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Koblenz/Neuwied

Neuwieder Rocker (30) packt aus: So folterten wir einen Drogensüchtigen

Hartmut Wagner

Erst wurde er mit „Waterboarding“ gefoltert, dann folterte er selbst – mit Pfefferspray, einem Elektroschocker und einem Eimer Wasser: Derzeit steht ein Rocker (30) aus Neuwied vor dem Landgericht Koblenz, der verstörende Einblicke ins kriminelle Milieu gibt.

Versetzte seine Opfer in Todesangst: Der Rocker (30), der in Koblenz vor Gericht steht, schilderte dort Folter mit einem Eimer Wasser. Foto: Thomas Frey
Versetzte seine Opfer in Todesangst: Der Rocker (30), der in Koblenz vor Gericht steht, schilderte dort Folter mit einem Eimer Wasser.
Foto: Thomas Frey

Ein Mann mit Vollglatze und Vollbart, der Anhänger der Motorradgang Gremium war, aber nach eigenen Angaben mit deren Rivalen von den Bandidos Drogengeschäfte machte. Ein Mann mit finsterem Blick, der erwachsene Männer mit obskuren Bedrohungen derart in Panik versetzte, dass sie ihm Tausende Euro gaben – aber später oft nicht zur Polizei gingen.

Der Rocker erzählte am ersten Prozesstag stundenlang Räuberpistolen: Wie er Anfang 2014 am Zaun des US-Luftwaffenstützpunkts in Spangdahlem (Kreis Bitburg-Prüm) eine Tasche mit Bargeld abholen sollte. Wie er dort nur eine Tasche mit fünf Kilogramm Kokain fand, aber liegen ließ. Und wie er deshalb bestraft wurde – mit „Waterboarding“. Er wurde demnach von seinem Chef (39) und dessen Komplizen im Hinterzimmer einer Kneipe in Ochtendung (Kreis Mayen-Koblenz) niedergeschlagen. Dann zogen sie seinen Kopf nach hinten, legten ein Tuch über seinen Kopf, übergossen ihn mit Wasser und erzeugten bei dem Rocker dadurch ein Gefühl des Ertrinkens. Der willigte danach ein, dass er seinem Chef 200.000 Euro schuldet – den Wert von fünf Kilogramm Kokain. Er sollte seine Schulden als Drogenhändler abarbeiten.

Wenige Monate später kam es im selben Hinterzimmer erneut zu einem brachialen Gewalteklat – diesmal war der Rocker nicht das Opfer, sondern einer der Täter. Wie es dazu kam, schilderte er im Prozess so: Er warb für seinen Chef einen Drogensüchtigen an, der in dessen Namen 500 Gramm Speed für 2500 Euro verkaufen sollte. Der Süchtige erhielt die Drogen – bezahlte aber nie. Darum fuhr ihn der Rocker am 4. April 2014 zu seinem Chef und dessen Komplizen in die Kneipe nach Ochtendung. Dort fielen sie zu dritt über den Süchtigen her: Der Chef attackierte ihn mit einem Elektroschocker, sein Komplize prügelte auf ihn ein, und der Rocker besprühte ihn mit Pfefferspray. Dann zerrten sie ihn zur Toilette und tauchten ihn so lange mit dem Kopf in einen Wassereimer, bis er zu allem bereit war. Er unterschrieb schließlich zwei Schuldscheine über insgesamt 7500 Euro.

Der Rocker spielte im Prozess ein unklares Spiel. Er berichtete von Kokaingeschäften für 35.000 Euro, von 20 Drogenkurierfahrten nach Bonn und bizarren Geschichten, wie er Bekannte aus einer Wasserpfeifenbar in Dierdorf um 15.000 Euro prellte. Sagt er die Wahrheit? Lügt er? Vieles ist unklar.

Als der Rocker gut drei Stunden ausgesagt hatte, betrat sein Chef von damals den Gerichtssaal: Der Rocker blickte emotionslos drein. Sein Ex-Chef, der bereits zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, grinste. Das Verhältnis zwischen beiden ist angespannt – vor allem, weil der Rocker seinen Ex-Chef im Prozess schwer belastet hat. Sechs Wachtmeister standen parat, damit beide Schwerverbrecher nicht aufeinander losgingen. Aber sie blieben friedlich und ignorierten sich nach Kräften. Der Prozess endet am Donnerstag.

Von unserem Chefreporter Hartmut Wagner

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