40.000
Aus unserem Archiv
Kreis Neuwied

Warum Zahl der Organspenden sinkt: Ausweis kann sehr hilfreich sein

Silke Müller

Bundesweit warten mehr als 10.000 schwer kranke Menschen auf die Transplantation eines Organs, aber die Spender machen sich rar. Jüngst hat die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) den niedrigsten Stand von Organspenden seit 20 Jahren vermeldet.

Der Organspendeausweis kann im Internet heruntergeladen werden.
Der Organspendeausweis kann im Internet heruntergeladen werden.
Foto: dpa

Im Marienhaus-Klinikum St. Elisabeth indes sind sie Dr. Johannes Rasbach, Oberarzt in der Anästhesie- und Intensivmedizin, zufolge relativ konstant. Er spricht von ein bis zwei realisierten Organspenden pro Jahr. „Das hat sich über die Jahre hinweg nicht wesentlich geändert“, sagt er. Der 55-Jährige ist seit Ende der 90er-Jahre Transplantationsbeauftragter – er koordiniert das Thema innerhalb des Hauses und pflegt den Kontakt nach außen, etwa zur DSO. Zu seinen Aufgaben gehört unter anderem die Betreuung potenzieller Organspender. Das heißt, dass er in einer konkreten Situation als Ansprechpartner und beratende Instanz fungiert. Hinzu kommt die Organisation regelmäßiger Schulungen aller Mitarbeiter und das Sensibilisieren für die Organspende im Rahmen der studentischen Ausbildung und in der Öffentlichkeit.

Dr. Johannes Rasbach
Dr. Johannes Rasbach
Foto: Marienhaus-Klinikum

Dass es in dem Neuwieder Krankenhaus relativ selten zu Organspenden kommt, hängt damit zusammen, dass lediglich Patienten mit einem irreversiblen Hirnfunktionsausfall – also mit einem Hirntod – Organe spenden können, erläutert Rasbach. „Im vergangenen Jahr haben wir eine Organspende realisiert“, sagt er. Bei zwei weiteren Patienten, so berichtet der Mediziner, hätten die Angehörigen sie abgelehnt.

Denn sie sind es, falls der Patient nicht im Besitz eines Organspendeausweises ist, die letztlich bestimmen müssen, ob eine Spende erfolgen soll – oder nicht. Keine leichte Entscheidung in einer ohnehin schwierigen Situation, weiß Rasbach. Warum manche Angehörige die Organspende ablehnen, sei schwierig herauszufinden. „Das können persönliche Gründe sein wie das Gefühl, Mitverantwortung am Tod zu tragen. Ob begründet oder nicht: In diesem Fall willigen sie in eine Organspende nicht ein“, nennt der Neuwieder Oberarzt ein Beispiel. „Aber wir drängen die Angehörigen auch nicht. Sie sollen eine stabile Entscheidung treffen, mit der sie sich auch Jahrzehnte später noch wohlfühlen“, macht er deutlich.

Durch den Fortschritt in der Medizin ist die Organspende erst zum Thema geworden. Denn früher war es gar nicht möglich, die restlichen Organe am Leben zu halten, obwohl das Gehirn in seiner Gesamtfunktion irreversibel geschädigt ist. Das aber bedeutet auch: Nach außen ist der hirntote Patient von einem anderen Patienten nicht zu unterscheiden. „Es ist schwer, diese Situation zu begreifen“, weiß der Arzt aus seiner Erfahrung mit Angehörigen. Hinzu kommt, dass es sich häufig um ein plötzliches Ereignis nach einem Schlaganfall oder Hirnbluten handele. „Die Angehörigen müssen also in dieser schwierigen Ausnahmesituation eine zusätzliche Entscheidung treffen“, beschreibt Rasbach.

Vermieden wird das, wenn der Patient einen Organspendeausweis hat. Der Inhaber kann darauf ankreuzen, ob er bereit ist zu spenden oder nicht. Er kann auch Organe angeben, die er ausschließen möchte. „Dieser Ausweis erleichtert die Situation für die Angehörigen“, sagt der Mediziner, der grundsätzlich zur Anschaffung eines Organspendeausweises rät. Er betont zudem: „Bei Organspenden gibt es keine Altersgrenze. Der bisher älteste Spender in Rheinland-Pfalz war über 90 Jahre alt.“

Rasbach berichtet, dass die Zahl der Organspender bundesweit im Jahr 2010 am höchsten war. „Seitdem ist sie rückläufig“, meint er und erinnert daran, dass in jenem Jahr die Patientenverfügung intensiv beworben worden sei. Der Knackpunkt: Werden in der Patientenverfügung lebensverlängernde Maßnahmen ausgeschlossen, ist die Behandlung bei einem Hirntod zu Ende. „Deshalb sollte man in der Patientenverfügung den speziellen Fall mit aufnehmen lassen, sich bei einem Hirntod ein paar weitere Tage medizinisch behandeln zu lassen, damit eine Organspende erfolgen kann“, erläutert der Mediziner.

Neben der Patientenverfügung nennt Rasbach weitere Gründe, die, wie er vermutet, dazu beigetragen haben, dass die Zahl der Organspender gesunken ist: Zum einen gebe es weniger schwere Verkehrsunfälle und damit weniger Schädel-Hirn-Trauma-Patienten, zum anderen habe sicherlich auch der Transplantationsskandal im Jahr 2012, der eigentlich ein Vermittlungsskandal war, weil Wartelisten manipuliert worden sind, für einen Rückgang der Zahlen gesorgt, meint er.

Von unserer Redakteurin Silke Müller

Das passiert während und nach der Diagnose des Hirntods

Liegt ein Patient mit einem irreversiblen Hirnfunktionsausfall auf der Intensivstation, kommt er grundsätzlich für eine Organspende infrage. Den Hirntod müssen zwei Mediziner unabhängig voneinander diagnostizieren. Seit 2015 muss einer von ihnen Neurologe oder Neurochirurg sein, der andere eine langjährige Erfahrung bei schwersthirngeschädigten Patienten mitbringen.

Bei Kindern wird ein Kinderarzt hinzugezogen. Häufig wird als Zusatzdiagnostik ein Angio-CT oder ein EEG gemacht. Zeitgleich wird die DSO kontaktiert, und es erfolgen Gespräche mit den Angehörigen, um, liegt kein Organspendeausweis vor, herauszufinden, was der Patient gewollt hätte. Die DSO ihrerseits setzt sich mit Euro-Transplant in Verbindung. Dort wird ein Empfänger nach Dringlichkeit und Erfolgsaussicht ausgewählt. Sobald ein Organ vermittelt ist, kommt ein Team des jeweiligen Organzentrums ins Krankenhaus, das für die OP verantwortlich zeichnet. Das Marienhaus-Klinikum St. Elisabeth stellt lediglich das Anesthäsie- und OP-Pflegeteam, wobei alle auf freiwilliger Basis agieren. Ist ein Organ entnommen, muss es danach schnell gehen, denn die Lebensdauer ist je nach Chemietoleranz unterschiedlich. Dr. Johannes Rasbach zufolge hat das Herz mit drei Stunden das kleinste Zeitfenster, die Niere mit rund zwölf Stunden das größte.
Neuwied Linz
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Online regional
Nina Borowski

Nina Borowski

Regio-CvD Online

 

Mail

Anzeige
epaper-startseite
Regionalwetter Neuwied
Freitag

2°C - 10°C
Samstag

-1°C - 9°C
Sonntag

1°C - 6°C
Montag

1°C - 5°C
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach