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Bad Marienberg-Langenbach

Ein Wäller und fast 300 Jahre Familienhistorie: Klaus Wüst auf den Spuren seiner Ahnen

Larissa Schütz

Klaus Wüst aus dem Bad Marienberger Stadtteil Langenbach hat die Chronik seiner Familie digitalisiert. Die Geschichte beginnt 1732 mit der Geburt von Johann Wilhelm Wüst Stolz hält Klaus Wüst (78 Jahre) die gedruckte Version seiner eigenen Familiengeschichte in den Händen.

Klaus Wüst aus Langenbach hat die Familienchronik fortgeführt, digitalisiert und als Buch drucken lassen. Fotos: Röder-Moldenhauer
Klaus Wüst aus Langenbach hat die Familienchronik fortgeführt, digitalisiert und als Buch drucken lassen. Fotos: Röder-Moldenhauer
Foto: Röder-Moldenhauer

Wie schon sein Vater Karl Wüst vor ihm hat er zuerst handschriftlich die Geschichte der Familie fortgeführt, die im frühen 18. Jahrhundert mit den Aufzeichnungen von Johann Wilhelm Wüst beginnt. Da die altdeutsche Schrift heute kaum einer lesen kann, entschloss sich Klaus Wüst, die Handschriften zu digitalisieren und für alle lesbar zu machen. Das Druckwerk ist vorrangig ein Geschenk an seine eigene Familie. Aber drei Exemplare werden dem Stadtarchiv Bad Marienberg, dem Landschaftsmuseum Westerwald in Hachenburg und der Rheinischen Landesbibliothek Koblenz gestiftet.

„Ich fühle mich verpflichtet, aus meiner Sicht einen Blick zurückzuwerfen auf ein Leben, von dem man sagen kann: Und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“ Mit diesen Worten beginnt Klaus Wüst seine Beiträge zur Familienchronik im Jahr 1977. Nach dem Willen seines Vaters Karl Wüst, der 1967 verstarb, führt Klaus Wüst die Familiengeschichte fort. In einem kleinen Buch mit goldbraunem Ledereinband hat Karl Wüst in gestochen scharfen, kantigen Lettern auf 304 Seiten die Geschichte seines Urahnen Johann Wilhelm Wüst von dessen Original-Aufzeichnungen kopiert und mit seiner eigenen ergänzt. Buchstabe für Buchstabe, für heutige Augen kaum mehr lesbar, erzählt sie nicht nur die Geschichten der Männer der Familie Wüst. Die Chronik „stellt ein Kulturdokument dar, das zu weiteren Nachforschungen geradezu herausfordert“, schrieb Volkskundler Otto Stückrath im Weilburger Tageblatt im Dezember 1961. Karl Wüst stieß im Jahre 1950 auf die Handschriften seines Urururgroßvaters, die er leihweise zur Verfügung gestellt bekam. Es sah sich gezwungen, die Geschichte im Interesse seiner Familie und der Nachwelt wortgetreu abzuschreiben. „Es muss schon von Interesse gesprochen werden, wenn man sagt, man arbeitet im Winter Tag für Tag im Steinbruch und macht mit dem Kipphammer Pflastersteine, und abends sitzt man auf dem Kontor und schreibt zehn bis zwölf Seiten“, erklärt Karl Wüst und bittet die Leser gleichzeitig, die „oft komischen Schnörkel“ zu entschuldigen.

Klaus Wüst kann sich noch gut daran erinnern, wie sein Vater über das kleine Buch gebeugt saß und Seite um Seite mit seiner kantigen Schrift füllte. Wüst, der von 1986 bis 2014 gemeinsam mit seiner Frau Ursula die Stadtbücherei in Bad Marienberg geleitet hat, fühlte sich dem geschriebenen Wort, der Welt der Bücher schon immer verbunden. Sein Vater sagte einmal scherzhaft zu ihm: „Der Bücher-Welm ist wieder auferstanden.“ Bücher-Welm, so wurde bereits Johann Wilhelm Wüst seinerzeit genannt. Klaus Wüst schrieb die Familienchronik nicht nur weiter, er ergänzte sie auch durch umfassende Recherchen. „Wenn man sich mit Familienforschung befasst, wird man ruhiger“, erklärt Klaus Wüst. Man sehe sich mehr als Teil der Geschichte. Klaus Wüst und seine Frau leben heute immer noch an der Stelle in Langenbach, an der Johann Wilhelm Wüst im 18. Jahrhundert seine bescheidene Bethütte errichtete.

Von unserer Reporterin Larissa Schütz

Chronik liefert ab dem Jahr 1732 Einblicke in die damalige Zeit

Es war eine völlig andere Zeit, als Johann Wilhelm Wüst damit begann, seine Lebensgeschichte niederzuschreiben. Eine Geschichte, in der Gottglauben eine sehr große Rolle spielt.

Es ist die „merkwürdige, wahrhafte, Lebens-, Leidens-, und Verfolgungsgeschichte“ des Johann Wilhelm Wüst, mit der die Chronik beginnt.
Es ist die „merkwürdige, wahrhafte, Lebens-, Leidens-, und Verfolgungsgeschichte“ des Johann Wilhelm Wüst, mit der die Chronik beginnt.
Foto: Röder-Moldenhauer

Geboren wurde Johann Wilhelm Wüst 1732 in Steeden, einem heutigen Stadtteil von Runkel. Damals glaubte die Bevölkerung das, was ihr Graf als Glauben vorgab. Ein Andersgläubiger oder abseits Stehender hatte keine Lebensberechtigung und wurde des Landes verwiesen. Dieses Schicksal traf auch Wüst, damals Schulmeister in Wirbelau bei Schupbach. Er war erfüllt vom Licht des Pietismus. Nach der Reformation war das die wichtigste Reformbewegung im kontinentaleuropäischen Protestantismus und zeichnete sich durch die übertriebene Frömmigkeit ihrer Anhänger aus.

Wie Karl Wüst in seinem Vorwort in der Familienchronik erläutert, hielt es sein Vorfahr „mit der Religion noch genauer wie genau, ja sogar so genau, dass der Bevölkerung mehr an ihm gelegen war, wie an dem zuständigen Pfarrer.“ Dies alles führte dazu, dass die Geistlichen Wüst als Feind ansahen und er die Grafschaft Wied-Runkel für immer verlassen musste. In den Niederschriften kann man genau nachlesen, wie der Prozess, der dem Schulmeister Wüst gemacht wurde, abgelaufen ist. Der war nach seiner Entlassung aus dem Schuldienst ab 1763 als Kollektant tätig, reiste nach Den Haag, Bremen, Hamburg und Kopenhagen. Im Jahr 1776 zog er nach Langenbach bei Marienberg, erbaute dort 1782 sein Haus, obwohl die maßgeblichen Persönlichkeiten im Dorf den streng religiösen Mann nicht ansässig haben wollten. Karl Wüst schreibt in der Chronik über seinen Vorfahren Johann Wilhelm Wüst: „Er hat ein Märtyrerleben geführt, er war wirklich ein großer Mann.“

Karl Wüst selbst beginnt im Winter 1952 damit, besondere Ereignisse und Zeitgeschehen innerhalb seines Heimatgebietes niederzuschreiben. Seine Aufzeichnungen sind ein interessantes Dokument darüber, wie die Menschen damals im Westerwald lebten, wie ihr Alltag, ihr Berufsleben aussah, welchen Sitten und Gebräuchen sie nachgingen. Karl Wüst berichtet von dem Bau der Eisenbahnstrecke, dem Anfang der Basaltindustrie, dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Wie sein Urahn vor ihm hat er mit diesen Aufzeichnungen wichtige Einblicke in die damalige Zeit für die Ewigkeit festgehalten. las

Berühmte Verwandtschaft

Während der intensiven Nachforschungen zur eigenen Familiengeschichte fand Klaus Wüst heraus, dass er entfernt mit dem Schauspieler Werner Krauß (1884 - 1959) verwandt ist. Die Mutter von Krauß war eine geborene Wüst aus Emmerichenhain im Westerwald. Lina Wüst stammte von Johann Wilhelm Wüst ab. Werner Krauß galt als größter Schauspieler seiner Zeit, war allerdings Antisemit und daher charakterlich umstritten. Die Beteiligung von Krauß am Propagandafilm „Jud Süß“ brachte ihm ein zeitweiliges Berufsverbot nach dem Zweiten Weltkrieg ein.

Der Cousin von Klaus Wüst, Dr. Arthur Wüst (1925 - 1978), ist international bekannt durch sein im Klett-Verlag erschienenes Sprachlehrbuch „Etudes francaises“. las

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