lehrerinnen und Lehrer kennengelernt, was zu einem positiven Abschluss führte.

Wie genau fördern Sie im Kinder-College Hochbegabte?

Wir fördern nach der Devise „Schwächen schwächen und Stärken stärken“. Wir kümmern uns ums Lernen lernen und können mit einem Coaching schlechte Noten verbessern. Wir fördern die Begabungen auf vielen Gebieten und ermöglichen den Kindern, Experten zu sein und zu werden. Kreativität, Kommunikation und Soziales haben ebenfalls einen hohen Stellenwert.

Wie können Eltern/Erzieher/Lehrer/Kinderärzte für das Thema sensibilisiert werden?

Wir haben in den vergangenen Jahren durch Vorträge, Veranstaltungen und auch durch Medienberichte und das Internet ein Netzwerk aufgebaut. Überwiegend Ärzte schicken uns Kinder, aber auch Psychologen, Kindergärten und Therapeuten. Schulen sind dabei die große Ausnahme.

Können Sie aus Ihrer Erfahrung bestätigen, dass Familien mit hochbegabten Kindern bzw. die Kinder selbst häufig gemobbt, ausgegrenzt oder falsch verstanden werden?

Ja das kann ich bestätigen. Etwa 20 Prozent der Kinder werden gemobbt und ausgegrenzt. Rund 80 Prozent werden falsch verstanden. Das ist ein alarmierendes Signal. Wir verzeichnen auch ein Ansteigen depressiver Verstimmungen der Kinder und Jugendlichen.

Ist Hochbegabung genetisch bedingt?

Es gibt einen hohen genetischen Anteil in Kombination vieler Umweltfaktoren.

Wie sollten Eltern vorgehen, wenn sie vermuten, dass ihr Kind hochbegabt ist?

Eine kompetente Beratungsstelle aufsuchen. Wenn die Eltern im Kinder-College anrufen, wird ihnen zu fast allen Bereichen professionelle Hilfe geboten.

Was halten Sie von Eltern-Kreisen, wie Agnes Tremmel ihn jetzt ins Leben gerufen hat?

Elternkreise sind sinnvoll. Sie sind im Netzwerk Hochbegabung integriert. Die Eltern fühlen sich nicht allein, können ihre Erfahrungen austauschen und erhalten Tipps.

Das Interview führte unsere Redakteurin Nadja Hoffmann-Heidrich

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