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Kreis Neuwied

Gleichberechtigung: Frauen sind in Räten immer noch in der Minderheit

„Wenn Sie in der Politik etwas gesagt haben wollen, wenden Sie sich an einen Mann. Wenn Sie etwas getan haben wollen, wenden Sie sich an eine Frau.“ Was die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher einst sinniert haben soll, wäre noch vor 100 Jahren ein Unding gewesen. Frauen in der Politik? Frauenwahlrecht? Frauen in Vereinen? Unerhört! Bis Frauen im November 1918 das Wahlrecht zugesprochen wurde, war es ein langer, harter Weg. Eine der mutigen Kämpferinnen für die Frauenrechte war auch die Schriftstellerin, Politikerin und Frauenrechtlerin Johanna Löwenherz.

Johanna Loewenherz setzte sich zeitlebens für Frauen ein. Foto: Kreis
Johanna Loewenherz setzte sich zeitlebens für Frauen ein.
Foto: Kreis

„Johanna Löwenherz war eine der Wegbereiterinnen, die dafür gesorgt haben, dass Frauen mitreden und präsent sein durften und auch politisch wahrgenommen wurden“, beschreibt Historikerin Dr. Hildegard Brog die 1857 geborene Rheinbrohlerin. Denn damals konnte von Gleichberechtigung noch keine Rede sein: Jede politische Betätigung von Frauen war praktisch unmöglich, denn Frauen hatten nicht nur kein Wahlrecht, sie durften auch nicht in Vereinen aktiv sein oder politische Themen erörtern. Steuern zahlen durften sie dagegen sehr wohl.

„Das Recht der Frau ist die Rechtlosigkeit“, so schrieb Löwenherz in ihrer Studie „Prostitution und Production“ zur sozialen Stellung der Frau am Ende des 19. Jahrhunderts. In diese Rolle wollte sich Johanna Löwenherz aber nie einfügen: 1893 trat sie in die SPD ein, denn die von Polizei und öffentlichen Stellen immer noch überwachten Sozialdemokraten hatten als einzige politische Kraft die Gleichberechtigung der Frau zu ihrem Programm gemacht. Nach einiger Zeit in Berlin zog Löwenherz 1894 nach Neuwied zurück und fand schnell Anschluss bei den heimischen Sozialdemokraten: Schon im September wurde sie zur „Vertrauensperson“ gewählt und als Delegierte zum SPD-Parteitag nach Frankfurt entsandt. Sie engagierte sich im Neuwieder Arbeiterbildungsverein, ging auf Agitationsreise als Rednerin im Ruhrgebiet und beteiligte sich rege an Versammlungen. Einfach war das nicht: Da keine Frauen bei politischen Veranstaltungen anwesend sein durften, löste die Polizei mehr als eine Versammlung auf. Der Neuwieder Volksbildungsverein wurde wegen seiner weiblichen Mitglieder 1895 sogar ganz polizeilich verboten. Johanna Löwenherz landete als Mitglied sogar vor Gericht, das Urteil: zwölf Tage Gefängnis oder 60 Mark Geldstrafe.

Aber auch die eigenen Grabenkämpfe haben den politisch aktiven Frauen das Leben erschwert: Während Löwenherz die Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Frauenbewegung befürwortete, gehörten sie für die spätere Reichstagsabgeordnete Clara Zetkin und ihre Anhängerinnen zur Ausbeuterklasse, die man bekämpfte. Die Debatten wurden schließlich so hitzig, dass Johanna Löwenherz auch persönlich angegriffen und verletzt wurde und sich von der politischen Bühne zurückzog. 1897 endete ihr letzter öffentlicher Auftritt mit dem polizeilichen Ausschluss von einer Neuwieder Parteiversammlung. Wie Löwenherz 1918 auf das Frauenwahlrecht reagiert hat, ist nicht überliefert.

Und heute? In Zeiten von Bundeskanzlerin Angela Merkel, #MeToo und fortwährenden Debatten über Frauenquoten ist das geschlechtsunabhängige Wahlrecht zwar längst eine Selbstverständlichkeit, aber Frauen in den lokalen Gremien sind immer noch in der Minderheit. Bei den letzten fünf Kommunalwahlen seit 1994 traten nur in Ausnahmefällen mehr als ein Drittel weibliche Bewerber für die Gemeinderäte, VG-Räte und den Kreistag an. Am höchsten war der Frauenanteil 2009 unter den Kandidaten für den Ortsbeirat Irlich: Acht von 17 Bewerbern (47 Prozent) um die acht Ratssitze waren Frauen. An den Ratstisch geschafft hat es aber keine einzige.

Und manchmal machen nur ein paar Kilometer einen großen Unterschied aus: Seit 2014 sind im Ortsbeirat von des Dierdorfer Stadtteils Giershofen drei von sieben Mitgliedern (43 Prozent) Frauen. Im fast benachbarten Marienhausen sind die mittlerweile zwölf männlichen Gemeinderatsmitglieder unter sich – und das durchgängig seit 25 Jahren. An der Gemeindespitze sind Frauen dagegen keine Seltenheit mehr: Waren 1994 mit Margarete Pollmann (Anhausen) und Rosemarie Schneider (Dierdorf) nur zwei Bürgermeisterinnen im Kreis zu finden, so sind es seit der letzten Kommunalwahl von 2014 schon zwölf. Tendenz steigend. Angela Göbler

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