40.000
  • Startseite
  • » Region
  • » Aus den Lokalredaktionen
  • » RZ Neuwied/Linz
  • » Vor den SS-Leuten und dem Vergessen gerettet
  • Aus unserem Archiv

    Vor den SS-Leuten und dem Vergessen gerettet

    Unter Einsatz ihres Lebens versteckten am 17. April 1945 der Naundorfer Rittergutsverwalter Alfred Holschke und seine Kinder sechs Jüdinnnen. Die kamen aus dem Vernichtungslager Auschwitz und wurden von SS-Männern durch Deutschland getrieben. Eine von ihnen war die im Westerwald geborene und in Neuwied aufgewachsene Hanna Engel.

    Die Geschwister Ursula Beutelspacher und Walter Holschke wurden am 17. März 1999 in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel als "Gerechte unter den Völkern" ausgezeichnet. Fotos: Frank Hörügel
    Die Geschwister Ursula Beutelspacher und Walter Holschke wurden am 17. März 1999 in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel als "Gerechte unter den Völkern" ausgezeichnet. Fotos: Frank Hörügel

    Neuwied/Naundorf. Hanna Engel drückt gegen die Glastür, die sich mit einem leisen Quietschen öffnet. In dem kleinen Gedenkraum des Kibbuz brennt Tag und Nacht ein Licht. Hier liegt das Gedächtnis an eine unmenschliche Zeit. Die Jüdin klappt ein dickes Buch auf. Hier sind die Namen und Schicksale von Juden aufgeschrieben, die den Nazi-Terror in deutschen Konzentrationslagern überlebten und Anfang der 50er Jahre bei Tel Aviv einen Kibbuz gründeten. Die Frau mit den weißen Haaren blättert die Papyrus-Seiten langsam mit ihren Fingern um und sucht ihren Namen.

    Glückliche Kindheit

    "Ich sehe das Bild im Ganzen, aber keine Einzelheiten", sagt sie fast entschuldigend. Als einzige Tochter einer Hausfrau und eines Metallarbeiters wurde Hanna Engel am 30. Mai 1926 im Westerwald geboren. "Meine Kindheit in Neuwied war glücklich", erinnert sich die heute 78-Jährige. Bis 1933, als ihr Vater nach dem Machtantritt Hitlers den "blauen Brief" bekam. "Er saß am Küchentisch und weinte. Einen schrecklicheren Anblick gibt es für ein siebenjähriges Kind nicht. Von da an habe ich kein normales Leben mehr gelebt." Mit Mühe versucht die Frau, das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen.

    Dann folgt der Leidensweg, wie ihn Millionen Juden in Deutschland und Europa gehen mussten: Böse Schimpfwörter von Schulkameraden, der Vater kommt ins KZ Dachau und kehrt als gebrochener Mann zurück. Im Frühjahr 1941 sieht das 15-jährige Mädchen seine Eltern zum letzten Mal. Die letzte Postkarte von ihnen folgt später aus Warschau - nicht weit weg von Treblinka.

    Vom Sammellager Berlin wird Hanna im April 1941 mit einem Viehwaggon nach Auschwitz gebracht. "Am 20. April hatte Hitler Geburtstag. Ihm zu Ehren sind wir als Geschenk nach Auschwitz übergeben worden." Für die Beschreibung des vier Jahre andauernden Grauens fehlen Hanna Engel jahrzehntelang die Worte. Erst 1986 findet sie die Worte wieder, als ihre Enkelin in der 7. Klasse einen Schulaufsatz über den Holocaust (wörtlich "alles verbrennen") schreiben muss. "Ich habe meiner Enkelin alles erzählt. Durch den Aufsatz hat ihr Vater - also mein Sohn - erstmals von meiner Zeit in Auschwitz erfahren. Er konnte nicht verstehen, warum ich so lange geschwiegen habe." Hanna Engel erzählte ihrer Enkelin nicht nur von den Gräueltaten der Nazis im Vernichtungslager, sondern auch von ihrer wundersamen Rettung in Naundorf bei Oschatz.

    "Ich habe so ein jammervolles Bild nie wiedergesehen", erinnert sich Walter Holschke. Der damals 16-jährige Naundorfer findet am 17. April 1945 sechs Jüdinnen versteckt im Gebüsch des Schlossparks.

    Als die russischen Truppen kurz vor Auschwitz standen, wurden die KZ-Häftlinge auf den Todesmarsch geschickt - scharf bewacht von SS-Männern. Die Mädchen schleppten sich drei lange Monate in einer riesigen Frauenkolonne vom Vernichtungslager Au-schwitz quer durch Deutschland. Hier bekamen es die SS-Männer immer mehr mit der Angst zu tun, wussten kurz vor Kriegsende nicht, was sie mit den tausenden Häftlingen mitten in Deutschland machen sollten.

    Alfred Holschke, der ehemalige Gutsinspektor in Naundorf.
    Alfred Holschke, der ehemalige Gutsinspektor in Naundorf.

    Mehr tot als lebendig

    Kurz vor Naundorf konnten sich die sechs Mädchen unbemerkt in ein Wäldchen absetzen. Hier schliefen sie zwei Nächte, waren vor Erschöpfung, Hunger und Kälte mehr tot als lebendig.

    Walter Holschke holte seinen Vater Alfred, den Gutsverwalter von Naundorf. "Er begann sich unserer anzunehmen wie man einer Pflanze, die verwelkt ist, Pflege angedeihen lässt, um sie wieder zu beleben", denkt Hanna Engel an diese Tage zurück. Die Holschke-Tochter Ursula päppelte die Mädchen wieder auf, jeden Tag gab es ein Tröpfchen Milch mehr in die Hafersuppe mit Wasser.

    Haarscharf entgingen die Jüdinnen wenige Tage vor Kriegsende noch einmal den SS-Häschern. Ein Naundorfer hatte den Nazis verraten, dass in der Gutsscheune Häftlinge versteckt wurden. In letzter Sekunde schickte Alfred Holschke die Mädchen zum Gutsvogt Emil Üschner nach Stennschütz, wo sie sich bis zur Befreiung der benachbarten Stadt Oschatz durch die amerikanischen GI"s verstecken konnten.

    Alfred Holschke riskierte mit dieser mutigen Tag sein Leben. Wenn SS-Leute die Mädchen gefunden hätten, wäre er erschossen oder aufgehängt worden. Auch wenige Tage vor dem Sieg der Alliierten über Deutschland war es lebensgefährlich, entflohene Häftlinge zu verstecken. Noch am 2. Mai kam eine SS-Streife auf Fahrrädern durch Naundorf. Warum setzte der Gutsverwalter sein Leben aufs Spiel? "Mein Vater war ein aufrechter Mann. Vier Jahre befand er sich während seiner Kriegsgefangenschaft in einem marokkanischen Straflager. Von den 200 Sträflingen überlebten nur 80", versucht sein Sohn Walter eine Erklärung.

    Hanna Engel blättert weiter in dem Buch voller schicksalsschwerer Seiten. Ihre Finger halten inne: Auf dieser Seite steht der Name Leo. Ihren Mann lernte sie erst in Israel kennen, wo die junge Frau am 15. Juli 1945 mit dem Schiff ankam. Auch der geborene Berliner ist Auschwitz-Überlebender. Die blassblaue Häftlingsnummer auf seinem Unterarm ist so fest eingebrannt wie die Erinnerung an das Vernichtungslager.

    Zufällig waren sich Hanna und Leo schon einmal im Jahr 1941 ganz nahe gewesen, ohne es zu wissen. "Leo erzählt mir später, dass er mit dem gleichen Sammeltransport wie ich von Berlin nach Auschwitz gefahren ist", erinnert sich die 78-Jährige.

    Zusammen baute sich das junge Paar ab 1954 eine Zukunft im Kibbuz Nezer-Sereni bei Tel Aviv auf. Eine Gruppe KZ-Überlebender gründete den Kibbuz - eine Art landwirtschaftlich geprägte Genossenschaft, die durch die Gleichheit ihrer Mitglieder und Demokratie funktioniert. Diese Form des Zusammenlebens kommt den kommunistischen Idealen recht nahe, obwohl für viele israelische Frauen und Männer das Wort Kommunismus wegen der Judenverfolgung unter Stalin verhasst ist.

    Gemeinschaft im Kibbuz

    "Diese Gemeinschaft hat uns am Leben erhalten", würdigt Hanna ihren Kibbuz. Frühstück und Mittag essen die Bewohner noch immer zusammen im Gemeinschaftshaus. Sie sind stolz auf eine eigene Bibliothek, eine Sporthalle, das Kulturhaus und eine Schule. In der idyllischen Parkanlage leben die Familien in einfachen Häusern zwischen Orangenbäumen. Materieller Besitz ist hier nicht das Maß aller Dinge, von einem relativ geringen Taschengeld aus der gemeinsamen Kibbuz-Kasse können private Dinge gekauft werden.

    Hanna arbeitete als Kindererzieherin und in der Küche. Immer dort, wo sie gebraucht wurde. Zwei Töchter und zwei Söhne brachte sie zur Welt, 13 Enkelkinder sagen heute zu ihr Großmutter. Ein einfaches und ruhiges Leben voller Arbeit, in dem kein Platz für Erinnerungen war. Bis zum Jahr 1977, als Hanna und Leo in ihre Vergangenheit nach Deutschland flogen. Zusammen gingen sie durch die Straßen von Neuwied, der Heimatstadt von Hanna. "Nach einem Tag musste ich weg, sonst wäre ich durchgedreht. Alles war so wie früher, sogar noch schöner. Nur das Liebste, was ich hatte, fehlte - meine Eltern."

    Der Neuwieder Robert Collet zu Besuch bei Hanna Engel in ihrem Haus in Israel: Collet brachte Retter und Gerettete wieder zusammen.
    Der Neuwieder Robert Collet zu Besuch bei Hanna Engel in ihrem Haus in Israel: Collet brachte Retter und Gerettete wieder zusammen.

    Ein Erlebnis, das so oder ähnlich auch die anderen fünf jüdischen Mädchen durchlitten haben müssen. Wie ihr Leben weiterging, ist nur zum Teil bekannt. Nach Kriegsende ging jede ihren eigenen Weg. Die Älteste, Anneliese Borinski, wanderte ebenfalls nach Israel aus. Sie blieb die Freundin von Hanna Engel und starb 1996 im Alter von 82 Jahren. Alfred Holschke, der Gutsinspektor von Naundorf, bekam einige Zeit nach dem Krieg Post aus Amerika. Dorthin waren zwei weitere Mädchen ausgewandert.

    Retter verstarb früh

    Ursula, die Tochter von Alfred Holschke, erinnert sich: "Meinem Vater stand Anfang der 50er Jahre in Naundorf die Verhaftung wegen angeblicher Sabotage bevor, doch wir wurden noch rechtzeitig gewarnt. Ich nähte ihm die Anschrift der Mädchen in den Hemdkragen ein und brachte ihn nach Westdeutschland." Danach brach der Kontakt zu diesen beiden Mädchen ab. Der Sabotage-Vorwurf muss Alfred Holschke zutiefst getroffen haben. Deshalb ist er auch so früh, 1958, gestorben, vermutet seine Tochter.

    Die Geschichte der "Schindlers von Naundorf" wäre wahrscheinlich nie bekannt geworden ohne Robert Collet. Als Vorsitzender des Deutsch-Israelischen Freundeskreises von Neuwied - der ehemaligen Heimatstadt von Hanna Engel - sammelte er die Mosaiksteine, bis das Bild stimmte. Collet brachte Retter und Gerettete 54 Jahre nach den Ereignissen wieder zusammen. Für ihre menschliche Größe in einer unmenschlichen Zeit wurden Alfred Holschke (postum) sowie seinen Kindern Ursula und Walter am 17. März 1999 in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem mit der höchsten Auszeichnung des Staates Israel geehrt. Als "Gerechte unter den Völkern" sind ihre Namen in Steinsäulen graviert, die ewig an ihren Mut erinnern sollen.

    "Es ist nicht Hass..."

    Hanna Engel schlägt die letzte Papyrus-Seite um, klappt das Buch und damit ein wichtiges Kapitel in ihrem Leben zu. Was empfindet sie heute bei dem Gedanken an Deutschland? "Es ist nicht Hass, was aus mir spricht, sondern tiefer Schmerz. Schmerz, dass meine Eltern mich nicht aufwachsen sahen. Und Schmerz, dass ich als junges Mädchen ganz auf mich allein gestellt war."    

       

    Frank Hörügel

    Der Autor ist Redakteur bei der Leipziger Volkszeitung, zu der die Lokalausgabe der Oschatzer Allgemeinen Zeitung gehört. In Israel nahm er an der Ehrung der "Schindlers von Naundorf" teil.

    Neuwied Linz
    Meistgelesene Artikel
    Anzeige
    Online regional
    Nina Borowski

    Nina Borowski

    Regio-CvD Online

     

    Mail

    Anzeige
    epaper-startseite
    Regionalwetter Neuwied
    Donnerstag

    12°C - 21°C
    Freitag

    11°C - 19°C
    Samstag

    11°C - 18°C
    Sonntag

    9°C - 14°C
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach