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    Kreis Neuwied

    Handwerk: Heute der Boom, morgen der Kater?

    Wohin entwickelt sich das Handwerk? Die Antwort darauf gibt im Kreis Neuwied nicht zuletzt der Vorsitzende Kreishandwerksmeister Rudolf Röser. Jüngst wurde er für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt. Wir haben ihn, Elisabeth Schubert, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Rhein-Westerwald und Fred Kutscher, Leiter der Neuwieder Geschäftsstelle und Ausbildungsexperte, zum Gespräch gebeten.

    Rudolf Röser, Elisabeth Schubert und Fred Kutscher schauen optimistisch in die Zukunft des Handwerks – trotz der Herausforderungen.
    Rudolf Röser, Elisabeth Schubert und Fred Kutscher schauen optimistisch in die Zukunft des Handwerks – trotz der Herausforderungen.
    Foto: obi

    Herr Röser, Sie sind vor kurzem in Ihrem Amt bestätigt worden. Was sind die Herausforderungen der kommenden fünf Jahre für das Handwerk im Kreis Neuwied?

    Röser: Ja, ich bin einstimmig wieder gewählt worden. Das heißt, die Kollegen sind zufrieden. Zu den Herausforderungen: Mich interessiert vor allem, dass die Betriebe zukunftsfähig sind. Die größten Aufgaben werden die Nachwuchsfindung und die Nachwuchsförderung sein. Ebenso wichtig ist die Fachkräftesicherung und der Erhalt des dualen Ausbildungssystems und des Meisterbriefs.

    Auch die Digitalisierung ist eines der Zukunftsthemen. Wie weit ist sie schon heute?

    Röser: Das ist natürlich schon aktuell, nehmen wir zum Beispiel die Tischler, die mit CNC-Maschinen arbeiten. Ob Fenster und Treppen: Das wird alles digital bearbeitet. Es ist schon weit fortgeschritten.

    Wie weit ist da die ältere Generation? Fühlt die sich teilweise überfordert?

    Schubert: Man kann festhalten, dass die Digitalisierung schon Einzug gehalten hat. Ein Zimmererbetrieb oder ein Fertighaushersteller arbeiten voll automatisch. Aber zusammengestellt wird es dennoch vom Menschen. Das ist Handwerk. Die Planung als solche – und da kann man sicher zig Beispiele bringen – ist schon in vielen Teilen automatisiert. Da sind die Betriebe zukunftsorientiert.

    Inwieweit beobachten Sie eine solche Entwicklung auch mit Sorge? Gerade jüngere Menschen, die das Handwerk so dringend sucht, könnten doch glauben, ein Job im Handwerk ist angesichts der Automatisierung nicht zukunftsfähig.

    Röser: In reinen Produktionsbetrieben sehe ich eine größere Gefahr. Im Handwerk werden Änderungen einsetzen – beispielsweise könnten in Zukunft Drohnen über Wohngebiete fliegen, um so Schäden an Dächern zu lokalisieren. Die Ausschreibung für Reparaturen könnte dann über das Internet erfolgen.

    Schubert: Genau. Es sind Vertriebswege, die erschlossen werden. Möglichkeiten, um Aufträge zu generieren. Aber die Ausführung wird weiter der Mensch bewerkstelligen. Zumindest zu großen Teilen. Auch die Vernetzung der verschiedenen Gewerke untereinander wird ein großes Zukunftsthema sein. Und dadurch werden auch neue Geschäftsfelder entwickelt.

    Und haben Sie Visionen, wie das in Zukunft in der Praxis aussehen könnte?

    Schubert: Es ist schwierig, in die Zukunft zu blicken. Aber es gibt beispielsweise schon heute Malerbetriebe, auf deren Internetseite Kunden ihre individuellen Farben mischen und in Auftrag geben können. Das ist eine gute Möglichkeit, dank der Digitalisierung Geschäfte zu akquirieren.

    Sie klingen sehr positiv. Ist das auch der Tenor aus ihren Mitgliedsbetrieben oder gibt es auch Ängste?

    Röser: Es gibt schon ältere Betriebsinhaber, die sagen, man müsse abwarten, wie die Entwicklung weitergeht. Aber die Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Damit muss sich jeder befassen. Es gehört auch zu unseren Aufgaben, die Betriebe da heranzuführen, beispielsweise durch Seminare und Veranstaltungen.

    Schubert: Natürlich kann man die Ängste auch ein Stück weit verstehen, wir dürfen nicht vergessen: In vielen Betrieben sind keine Nachfolger in Sicht. Da stellen sich die Leute die Frage: Muss ich mich damit noch befassen? Aber wir haben auch festgestellt: Dort wo junge Menschen als potenzielle Nachfolger in die Betriebe eintreten, sind die Unternehmen in Sachen Digitalisierung besser aufgestellt.

    Innovativ oder nicht: Ein Problem, das viele Unternehmen plagt, ist die Schwierigkeit den Nachwuchs vom Handwerk zu überzeugen. Warum?

    Kutscher: Das fängt in Teilen schon im Elternhaus an. Das Abitur wird als Königsweg angesehen ohne das man nichts werden kann. Aber so stimmt das nicht. Ende der 90er-Jahre haben 31 Prozent Abitur gemacht. Mittlerweile liegen wir bei über 50 Prozent. So verkommt das Abitur zur Massenware. Das könnte auch volkswirtschaftlich zum Problem werden. Den Anspruch auf Bildung hat jeder, das ist ganz wichtig. Aber warum soll denn jemand, der Abitur hat, nicht als Maurergeselle arbeiten?

    Röser: Da müssen wir aktiv werden, um das in den Schulen zu vermitteln. Es wird einige Schüler geben, die dann merken, dass sie Spaß am Handwerk hätten. Und wir müssen auch ins Bewusstsein bringen, dass man im Handwerk gutes Geld verdienen kann.

    Was für Erfahrungen haben Sie da gemacht?

    Kutscher: Wenn wir in den Schulen sind, machen wir gute Erfahrungen. Da gibt es schon Aha-Effekte, wenn Schüler merken, dass Maurer sein nicht nur Matsch und Beton bedeutet. Aber es muss auch ein Umdenken der Schulen selbst stattfinden. Die Schulen müssen sich fragen, ob sie jeden Abiturienten auf die Universität vorbereiten müssen oder manchen auch klar machen sollten, dass ein anderer Zweig geeigneter wäre. Zumal im Handwerk der Weg zum Studium ja nicht verbaut wäre. Im Gegenteil: Schließlich berechtigt der Meisterbrief zum Studium.

    Schauen wir auf die aktuelle Situation des Handwerks im Kreis. Jüngst hat sich auf eine Ausschreibung für Bauarbeiten der Neuwieder Marktstraße kein einziger Betrieb beworben. Wie ausgelastet ist die Branche?

    Schubert: Sehr. Es gibt zum Beispiel Elektrobetriebe, bei denen drei bis vier Monate Wartezeit normal sind. Vielleicht ist das ja auch die Chance für das Handwerk, den Stellenwert in der öffentlichen Wahrnehmung zu bekommen, den es verdient. Es ist gefragt und es lässt sich damit Geld verdienen. Wenn sich auf Ausschreibungen keiner meldet, könnte das zur Konsequenz führen, dass sich der Preis für die Durchführung der Maßnahme möglicherweise nach oben bewegt.

    Dass die Preise in die Höhe gehen, ist der kurzfristige, erfreuliche Effekt des Personalmangels für die Betriebe. Aber die geburtenstarken Jahrgänge gehen erst in den Ruhestand. Droht langfristig das Sterben der Betriebe?

    Röser: Das ist jetzt schon spürbar. Selbst im Kfz-Handwerk – eigentlich ein sehr gefragtes Gewerk – kommen nicht so viele Bewerber nach wie wir benötigen würden. Wenn sich der Trend nicht in den nächsten zehn, zwanzig Jahren umkehrt, wird es kritisch.

    Müsste das Handwerk da nicht viel gezielter Frauen und Mädchen ansprechen? Obwohl die Technik Berufe auch für Frauen attraktiver macht, sind zum Beispiel nur zwei von 25 Dachdeckerazubis im Kreis Neuwied weiblich.

    Röser: Wir haben hervorragende Frauen, nicht nur in der Dachdeckerbranche, sondern in allen Gewerken. Und wir sprechen auch gezielt Frauen an mit dem Girls Day.

    Wirklich zu funktionieren scheint das nicht.

    Schubert: So pauschal kann man das nicht sagen. Die technischen Berufe werden nicht so von Frauen angenommen. Aber beispielsweise im Friseur- oder Bäckerhandwerk sind sehr viele Frauen beschäftigt. Aber klar, auch die Frau im Kfz-Handwerk muss Standard werden. Aber das ist ein langer Prozess. Es existiert noch ein veraltetes Bild vom Handwerk. Und manchmal frage ich mich, ob die Leute überhaupt ein neues Bild vom Handwerk kennenlernen wollen. Viele haben gar keine Lust, sich damit auseinanderzusetzen.

    Die Fragen stellte Robin Brand

     

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