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    Rengsdorf

    Von der SS getötet: Abschied vom Bruder nach 72 Jahren

    Immer wieder berührt Nancy Hier den Baumstamm im hinteren Winkel des Rengsdorfer Friedhofs mit der Hand. „Was für ein friedlicher Ort“, flüstert die alte Dame gerührt. Denn die 87-jährige Amerikanerin steht hier an der Stelle, an der ihr Bruder Carl beerdigt wurde. Dass sie diesen Ort je sehen würde, hat Nancy Hier lange nicht geglaubt. Kürzlich besuchte sie jedoch gemeinsam mit ihrem Neffen Matthew Botkin (59) und weiteren Verwandten den Westerwald, um nach 72 Jahren endlich das letzte Kapitel im Leben ihres Bruders abschließen zu können.

    Was passierte mit dem US-Soldaten Carl Heline? Viele Jahre trieb diese Frage die Schwester des im Zweiten Weltkrieg Getöteten um. Jetzt konnte Nancy Hier (Bildmitte) in Rengsdorf das letzte Kapitel ihrer Suche schließen. Dort traf sie auch auf die Frau, die einst die Leiche Helines gefunden hatte.
    Was passierte mit dem US-Soldaten Carl Heline? Viele Jahre trieb diese Frage die Schwester des im Zweiten Weltkrieg Getöteten um. Jetzt konnte Nancy Hier (Bildmitte) in Rengsdorf das letzte Kapitel ihrer Suche schließen. Dort traf sie auch auf die Frau, die einst die Leiche Helines gefunden hatte.
    Foto: Jörg Niebergall

    Was 1945 mit dem 22-jährigen Piloten Lt. Carl Welfrid Heline passiert ist, ist eine ebenso traurige wie nicht seltene Geschichte aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges: Am Valentinstag, 14. Februar 1945, ist der junge Soldat als Copilot bei einem Angriff auf die Engers-Urmitzer Rheinbrücke an Bord eines B 26-Bombers. Die Maschine wird mit mehreren anderen Flugzeugen aus mehr als 2000 Metern Höhe von der Flugabwehr abgeschossen und stürzt auf der rechten Rheinseite ab, aber Heline überlebt dank seines Fallschirms und wird von Einheimischen aufgegriffen. Der Gefangene wird von zwei SS-Männern übernommen, die angeben, ihn nach Straßenhaus überstellen zu wollen. Dort angekommen ist Lt. Heline aber nicht: Die SS-Leute machen oberhalb von Rengsdorf Halt und führen den jungen Amerikaner in ein Waldstück. Sie zwingen ihn auf die Knie und töten ihn mit einem Schuss in den Hinterkopf.

    Nancy Hier mit einem Foto ihres getöteten Bruders.
    Nancy Hier mit einem Foto ihres getöteten Bruders.
    Foto: Matthew Botkin

    Wenige Tage später finden Frauen aus Rengsdorf den Leichnam, darunter die damals achtjährige Irmgard Kutscher: „Ich war mit meiner Mutter, meiner Tante und meiner kleinen Schwester unterwegs, um mit dem Leiterwagen am Ehlscheider Stock Brennholz zu sammeln“, berichtet die heute 80-Jährige, die in Altwied lebt. „Meine Mutter hatte einen abgedeckten Haufen gesehen und zuerst angenommen, es sei Holz, aber als sie den Toten entdeckte, schob sie uns Mädchen sofort weg, damit wir die Leiche nicht sehen.“

    Ein Landwirt aus dem Ort holte den Körper schließlich mit dem Fuhrwerk ab. Obwohl Irmgard Kutschers Mutter ihre Tochter vor dem schlimmen Anblick bewahrte, hat sie dennoch diesen Tag nie vergessen. „Es tat mir so unendlich leid“, erzählt sie auf dem Friedhof, wo sie Hand in Hand mit Nancy Hier die Grabstelle besuchte und ihr vom Auffinden ihres Bruder berichtete.

    Für Nancy Hier war jedes Wort wichtig, um die Geschichte ihres Bruders abschließen zu können: „Wir wussten ja 14 Monate lang gar nicht, was aus ihm geworden ist“, erzählt sie von der Zeit, als Carl als vermisst galt. „Wir dachten, er lebt noch, ist vielleicht in Gefangenschaft geraten und wird irgendwann heimkommen. Wir haben schon angefangen, ihn überall zu sehen. Meine armen Eltern, ich muss ständig an sie denken. Diese Geschichte hat sie ihr Leben lang traurig gemacht.“

    Nancy und ihr Bruder stammen aus einer Farmersfamilie aus Marcus im US-Bundesstaat Iowa. Carl, so erzählt sie, sei ein typischer Farmjunge und ein begabter Mechaniker gewesen, der große Landmaschinen mühelos reparieren konnte und einen Heidenspaß daran hatte, den Motor seines Autos durchdrehen zu lassen.

    Dass die Familie des jungen Piloten sein erstes Grab finden konnte, ist auch Inge Strauss zu verdanken: Die gebürtige Rengsdorferin lebt mit ihrer Familie in Florida und stieß zufällig in einem Zeitungsartikel auf den Namen ihres Heimatortes. Das Sioux City Journal hatte darin über den geplanten Besuch von Nancy Hier anlässlich des amerikanischen Memorial Day im holländischen Margarten berichtet, wohin ihr Bruder ein Jahr nach dem Abschuss auf den zentralen amerikanischen Militärfriedhof umgebettet worden war und schließlich seine letzte Ruhe fand. Inge Strauss ging der Sache nach, nahm Kontakt zu Nancy Hier auf und vermittelte auch die Verbindung nach Rengsdorf, unter anderem zu Zeitzeugin Irmgard Kutscher und Pfarrer Friedemann Stinder. Und von da an ging alles ganz schnell: Nancy Hier und ihre Verwandten machten sich auf den Weg nach Deutschland. „Vor drei Monaten wussten wir mit dem Namen Rengsdorf noch nichts anzufangen, und nun stehen wir hier“, zeigte sich Nancy Hier bei ihrem Besuch auf dem Friedhof neben der Kirche beeindruckt.

    Denn der kurze Gang über die Wege zwischen den Grabfeldern war für die alte Dame auch eine Brücke in die Vergangenheit. „Ich kann hier das letzte Kapitel im Leben meines Bruder zu Ende bringen“, sagte sie bewegt, vor der Stelle im hinteren Teil des Friedhofs stehend, wo die Rengsdorfer den Leichnam des jungen Carl W. Heline 1945 bestattet haben.

    Denn auch diese schreckliche Geschichte aus dem Krieg birgt einen Spur von Menschlichkeit: So hatten die Nazi-Obrigkeiten angeordnet, den Toten zusammen mit zwei weiteren gefallenen Soldaten der Alliierten ohne Sarg, ohne Kreuz und ohne christliche Zeremonie in nackter Erde zu verscharren. Doch der damalige Pfarrer Dr. Erich Bammel weigerte sich, die würdelose Anweisung umzusetzen, berichtet Pfarrer Stinder. „Er sagte, die Toten erhalten auf jeden Fall ein christliches Begräbnis. Aber die NS-Parteivertreter, die so etwas befehlen, werden keines bekommen.“

    Wie die Rengsdorfer sich in Ermangelung eines Sarges beholfen haben, konnte Hobbyhistoriker Karl Hoffmann erzählen: Sein Vater war einer der Arbeiter, die bei der Exhumierung der Gefallenen helfen mussten. „Man hatte die Toten mit Zweigen und Kränzen von anderen Gräbern bedeckt. Es waren einfache Erdhügel.“

    Nach der Umbettung der Toten sind die Grabstellen leer geblieben, und so schaut Nancy Hier bei ihrem Besuch nur noch auf eine unscheinbare Stelle unter einem alten Baum, nahe der Friedhofsmauer. Der Blick fällt hier von der Rengsdorfer Höhe hinunter ins Neuwieder Becken, wo ihr Bruder einst abstürzte. „Das ist so ein tröstlicher Ort, friedlich und geschützt“, findet die alte Dame. Einen kleinen Zweig des Baumes hat sie als Erinnerung mitgenommen.

    Von unserer Mitarbeiterin Angela Göbler

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    Neuwied Linz
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