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    Im Kreis Neuwied droht Altersarmut: Kaum ein Bauarbeiter schafft es bis zur Rente

    Vielen Handwerkern im Kreis Neuwied droht Altersarmut. Der Grund: Vor allem Bauarbeiter, Dachdecker und Gerüstbauer schaffen es häufig nicht bis zur Renten-Altersgrenze. Aus gesundheitlichen Gründen müssen sie ihren Job vorzeitig aufgeben und dann mit gravierenden Abzügen leben.

    Kein Zufall: Bei Arbeiten auf dem Dach - hier am neuen Aldi in Feldkirchen - sieht man fast nur junge Leute. Bis zur Rente schaffen es auf dem Bau nur die wenigsten.
    Kein Zufall: Bei Arbeiten auf dem Dach - hier am neuen Aldi in Feldkirchen - sieht man fast nur junge Leute. Bis zur Rente schaffen es auf dem Bau nur die wenigsten.
    Foto: Jörg Niebergall

    Kreis Neuwied - Vielen Handwerkern im Kreis Neuwied droht Altersarmut. Der Grund: Vor allem Bauarbeiter, Dachdecker und Gerüstbauer schaffen es häufig nicht bis zur Renten-Altersgrenze. Aus gesundheitlichen Gründen müssen sie ihren Job vorzeitig aufgeben und dann mit gravierenden Abzügen leben.

    Von unserem Redakteur Ulf Steffenfauseweh

    Vielen Handwerkern im Kreis Neuwied droht Altersarmut. Der Grund: Vor allem Bauarbeiter, Dachdecker und Gerüstbauer schaffen es häufig nicht bis zur Renten-Altersgrenze. Aus gesundheitlichen Gründen müssen sie ihren Job vorzeitig aufgeben und dann mit gravierenden Abzügen leben. 

    So berichtet Neuwieds Kreishandwerksmeister Kurt Krautscheid auf RZ-Nachfrage von einer Statistik, nach der weniger als zwei Prozent aller Dachdecker in Deutschland über 60 Jahre alt sind. Und er folgert daraus: „Die Chance, ein Renteneintrittsalter von 65, geschweige denn 67 oder 70 Jahren zu erreichen, ist in unserer Branche nicht realistisch.“

    Damit bestätigt Krautscheid Aussagen der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) Koblenz-Bad Kreuznach. Denn nach Erhebungen der Gewerkschaft bleibt nicht einmal jeder dritte Bauarbeiter zwischen 55 und 65 Jahren im Job.

    Für die Betroffenen ist dies bitter: Für die Altersrente ist es zu früh, die Erwerbsminderungsrente fällt sehr schmal aus, wenn sie überhaupt gezahlt wird, und Arbeitslosengeld gibt es maximal zwei Jahre lang. Also bleibt oft nur Hartz IV – mit allen negativen Auswirkungen auf Ersparnisse und Wohnsituation.

    Für den IG-Bau-Bezirksvorsitzenden Dieter Kullmann ein Unding: „Wer sein Leben lang hart gearbeitet hat, darf nicht Gefahr laufen, sozial abzurutschen“, fordert er. „Hier brauchen wir ein Auffangnetz, wir müssen darauf reagieren, dass der Job auf dem Bau einer der körperlich härtesten ist.“

    44 Jahre Beitrag gezahlt und trotzdem heftige Einschnitte

    Kurt Krautscheid kann auch einen konkreten Fall nennen: „Wir hatten einen Mitarbeiter, der wegen Knie- und Rückenproblemen mit 58 Jahren einfach nicht mehr konnte. Der musste heftige Einschnitte hinnehmen – obwohl er mit 14 Jahren in die Lehre gekommen ist und somit 44 Jahre Beitrag gezahlt hat. Das ist unfair“, betont der Kreishandwerksmeister. Und so fordert er, dass „Lösungen hermüssen“.

    Denn für ihn ist klar, dass eine Umsetzung für die meisten Bauarbeiter nicht infrage kommt. „Wenn ich höre, dass ein Dachdeckergeselle mit über 60 Jahren ins Büro soll oder ins Lager, kann ich das nur als Träumerei bezeichnen. Wer 40 Jahre draußen war, kann sich nicht einfach an einen EDV-Platz setzen. Außerdem hat der durchschnittliche Dachdeckerbetrieb drei bis vier Mitarbeiter. Der kann einen solchen Platz gar nicht anbieten. Bei Krupp in Essen mag das funktionieren, bei meinem eigenen Betrieb mit zehn Leuten ist es nicht möglich“, sagt er.

    Und aufgrund dieser Problematik versuchten viele Mitarbeiter, schon deutlich früher umzusatteln. „Deshalb wandern uns viele gut ausgebildete Handwerker in die Industrie ab. Ich kann das aus ihrer Sicht vollkommen nachvollziehen. Aber für uns ist es ein Problem, das noch größer wird, weil kaum junge Leute nachkommen.“

    Es gibt aber auch positive Aspekte: So attestiert Krautscheid, dass es mittlerweile viele Regelungen und technische Hilfsmittel gibt, die die körperlich schwere Arbeit nicht nur interessant machen, sondern auch erleichtern. „Wir leben ja nicht mehr in der Steinzeit“, sagt der Kreishandwerksmeister und verweist auf flexible Arbeitszeitregelungen.

    Ähnlich unterstreicht der Obermeister der Baugewerksinnung Rhein-Westerwald, Jürgen Mertgen aus Straßenhaus, dass die Branche viele Anstrengungen unternommen hat, die Gesundheitsvorsorge und die Arbeitssicherung ihrer Mitarbeiter zu verbessern. „Diese Maßnahmen zeigen auch Erfolge. Die Reduzierung der zu hebenden Gewichte, die Einführung von vielen Systembauteilen und die Weiterentwicklung von Maschinen zur Arbeitsunterstützung haben die Arbeitswelt am Bau erleichtert“, teilt er auf RZ-Nachfrage mit. Dennoch: Der Job sei toll und interessant, erfordere aber die volle Gesundheit des Mitarbeiters. „Dabei muss man anerkennen, dass ein Bauarbeiter mit 65 Jahren seine Lebensleistung erreicht hat. Ich bin kein Freund von Ausnahmen, aber einen Maurer noch mit 67 oder 70 Jahren zum Job zu zwingen, ist nicht okay“, meint Mertgen. „Hier muss der Grad der körperlichen Beanspruchung schon berücksichtigt werden.“

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