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Engers

Engerser Pfarrkirche: St. Sebastiano ist Fall für den Glockendoktor

Sie nennen ihn nur den „Glockendoktor“. Dabei gibt es für das, was Ulrich Groß seit 15 Jahren beruflich macht, überhaupt keine Ausbildung. Schlosser, Schreiner, Metallbauer und Elektroniker – Groß ist ein bisschen von allem. Der Kirchentechniker aus Steimel rückt dann an, wenn Beten nicht mehr hilft. Wie zuletzt in der Pfarrkirche St. Martin in Engers, wo es Probleme mit einer der vier Glocken gab. „Einem unserer Ehrenamtlichen ist beim Läuten aufgefallen, dass sie anders klingt“, berichtet Werner Kaufung vom zuständigen Verwaltungsrat.

Das Leder für die Aufhängung des Klöppels ist wahrscheinlich mehr als 70 Jahre alt. ​
Das Leder für die Aufhängung des Klöppels ist wahrscheinlich mehr als 70 Jahre alt. ​
Foto: Christina Nover

Die Glocke wurde kurzerhand stillgelegt und der Glockendoktor gerufen. Ulrich Groß kletterte den Turm hinauf und überprüfte die St. Sebastiano. Und tatsächlich: Die Aufhängung des Klöppels war stark beschädigt, Teile des Leders, an dem das tongebende Element der Glocke befestigt ist, gerissen. Die Abschaltung war genau die richtige Entscheidung: „Das wäre ein Lotteriespiel gewesen. So wie das aussieht, hätte ich dem Ganzen unter günstigsten Umständen noch 14 Tage gegeben“, meint Groß. Wie hoch der Schaden beim Absturz gewesen wäre, ist schwer abzuschätzen.

Aufhängung ist wahrscheinlich 70 Jahre alt

Schon vor einigen Jahren, so berichtet Kaufung, war ein Klöppel heruntergefallen – der von der kleinsten Glocke. Die St. Sebastiano ist nochmal ein Stück größer, das Gewicht des Klöppels schätzt Groß auf rund 130 bis 150 Kilogramm. „Der hat eine enorme Schwungmasse. Da wirken gewaltige Kräfte“, meint der Fachmann und erklärt, dass beim Läuten nicht der Klöppel, sondern die Glocke bewegt wird. Vor gar nicht so langer Zeit mussten dafür noch mehrere starke Männer regelmäßig den Turm hinauf klettern, mittlerweile passiert das elektronisch gesteuert. Bei der Glocke sucht man moderne Technik jedoch vergebens. Die Aufhängung ist wahrscheinlich schon rund 70 Jahre alt. 1947 wurde die Sebastiansglocke gegossen – 2435 Kilogramm Stahl, sicher vor möglichem Einschmelzen für den Kriegsgebrauch (siehe Kasten).

Ulrich Groß hat sich die St. Sebastiano Glocke vorgenommen.​
Ulrich Groß hat sich die St. Sebastiano Glocke vorgenommen.​
Foto: Christina Nover

Die Sebastiansglocke ist ein richtiger Workaholic: Pfarrer Heinz Christ erklärt: „Sie wird mit am häufigsten geläutet“. 48 Anschläge pro Minute schafft der stählerne Koloss. Rund vier Wochen fiel der Klangkörper mit dem Ton Cis nun jedoch aus, die anderen Glocken mussten einspringen: „Dem ein oder anderen ist das schon aufgefallen“, meint Christ. Seit Mittwoch ist die St. Sebastiano jedoch wieder im Dienst. Zu verdanken hat die Kirchengemeinde das dem Glockendoktor, der vormittags angerückt war, um die Lederaufhängung zu tauschen.

"Schwerstes Geläut zwischen Mainz und Köln"

Etwa sechs Millimeter dick war das Leder, das er dafür mitgebracht hat. In Streifen geschnitten, vierlagig, gefettet und gut verschraubt hält es den Klöppel jetzt wieder sicher an Ort und Stelle. Vorher musste er Material und Werkzeuge jedoch mit seinem Kollegen fast 50 Meter den Turm hinauf schleppen. Erst über die Wendeltreppe, dann eine lange Leiter empor. Rund vier Stunden dauerten die Vorbereitungen, das Ausbauen des Klöppels und dessen erneute Befestigung. Groß ist sicher: „Das hält jetzt wieder viele Jahre“. Kaufung und Christ freuen sich, dass das „schwerste Geläut zwischen Mainz und Köln“, wieder komplett ist.

Die Pfarrkirche St. Martin Engers hat vier Glocken im Turm hängen. Zusammen bilden sie das schwerste Geläut zwischen Mainz und Köln.
Die Pfarrkirche St. Martin Engers hat vier Glocken im Turm hängen. Zusammen bilden sie das schwerste Geläut zwischen Mainz und Köln.
Foto: Christina Nover

Geschichte der Glocken

1898 erhielt die neue Pfarrkirche drei Glocken, die 1868 von der Brüdergemeinde in Neuwied gegossen wurden. Nur eine davon überdauerte den Ersten Weltkrieg, die anderen beiden wurden beschlagnahmt. Nach dem Krieg wurde eine kleine zusätzliche Gussstahlglocke beschafft, die jedoch mit der alten Bronzeglocke klanglich nicht harmonierte.

Im Mai 1924 wurden vier Glocken aus Bronze geordert und noch im gleichen Jahr eingebaut, diese wurden jedoch schon 1942 wieder für Kriegszwecke eingeschmolzen. Nur die kleinste mit 540 Kilogramm blieb. Im November 1945 beschloss der Kirchenbauvorstand eine Neubeschaffung. Diesmal entschied man sich für Gusstahlglocken, da diese nicht mehr einzuschmelzen sind. Die Bestellung erfolgte beim Bochumer Verein für Gussstahlfabrikation. Für die vier Glocken mit Einzelgewichten (samt Klöppel) von 836, 2435, 3498 und 6122 Kilogramm brauchte es auch einen neuen stählernen Glockenstuhl. Die Glocken wurden zweigeschossig im Turm angeordnet und mit elektrischem Antrieb versehen. Die Glockenweihe fand feierlich am 24. August 1947 statt. cno

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