40.000
Aus unserem Archiv

Autorin nimmt Frauenbilder in den Blick: Gisela Wülffing erinnert Feministin Simone de Beauvoir

Simone de Beauvoir und „Zur Sache Schätzchen“ – was haben beide miteinander zu tun? Beide haben runde Geburtstage: Gestern vor genau 110 Jahren erblickte Simone de Beauvoir in Paris das Licht der Welt, und vor wenigen Tagen wurde an den 50. Jahrestag des Films „Zur Sache Schätzchen“ mit Uschi Glas und Werner Enke erinnert. Beide Daten geben Anlass, sich ein Lebensgefühl in der späten Nachkriegszeit ins Gedächtnis zu rufen.

In Steinebach lernte Gisela Wülffing Frauenbilder kennen, die sie in ein Buch aufnahm. Foto: Röder-Moldenhauer
In Steinebach lernte Gisela Wülffing Frauenbilder kennen, die sie in ein Buch aufnahm.
Foto: Röder-Moldenhauer

Zur Aufbruchstimmung der 68er-Jahre passten die Texte der französischen Schriftstellerin und politisch engagierten Philosophin. Sie animierte uns junge Frauen, darüber nachzudenken, ob es richtig sei, als Frau gehorsam sein zu müssen. In ihren „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“ erinnert sie sich an die Ermahnung, nicht „ungehörig“ zu sein und an die Forderung, dass eine Frau heiraten muss. Das kam für sie nicht infrage – sie wollte unabhängig bleiben und wurde berufstätig. Die Schwarz-Weiß-Komödie von 1968 gab uns ähnliche Denkanstöße – auf sehr andere Weise. Der Film in seiner lockeren, frechen Umgangssprache zeigte, wie man ohne Drill leben kann. Wir wollten auch so sein – zu einer Zeit, als es Unverheirateten noch bei Strafe verboten war, gemeinsam zu übernachten! Ja, das Wort „ungehörig“ hörten auch wir damals noch oft genug. Der Zweite Weltkrieg war gerade kaum mehr als 20 Jahre her. Ein Kommando-Ton in der Nachkriegsgesellschaft noch ziemlich üblich, und dass Frauen keine Hosen trugen, galt als selbstverständlich.

Wer weiß denn noch, dass der Deutsche Fußballbund erst 1970 Frauen erlaubte, im Verein Fußball zu spielen? Noch 1989 gab es als Prämie für den Frauen-Europameister-Titel ein Kaffee- und Tafelservice (1 B-Ware)! Millionärinnen sind die Fußballerinnen auch heute noch nicht. Aber seit 2017 pfeift immerhin mit Bibiana Steinhaus eine erste Schiedsrichterin in der Bundesliga der Männer.

Vor allem ein Satz von Simone de Beauvoir über die Rolle der Frau gab uns damals die Inspiration, mehr Gleichberechtigung zu fordern. Sie schrieb: „Man ist nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“ Ihr wegweisendes Buch „Das andere Geschlecht“ (in Frankreich bereits 1949 erschienen) ermutigte mich und andere Frankfurterinnen, mehr Freiheit zu wagen und nicht länger „Ungehörigkeit“ als Naturgesetz für Frauen zu akzeptieren. Fremdbestimmung und vor allem männliche Gewalt wurde zum Gegenstand öffentlicher Proteste. Noch lebhaft in Erinnerung sind die kleinen und großen Schritte zur Eroberung von Freiräumen: Frauengruppen oder Wohngemeinschaften, als Frau alleine in die Kneipe gehen oder sogar verreisen, den Motorradführerschein machen – all das war möglich.

Nach dem Umzug 1995 von Frankfurt am Main nach Steinebach an der Wied lernte ich wiederum andere Lebensweisen kennen. Es war spannend zu hören und zu sehen, wie die Familien hier in früheren Zeiten lebten – und wie sie heute leben. In Gesprächen mit älteren Frauen im Ort – 2011 veröffentlicht in dem Buch „Steinebach, wie es war, übers Jahr“ – ist nachzulesen, wie beschwerlich das Leben war und wie gut der Zusammenhalt! Ein Alltag, kaum ein Auto oder ein Telefon – aber natürlich auch mit Wünschen und Träumen. Besuche bei Verwandten in der Fremde galten als besondere Erfahrung; auch die Freude an Musikinstrumenten und Büchern kommt zur Sprache. Diese Talente konnten beruflich nicht verwirklicht werden – die Arbeitskraft der Frauen und Mädchen wurde auf dem Feld und im Haus zum Überleben gebraucht. Die nächste Generation, in den 60er- und 70er-Jahren, bekam – nicht nur in den Großstädten – mehr Chancen. Ausbildung war nicht länger unnütze Zeitverschwendung. Es wurde für junge Frauen selbstverständlich, ohne Erlaubnis des Vaters oder Ehemannes den Führerschein zu machen oder eine Berufswahl zu treffen. Dieses gesellschaftlich offene Klima und die besseren Rahmenbedingungen dafür sind aber nicht vom Himmel gefallen. Man muss sich vergegenwärtigen, dass erst 1977 das Familienrecht so reformiert wurde, dass der Ehemann nicht mehr bestimmen durfte, ob seine Frau arbeiten gehen darf.

In den 80er-Jahren wurde Frauenpolitik mehr und mehr auch in den Parlamenten diskutiert. Die dort verhandelten Themen sind (leider) heute immer noch auf der Tagesordnung: gleiche Bezahlung für Frauen wie Männer, Strafverfolgung bei sexueller Gewalt und vor allem eine gute, verlässliche Kinderbetreuung für berufstätige Mütter.

Daher verfolgen Gleichstellungsbeauftragte wie Silke Hanusch aus der Verbandsgemeinde Hachenburg oder Beate Ullwer, die Gleichstellungsbeauftragte des Westerwaldkreises, beharrlich das Ziel, Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern auf allen Ebenen herzustellen, weil sie wissen, dass gesellschaftliche Veränderungen ihre Zeit brauchen und frau immer „am Ball bleiben muss“ – auch im Westerwald.

Nach nunmehr 60 Jahren wissen viele Frauen und Männer, dass die Frauenbewegung kein Verein frustrierter Klageweiber war. Man kann sowohl in Frankfurt wie auch in Steinebach gemeinsam Neuland entdecken, „ungehörig“, frei und lebenslustig sein sowie Frauenfreundschaften pflegen. Es war nicht zuletzt Simone de Beauvoir, die uns mit ihrem Scharfsinn und ihrer Kritik an scheinbar naturgegebenen Männer- und Frauenbildern einen neuen Blick auf uns alle ermöglichte.

Gisela Wülffing

Unsere Gastautorin Gisela Wülffing

Unsere Gastautorin Gisela Wülffing aus Steinebach ist eine ausgewiesene Kennerin der Entwicklung der Frauenpolitik in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Geboren 1946 in Bonn, wuchs sie mit vier Geschwistern auf. Seit ihrem 16. Lebensjahr ist sie berufstätig, über die Abendschule bildete sie sich weiter und besuchte schließlich die Universität. Gisela Wülffing hat einen Sohn.

1977 war sie Mitbegründerin der überregionalen Tageszeitung „die taz“ in Frankfurt, für die sie als Berichterstatterin gesellschaftspolitischer Themen in Berlin tätig war. Außerdem arbeitete sie für das Stadtmagazin ‚Pflasterstrand‘ in Frankfurt. 1981 war sie Mitbegründerin (und Mitglied) der Deutsch-Iranischen Beratungsstelle für Frauen und Mädchen aus dem Iran und Afghanistan (Frankfurt) – als damalige Antwort auf die Zwangsverschleierung für Frauen im Iran. 1983 wurde sie für eine Reportage mit dem Elisabeth-Selbert-Preises (Elisabeth Selbert war eine der Mütter des Grundgesetzes) ausgezeichnet. Von 1986 bis 2008 war sie Pressesprecherin der Bevollmächtigten für Frauenangelegenheiten in Hessen, Wiesbaden. Von 1991 bis 2002 oblag ihr die Öffentlichkeitsarbeit im hessischen Sozialministerium in Wiesbaden (einschließlich sechs Jahre Frauenbeauftragte im Ministerium). Zwischen 2003 und 2008 leitete sie die Stabsstelle Frauenpolitik im hessischen Sozialministerium. Seit 2009 ist sie ehrenamtliches Mitglied im Kuratorium der taz Panter Stiftung, Berlin, seit 2014 Mitglied im Gemeinderat Steinebach und seit 2015 Vorsteherin des Kindergartenzweckverbandes Steinebach an der Wied. nh

De Beauvoir ebnete Weg für moderne Frauenbewegung

Simone de Beauvoir (geboren am 9. Januar 1908 in Paris) ist eine führende Repräsentantin des französischen Existenzialismus' in der Literatur. Zudem ist sie eine entscheidende geistige Wegbereiterin für die Frauenbewegung und den Kampf der Frauen um Gleichberechtigung im 20. Jahrhundert.

Simone de Beauvoir wurde vor 110 Jahren in Paris geboren. Foto: dpa
Simone de Beauvoir wurde vor 110 Jahren in Paris geboren.
Foto: dpa

Als bis heute grundlegend in diesem Kampf gilt laut Kindlers Neues Literatur Lexikon de Beauvoirs radikales wie visionäres Werk „Le deuxième sexe“ („Das andere Geschlecht“), das erstmals 1949 erschien (deutsch 1951). In der gesamten (überschaubaren) Geschichte der Menschheit, so die Analyse der Schriftstellerin, ist die Frau als „das Andere“ bestimmt worden. Der Mann gilt als das Absolute, das Subjekt, das Wesentliche. Doch nicht die Natur, so de Beauvoir weiter, habe die Frau zu ihrer Unselbstständigkeit verdammt, sondern diese Entwicklung sei ein Produkt der Zivilisation. Dieser literarische Erfolg machte sie weltbekannt. Sie wurde in verschiedene Länder eingeladen. Ihre Reiseerfahrungen fanden in Reportagen und Tagebüchern ihren Niederschlag. Weitere bekannte Titel aus de Beauvoirs Feder sind „Die Mandarins von Paris“, ihre Autobiografie „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“, in der sie sehr persönlich ihren Werdegang erzählt, „Sie kam und blieb“ sowie „Das Blut der anderen“.

Simone de Beauvoir wuchs zunächst in wohlhabenden Verhältnissen auf. Nachdem sich ihre Eltern allerdings finanziell verspekuliert hatten, lernte sie mit Entbehrungen kämpfen. Da ihr Vater befürchtete, ihr keine ausreichende Mitgift geben zu können, setzte er, wenn auch widerwillig, stattdessen darauf, dass sie zumindest eine gute Ausbildung bekam. Das wiederum deckte sich ganz mit den Vorstellungen der Tochter, die als Jugendliche ihren Glauben verlor und deren Idealbild nicht das Bild einer Hausfrau und Mutter, sondern das einer ständig Lernenden und Erschaffenden war.

Schon in jungen Jahren kam sie in Kontakt mit Pariser Intellektuellen. Während ihrer Studien lernte sie Jean-Paul Sartre kennen, zu dem sie bis zu dessen Tod 1980 eine besondere Beziehung pflegte – sowohl in öffentlicher Form literarisch-philosophisch beziehungsweise politisch (etwa im Kampf gegen den Faschismus) als auch privat. Simone de Beauvoir starb am 14. April 1986 in Paris. Sie wurde auf dem Cimetière de Montparnasse in Paris neben Jean Paul Sartre begraben nh

Westerwald extra
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Online regional
Markus Eschenauer Markus Eschenauer (me)
Online regional
Tel. 02602/160474
E-Mail
epaper-startseite
Regionalwetter Westerwald
Mittwoch

9°C - 23°C
Donnerstag

9°C - 21°C
Freitag

7°C - 19°C
Samstag

0°C - 17°C
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
Bildergalerien: Fotos unserer Leser
&bdquo;Pfui Spinne&ldquo; mag der ein oder andere beim Anblick dieses Fotos von Volker Horz denken. Und doch hat die Detailaufnahme dieses Festmahls ihren ganz eigenen Reiz. Jedenfalls ist dem Achtbeiner hier ein dicker Fang ins Netz gegangen.&nbsp;Wenn auch Sie ein sch&ouml;nes Bild f&uuml;r unsere Leserfoto-Rubrik haben, dann schicken Sie es an die Adresse <a href="mailto:montabaur@rhein-zeitung.net">montabaur@rhein-zeitung.net</a>. Beachten Sie dabei bitte die erforderliche Mindestaufl&ouml;sung von 2500 mal 1500 Pixel.

Mit der Kamera im Westerwald unterwegs: Hier zeigen wir die schönsten Fotos unserer Leser. Zusenden per E-Mail.