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Kreis Neuwied

"Vater-Mutter-Kind" ist nicht mehr normal

Vater-Mutter-Kind – das spielen Kinder gerne: Mama kocht, schaukelt das Baby, Papa geht zur Arbeit. Doch immer weniger Kinder wachsen tatsächlich in einer Welt auf, wie sie die Kleinen in ihrem Rollenspiel für eine "normale" Familie erfinden. Laut Statistischem Landesamt ist die Zahl der Kinder, die bei einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen, in den vergangenen zehn Jahren von 88 000 auf 109 000 gestiegen.

Von unserer Reporterin Stefanie Helsper

Kreis Neuwied – Vater-Mutter-Kind – das spielen Kinder gerne: Mama kocht, schaukelt das Baby, Papa geht zur Arbeit. Doch immer weniger Kinder wachsen tatsächlich in einer Welt auf, wie sie die Kleinen in ihrem Rollenspiel für eine "normale" Familie erfinden. Laut Statistischem Landesamt ist die Zahl der Kinder, die bei einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen, in den vergangenen zehn Jahren von 88 000 auf 109 000 gestiegen. Kreisjugendamtsleiter Jürgen Ulrich sieht diese Entwicklung auch im Kreis Neuwied: "Immer mehr Kinder leben in Patchworkfamilien oder bei Alleinerziehenden." Genaue Zahlen werden auf Kreisebene nicht erhoben.

Obwohl sie immer mehr werden, die Alleinerziehenden, und rund ein Fünftel der Familien ausmachen – als "normal" wird ihre Form des Familienlebens längst nicht gesehen, das ist zumindest die Erfahrung von Judith Klaes (48) aus Neuwied. Ihre Tochter Lara ist 14 Jahre alt, und Judith Klaes ist seit 14 Jahren alleinerziehend. Sie selbst findet: "Ein Kind gehört eigentlich in eine Familie mit Mutter und Vater. Wenn die Ehe funktioniert." Judith Klaes trennte sich von ihrem marokkanischen Mann. Zu groß waren die kulturellen Unterschiede. "Wir versuchen, Familie zu leben." Zu zweit. Doch sie kennen verächtliche Blicke, Unverständnis und Vorurteile. Alle beide erleben sie sie. Vorstellungen wie "Die sind überfordert, die können es nicht" oder "Die gehören zur Bildungsunterschicht".

Nicht für voll genommen

Judith Klaes hat schon männliche Bekannte mit zu Elternabenden geschleppt, damit man sie dort für voll nimmt, als "richtige" Familie, bei der alles in Ordnung ist. Judith Klaes' Freundin Beata Ksionsek, auch alleinerziehend, ergeht es genauso. "Das ist ein gesellschaftliches Problem", klagt sie. "Die Leute haben falsche Vorstellungen." Traurigkeit und Wut sind spürbar, wenn sie darüber spricht.

Die beiden alleinerziehenden Freundinnen glauben auch, dass es gut ist, wenn es einen männlichen Einfluss in der Erziehung gibt und einen zweiten Menschen, der einem Geborgenheit gibt. Aber es geht doch auf anderem Weg: Beata Ksionsek hat zwei Söhne, einer ist 10, der andere 21. Der Große macht gerade sein Abitur nach. Lara Klaes geht in die achte Klasse und möchte gerne einmal Jura studieren. "Haste gut hingekriegt", hat ihr Bruder neulich zu Judith Klaes gesagt. Das hat sie sehr gefreut.

"Das Erziehen an sich ist nicht das Schwierige", erklärt Beata Ksionsek, "es ist schwer, alle Entscheidungen alleine zu tragen, sich nicht besprechen zu können." Judith Klaes hat den Alltag als Alleinerziehende stets gemeistert, auch wenn das vielleicht mit größeren Opfern verbunden war. Den Vollzeit-Job, den Haushalt, Ehrenämter hat sie gestemmt, teils mit Unterstützung ihrer Eltern und dem Kinderhort. "Man muss es meistern, man ist doch in der Verantwortung für sein Kind", sagt Judith Klaes.

Sie ist nicht wehleidig, sie jammert nicht. Sie muss aber nicht lange überlegen, was sich dringend ändern müsste für Alleinerziehende. Die Schlagworte sind Steuerklasse, Unterhalt und Ganztagsschule. Zu hoch würden die Einkommen von Alleinerziehenden in der Klasse II besteuert, zu einfach könnten sich die Männer beim Unterhalt aus der Verantwortung stehlen, zu schlecht sei das Betreuungsangebot in den Ganztagsschulen. Geld und Betreuung – große Herausforderungen für Alleinerziehende.

Finanziell ist es oft eng

Schwer wird es, wenn Unvorhergesehenes passiert. Schwer ist es, wenn die Waschmaschine kaputtgeht, denn da gibt es nur ein Gehalt. Schwer ist es, wenn der Vater stirbt, der immer auf Lara aufpasste und Judith Klaes auch noch ihre Mutter betreuen muss. Denn da ist sonst keiner.

Geteiltes Leid ist halbes Leid – die Rechnung geht bei Alleinerziehenden nicht auf. So erkrankte Judith Klaes vor zwei Jahren an Burn-out. "Die Probleme der Gesellschaft fokussieren sich bei ihnen wie durch ein Brennglas", sagt Monika Wilwerding, die Geschäftsführerin des Landesverbandes Alleinerziehender Mütter und Väter. Doch sie sieht auch etwas Gutes in der steigenden Zahl von Kindern, die bei Alleinerziehenden leben: "Dann sind sie keine Exoten mehr. Es wird zur Normalität." Lara Klaes, die 14-Jährige, erinnert sich, wie Mitschüler einmal mit ihrer tollen Familie prahlten. Einer Vater-Mutter-Kind-Familie. "Da gibt's doch auch Probleme", sagt sie – verächtlich.

Mehr Zahlen und einen Kommentar dazu morgen in der Neuwieder Rhein-Zeitung

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