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    RZ-Speeddating: Große Politik in kleiner Zeit

    Politiker holen bekanntermaßen gerne aus und reden gerne lange. Beim Politischen Speeddating mit Erstwählern, zu dem die RZ geladen hatte, blieben aber nur fünf Minuten pro Runde. Und die reichten auch für spannende Gespräche.

    Was interessiert Erstwähler an SPD-Bundestagskandidat Martin Diedenhofen? Natürlich die Hemdfrage. Lukas Kurpjuhn traute sich, sie beim Speeddating der Rhein-Zeitung im Neuwieder Jugendzentrum Big House zu stellen: „Wie viele Hemden hast du eigentlich in der Farbe?“, fragt der Oberstufenschüler, als Diedenhofen im rot-blauen Karohemd gegenüber Platz nimmt. Der Politiker blickt perplex an sich herunter und sagt: „Genau in dieser Farbe nur eins. Ich nehm' immer das, was gerade sauber und gebügelt ist.“ Dann widmen die beiden sich aber wichtigeren Themen. Kurpjuhn ist einer von sechs Oberstufenschülern des Neuwieder Werner-Heisenberg-Gymnasiums, die die Bundestagskandidaten aus dem Wahlkreis Neuwied/Altenkirchen an diesem Nachmittag in jeweils fünfminütigen Gesprächsrunden in die Zange nehmen.

    Kurpjuhn befragt die Politiker zum Thema Umwelt und zeigt keine Scheu, ihnen ins Wort zu fallen, wenn sie nicht auf den Punkt kommen. Schließlich geht es um Schnelligkeit – auch wenn dadurch manch eine Diskussion ein abruptes Ende findet. Erstwähler Johannes Hoff etwa fragt den AfD-Kandidaten Andreas Bleck nach der Forderung eines „Euroaustritts“, die er nicht nachvollziehen kann. Als Bleck mit Nord-Euro und Süd-Euro anfängt, sind die fünf Minuten gerade vorbei. Dafür kommt mit Erwin Rüddel (CDU) ein neuer Gesprächspartner, mit dem Hoff über Wirtschaft reden kann. Ähnlich wie Bleck ist Rüddel der Meinung, dass Scheitern keine Schande ist, und dass jungen Menschen Lust aufs Gründen von Unternehmen gemacht werden sollte.

    Jelena Ognjenovic will von allen Politikern zunächst wissen: „Was bedeutet Integration für Sie?“ Während Anna Neuhof (Grüne) sofort ihren Text herunterspult und schließlich darauf verweist, dass das „Grundgesetz über allen heiligen Büchern“ stehen muss, hakt Jochen Bülow (Linke) nach und bringt die Fragenstellerin kurz aus dem Konzept. „Welche Art von Integration meinen Sie?“ Einen gewieften Politiker zu befragen, hat eben auch seine Tücken.

    Das Thema Integration ploppt auch am Tisch von Nicole Schwindt auf, etwa wenn es um Islamunterricht an Schulen geht. Für den spricht sich Martin Diedenhofen aus, unter der Bedingung: „Wenn das Lehrer sind, die hier ausgebildet sind und die dann einen unverzerrten Islam ohne jegliche politischen Interessen vermitteln können.“ Auch Bülow ist gegen eine Vermittlung von Ideologie und sieht zudem nicht überall den Bedarf für einen solchen Unterricht. Ihre Fragen zur Bildungspolitik untermauert Schwindt mit Beispielen aus dem eigenen Schulalltag: „Ich habe das Gefühl, dass ich oft mehr über Technik weiß, als die Lehrer.“ Grünen-Kandidatin Neuhof pflichtet ihr bei und fordert, dass Lehrer mit Blick auf Digitalisierung besser geschult werden. Und: „Das sollte in den Lehrplan aufgenommen werden.“ In der nächsten Runde warnt Bülow dagegen: „Der Punkt ist auch da das Geld. Wir haben an den Schulen noch ganz andere Probleme.“

    Ums Geld geht's auch am Tisch von Maximilian Bartel. Dort erklärt AfD-Kandidat Bleck, dass die Studienförderung BAföG seiner Meinung nach nicht unabhängig vom Einkommen der Eltern sein sollte. Er, selbst Student, begründet das mit wohlhabenderen Eltern, die ihren Kindern das Studium ermöglichen können. Das sieht SPD-Kandidat Diedenhofen, ebenfalls Student, in der nächsten Runde anders. Er spricht sich für ein elternunabhängiges BAföG aus. Ob das BAföG erhöht werden sollte, da kann Bartel Erwin Rüddel keine knackige Aussage entlocken. Der CDU-Mann weicht sofort auf den Wohnbau aus: „Wir müssen eigentlich sehen, dass Wohnraum günstiger wird.“ Auch mit Blick auf die Rente müsse man Eigentum bilden und Wohnraum schaffen.

    Im Gespräch mit Nick Nidens zeigt sich Rüddel einerseits begeistert von Europa: „Dass man überall hinreisen kann, halte ich für fantastisch.“ Aber er kritisiert die Tendenzen, viele Kleinigkeiten EU-weit standardisieren zu wollen. „Daran leidet Europa und auch die Idee.“ Stattdessen solle sich die EU auf ihre Kernaufgaben konzentrieren. Ähnlich lautet der Tenor bei AfD-Kandidat Bleck: Brüssel solle nicht bestimmen, wie groß ein Traktorsitz und wie leistungsstark eine Glühbirne sein müsse. „Mir ist es wichtig, dass wir in Europa in Wirtschafts- und Umweltfragen miteinander zusammenarbeiten“, sagt Bleck. Während er an der Notwendigkeit eines Europäischen Parlaments zweifelt, sieht Erwin Rüddel in der EU die stärkste Demokratie der Welt.

    Nach dem Speeddating zeigt sich Rüddel zufrieden. Zum ersten Mal im ganzen Wahlkampf habe er über Wirtschaft diskutieren können. Auch die anderen Fragesteller hätten überrascht: „Beim Thema Umwelt ging es um realistische Ansätze der Energiewende.“ Von gut informierten Erstwählern berichtet auch Martin Diedenhofen, mit 22 Jahren der jüngste Direktkandidat. „Ich fand es spannend, mal den Blickwinkel von anderen jungen Menschen zu hören.“

    FDP-Kandidatin Sandra Weeser hatte sich wegen Krankheit kurzfristig abgemeldet. Die Kandidaten der Freien Wähler und der MLPD hatten auf die Einladung nicht reagiert.

    Von Marion Ziegler und Christina Nover

    Das Ergebnis in Schulnoten

    Die Wähler bewerteten die Kandidaten mit Schulnoten. Neben inhaltlichen Aspekten zählte vor allem, wie sich die Politiker in den Speeddates schlugen – ob sie etwa auf Fragen gut eingingen. Die Durchschnittsnoten:

    Martin Diedenhofen - 1,8
    Erwin Rüddel - 2,2
    Andreas Bleck - 2,5
    Jochen Bülow - 2,7
    Anna Neuhof - 3,0

    Neuwied Linz
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