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Braunkehlchen ist bedroht: Das Gezwitscher in den Wiesen verstummt

Was wäre ein Frühlingsmorgen ohne den Gesang der Vögel? Der Westerwald ohne das Gezwitscher und Schwirren in Feld und Flur? Was nach einer düsteren Zukunft klingt, ist gar nicht mehr so weit weg. Mehr als die Hälfte der Singvögel sind bereits aus dem Leben des Menschen verschwunden, warnt Heinz Hesping, Vorsitzender der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (Gnor).

Die intensive landwirtschaftliche Nutzung großer Flächen führt dazu, dass der Lebensraum von Wiesenbrütern, wie zum Beispiel dem Braunkehlchen, immer mehr eingeschränkt wird.  Foto: Peter Fasel
Die intensive landwirtschaftliche Nutzung großer Flächen führt dazu, dass der Lebensraum von Wiesenbrütern, wie zum Beispiel dem Braunkehlchen, immer mehr eingeschränkt wird.
Foto: Peter Fasel

Dazu gehören eben nicht nur Amsel, Drossel, Fink und Star, sondern auch die sogenannten Wiesenbrüter. Die Feldlerche, die in der Luft steht und unermüdlich ihr Lied schmettert, dürfte die bekannteste unter ihnen sein. Als Schirmart für die im Westerwald bekannten Wiesenbrüter kürt die Gnor während seiner Frühjahrstagung in Steinebach an der Wied das zarte Braunkehlchen, dessen Zahl innerhalb weniger Jahre dramatisch gesunken ist. Unsere Zeitung war bei dieser Tagung, zu der rund 70 Interessierte und Experten gekommen waren, dabei und beantwortet zentrale Fragen zum Thema.

1 Wie steht es um das Braunkehlchen im Westerwald? Nach Untersuchungen von Professor Klaus Fischer von der Universität Koblenz-Landau sank die Zahl der Braunkehlchen im Westerwald innerhalb von sieben Jahren von 411 auf 105 Revierpaare. Das Hauptproblem: Landwirtschaftlich genutzte Flächen würden zu früh gemäht, hoch blühende Wiesen gäbe es kaum noch. Die aber sind Lebensgrundlage für die Wiesenbrüter ganz allgemein. Schutz wäre möglich, wenn die Mahd nicht vor dem 1. August und eine Beweidung erst nach dem 15. Juli möglich wäre. Auch Pestizide und Düngung schaden den Wiesenbrütern. In den aufgeräumten Landschaften fehlen außerdem Sitzplätze, sogenannte Sitzwarten.

2 Warum ist das Braunkehlchen so relevant? „Das Braunkehlchen ist ein Juwel, eine ganz besondere kleine Vogelart“, sagt Matthias Korn von HGON, der hessischen Gnor-Schwester. Es sei der Repräsentant von vier gefährdeten ökologischen Gilden, quasi die Schirmart, unter der auch andere Arten profitieren. Die Bekassine, den Wiesenpieper und den Raubwürger habe man schon so gut wie verloren, so Korn. Um so wichtiger sei es jetzt, um das Braunkehlchen zu kämpfen. Sein Bestand brach in Europa Anfang der 1980er-Jahre zusammen, berichtet auch Hans-Valentin Bastian von der International Whinchat Working Group. Aktuelle Daten lägen zurzeit allerdings nur aus zwölf Ländern vor. In Deutschland gehe der Bestand seit 2002 zurück. Zu beobachten sei auch, dass sich das Braunkehlchen in höhere Lagen zurückziehe.

3 Welche Arten gehören zu den Wiesenbrütern? Der Arbeitskreis der Gnor, der sich um den Westerwald kümmert, hat in den vergangenen Jahren unter anderem neben dem Braunkehlchen, den Wiesenpieper, die Bekassine, den Kiebitz und den Wachtelkönig im geografischen Westerwald erfasst. Der Arbeitskreis deckt die Kreise Westerwald und Altenkirchen sowie Teile des Kreises Neuwied ab. Geleitet wird die Gruppe von Professor Klaus Fischer, der auch die Tagung im oberen Westerwald moderierte.

4 Was kann dem Braunkehlchen und seinen Artverwandten jetzt noch helfen? Massenerträge und Monokultur in der Landwirtschaft und zu niedrige Preise für landwirtschaftliche Produkte führen dazu, dass die Agrarlandschaften immer eintöniger, die Maschinen immer schwerer werden. Denn die Landwirte müssen immer mehr produzieren, um davon leben zu können. Laut Gnor sei deshalb nicht nur ein Umdenken der Landwirte nötig, sondern auch der Gesellschaft, die ganz selbstverständlich billige Lebensmittel einfordere. Aber aktiv können insbesondere die Landwirte den Wiesenbrütern helfen. Damit dies zustande kommt, gibt es mittlerweile immer mehr ehrenamtliche Naturschützer, die mit fortwährender Aufklärungsarbeit ein Umdenken in Gang setzen wollen. „Die Man-Power ist entscheidend“, sagt Hermann Hötker vom Michael-Otto-Institut im NABU in Bergenhusen, der verschiedene Projekte in Schleswig-Holstein betreut. Und er weiß: „Die gute Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft ist essenziell.“

5 Warum ist die Agrarlandschaft so entscheidend für den Fortbestand der Wiesenbrüter? War die Agrarlandschaft früher ein eher kleinteiliges und weniger perfekt sortiertes Gebilde, stehen dem heute aufgeräumte Riesenflächen entgegen. Doch Wiesenbrüter wie das Braunkehlchen brauchen eben genau das: Wiesen, in denen sie ihre Nester bauen können, die ihnen Nahrung und Schutz bieten. Viel zu früh werden landwirtschaftlich genutzte Flächen heute gemäht oder beweidetet, sodass eine Brut zum Großteil gar nicht mehr zustande kommt oder zerstört wird.

6 Wie steht es um die Schutzgebiete des Westerwaldes? Zwar gibt es bundesweit ausgewiesene Vogelschutzgebiete, doch in vielen habe es seit 20 Jahren keine Maßnahme gegeben, berichtet Matthias Korn für Hessen. Deshalb habe man 2016 begonnen, die vorhandenen Schutzgebiete intensiver zu betreuen und eben dafür, verstärkt Mittel und Unterstützung auch von der Politik einzufordern. Dazu kommen Schonstreifen in der Landschaft, späte Mahdtermine und eigens aufgestellte Sitzwarten zum Beispiel in Form von Bambusstöckern, Maßnahmen, die in Hessen erste Erfolge zeigen.

7 Gibt es positive Entwicklungen in Bezug auf den Naturschutz? Ja, positive Entwicklungen lassen sich beobachten, betont Heinz Hesping. So sei zumindest eine Diskussion um den Unkrautvernichter Glyphosat entstanden. Der Anteil der Ökolandwirte und Ökoprodukte steige und immer mehr Landwirte tun sich zusammen, um für mehr Blühflächen zu sorgen. Auch es gibt immer mehr Schutzprogramme für bedrohte Arten.

8 Warum ist Artenvielfalt wichtig für den Menschen? Biologische Vielfalt, Biodiversität, oder schlicht die Artenvielfalt sichert die Lebensgrundlage des Menschen. Denn es braucht Pflanzen und Pilze, die aus unbelebter Materie Biomasse erzeugen. Es braucht Tiere, die sich davon ernähren und andere Tiere, die sich von Tieren ernähren. Und es braucht Lebewesen, die tote Lebewesen wieder ersetzen und darauf wieder neues Leben ermöglichen. Doch menschliches Handeln verursacht in einem enormen Tempo oft unumkehrbare Verluste an biologischer Vielfalt, sodass viele Tier- und Pflanzenvorkommen verschwunden sind oder zumindest stark abgenommen haben. Wird das Frühlingsgezwitscher auch bald dem Menschen zum Opfer fallen und ganz verstummen?

Susanne Willke

Den Wiesenbrütern droht das Aussterben

Das Braunkehlchen ist auch im Westerwald vom Aussterben bedroht. „Für die Art ist es fünf vor zwölf“, sagt Michael Schmolz, Ornithologe und Geschäftsführer der Gnor.

Der Vogel, wie ganz allgemein die Wiesenbrüter, werden zunehmend zu einer Rarität. Schutzprogramme seien vonnöten, betont der Experte. Einen Film über das Braunkehlchen gibt es im Internet unter ku-rz.de/braunkehlchen

skw

Westerwald extra
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