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Neuwied

Nach Schließung der Geburtsstation in DRK-Klinikum: Marienhaus kann nicht alle Schwangeren aufnehmen

Yvonne Stock

Mit 200 Geburten mehr rechnet das Marienhaus-Klinikum St. Elisabeth in Neuwied in diesem Jahr nach der Schließung der Geburtsstation des DRK-Klinikums Ende vergangenen Jahres. Die Anzahl der Betten auf der Geburtsstation ist konstant geblieben, das Personal wurde leicht aufgestockt. Eine Atmosphäre wie in den kleinen Geburtsstationen kann es im Neuwieder Krankenhaus trotzdem nicht geben, und manchmal müssen Schwangere abgewiesen werden, gibt Professor Richard Berger, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde, unumwunden zu.

Foto: jn

Mit knapp 2000 Geburten rechnet er in diesem Jahr. Dass von den im Schnitt 400 Geburten im DRK-Klinikum nicht alle im Marienhaus landen, erklärt Berger so, dass ein Teil der Schwangeren sich bewusst für die übrig gebliebenen kleinen Geburtsstationen in Andernach, Dernbach (Westerwald) und Mayen entscheidet. „Die haben einen riesigen Stellenschlüssel pro Patient und können eine ganz andere Zuwendung leisten“, so Berger. Aber das gehört auch zur Wahrheit: Nach Angaben des kaufmännischen Direktors des DRK-Klinikum braucht eine Hauptfachabteilung, um wirtschaftlich arbeiten zu können, mindestens 900 Geburten. In Andernach waren es im vergangenen Jahr nach Angaben des Stiftshospitals 645 Geburten, in Mayen laut der Homepage des St. Elisabeth ebenfalls mehr als 600.

In drei Kreißsälen und einem weiteren Raum im Marienhaus können die Kinder auf natürlichem Weg das Licht der Welt erblicken. Die Zahl von 60 Betten auf der Wochenstation wurde nicht verändert. „Wir haben die Liegezeiten reduziert“, erläutert Berger. Wer bis 12 Uhr gebärt, ist zwei Tage später zu Hause. Berger gibt zu, dass es vorkommt, dass Schwangere vormittags auf ein Bett warten müssen, weil diese noch durch junge Mütter belegt sind, die auf die Vorsorgeuntersuchung ihres Neugeborenen warten und dann nach Hause gehen. „Aber das haben Sie in jeder Klinik“, sagt der Chefarzt.

Professor Richard Berger, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde
Professor Richard Berger, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde
Foto: Yvonne Stock

Dass Schwangere gar nicht aufgenommen werden können, weil entweder in den Kreißsälen oder auf der Station nichts mehr frei ist, kommt laut Berger maximal zehnmal pro Jahr vor und werde durch die Übernahme der DRK-Geburten auch nicht häufiger. Für diese Frauen wird ein Liegendtransport in ihre Wunschalternativklinik organisiert, erläutert der Chefarzt.

Was häufiger passiert, nach Bergers Gefühl ein- bis zweimal pro Monat, ist, dass Risikoschwangere abgewiesen werden müssen. Das hat dann mit der fehlenden Kapazität der Früh- und Kinderintensivstation zu tun. Für diese Frauen wird ein Transport in ein Perinatalzentrum Level I nach Koblenz, Bonn, Mainz oder Köln organisiert. „Notfälle können wir immer versorgen“, sagt Berger, der erneut betont, dass dieses Problem nicht nur in Neuwied vorkommt.

Pflegedirektor Oliver Schönmann
Pflegedirektor Oliver Schönmann
Foto: Marienhaus Klinikum

Für den Personalschlüssel pro Säugling auf diesen Stationen macht der Gemeinsame Bundesausschuss Vorgaben, so muss unter anderem mindestens ein Kinderkrankenpfleger je intensivtherapiepflichtigem Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm verfügbar sein. Es gibt Tage, an denen die Vorgaben nicht eingehalten werden können, sagt Pflegedirektor Oliver Schönmann. Dann können nicht alle Intensivbettchen belegt werden. Die Schülerzahl am eigenen rheinischen Bildungszentrum für Gesundheits- und Pflegeberufe wurde bereits hochgefahren, erläutert Schönmann. Aber der Fachkräftemangel in der Pflege sei groß.

Das gelte auch für Hebammen. „Momentan liegen wir ein klein wenig unter dem Plan“, sagt Schönmann – obwohl vier Hebammen vom DRK-Klinikum übernommen und Stellen ausgeschrieben wurden. Im Bereich der Pflege wurden seinen Angaben zufolge vier Vollzeitstellen mehr für die Wochenstation geschaffen – entsprechend der Vorgaben eines Stellenschlüssels für Kliniken des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus. Bei den Bewertungen der Wochenstation im Internet fällt auf, dass bereits vor der Übernahme eines Teils der DRK-Geburten oft von „viel Betrieb“, „viel los“ oder „viel zu tun“ zu lesen ist und sowohl bei positiven als auch bei negativen Kommentaren von „Druck“ auf die Mitarbeiter die Rede ist. Aus Schönmanns Sicht fallen die Kommentare für andere Geburtsstationen in der Region schlechter aus. Er gibt aber auch zu: „Selbstverständlich ist es so, dass der Druck bundesweit in der Pflege brachial hoch ist.“ So kümmern sich zum Beispiel nachts drei Schwestern plus Springer, die auf den Stationen mit der meisten Arbeit eingesetzt werden, um die bis zu 60 belegten Betten an dem langen Flur und die Säuglinge, die auf Wunsch abgegeben werden können. Derzeit wird laut Schönmann für das gesamte Klinikum ein Entlastungsdienst organisiert, damit Pflegekräfte sich zum Beispiel nicht mehr ums Essen kümmern müssen.

Bei den Ärzten sind bis 21 Uhr zwei Assistenzärzte im Einsatz, danach noch einer, ein Oberarzt ist nachts im Haus, erläutert Berger. „Die Vorgabe gibt es nicht, aber im Notfall brauchen sie einen Experten“, so der Chefarzt. „Dann läuft die Notfallsektio in sieben bis acht Minuten.“ Mit zwei Hebammen kümmert sich der Assistenzarzt nachts nicht nur um die Gebärenden, sondern auch um Schwangere, die außerhalb der Frauenarztsprechzeiten wegen Beschwerden kommen. Nach Informationen unserer Zeitung fühlte sich das medizinische Personal bereits vor der Übernahme der weiteren Geburten immer wieder an seiner Belastungsgrenze. Laut Berger wurde ein Oberarzt mehr eingestellt. Er geht davon aus, dass die Belastung für sein Team nicht größer geworden ist. „Es ist ein deutschlandweites Problem, dass das Ganze mit Arbeitsverdichtung finanziert wird“, gibt der Chefarzt zu. Die Zahl der Geburten sei nicht planbar wie andere Operationen, man könne für die einzelnen Spitzen nicht permanent viel Personal vorhalten. Aber Assistenzärzte sind ein „spezieller Typus Mensch. Sie haben eine hohe Verantwortung, der emotionale Ausschlag ist riesig, aber sie bekommen auch viel zurück“, sagt Berger.

Von unserer Redakteurin Yvonne Stock

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