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Neuwied/Koblenz

Das verwahrloste Kind: Warum eine entsetzliche Misshandlung auch nach zweieinhalb Jahren ungeklärt bleibt

Eugen Lambrecht

Was für ein Mensch zerrt ein fünfjähriges Kind in die Badewanne und verbrüht es mit 54 Grad heißem Wasser? Marc H. hat sich diese Frage oft gestellt. Beantworten kann er sie bis heute nicht. Der 53-Jährige weiß nicht, wer seinen Enkel vor zweieinhalb Jahren misshandelte. Wer einen Duschkopf als Waffe nutzte, um den Jungen zu bestrafen. Wer dem Kind großflächige Verbrennungen am Genitalbereich und auf den Oberschenkeln zufügte. Fakt ist: Nur zwei Menschen kommen dafür infrage – die Mutter des Kindes und ihr damaliger Lebensgefährte.

Symbolbild: dpa​
Symbolbild: dpa​
Foto: picture alliance

Wenn Marc H. über seinen Enkel spricht, muss er mit den Tränen kämpfen. Er entschuldigt sich dafür. Die eisblauen Augen feuerrot. Ein guter Junge sei sein Enkel. Bodenständig. Klar, nicht ganz einfach. Albträume habe der Kleine. Konzentrationsschwächen. Schulprobleme. Aber will man es ihm verübeln – angesichts des Horrors, in den er hineingeboren wurde?

Ein grauer Tag Anfang März. Ein großer Tag für Marc H. Der 53-Jährige hat sich freigenommen, um mit seinem Vater aus dem Westerwaldkreis nach Koblenz zu fahren. Ans Landgericht. Zu dem Prozess, von dem er sich erhofft, dass er die Schuldfrage dieser fürchterlichen Kindesmisshandlung ein für alle Mal klären wird. Es ist bereits die zweite Verhandlung um die entsetzliche Tat, die sich am Abend des 15. Juli 2015 in einer Neuwieder Familie abspielte. Die Mutter (28) des Kindes sitzt auf den Zuschauerplätzen. Ihr Ex-Freund (38) auf der Anklagebank. Sie sagt, er habe das Kind verbrüht. Er sagt, sie war‘s. Sie verprügelte ihren Sohn erstmals, da war er noch keine drei Monate alt. Er stand bereits neunmal vor Gericht, fünfmal wegen Körperverletzung.

Rückblick: Am Morgen des 16. Juli 2015 geht die Mutter mit ihrem Sohn zum Jugendamt. Der zuständige Mitarbeiter sieht das Kind – und schickt die Frau umgehend zu einer Ärztin. Denn: Der Fünfjährige klagt über Schmerzen, hat Verletzungen im Gesicht und am Bauch. Die Ärztin stellt massive Brandblasen fest, die Haut des Kindes löst sich teilweise ab. Sie überweist den Jungen ins Krankenhaus. Dort bleibt er zwei Wochen zur Behandlung. Bei jedem Verbandswechsel muss er wegen der unerträglichen Schmerzen narkotisiert werden. Die Mutter erzählt von einem unglücklichen Unfall. Doch weder die Ärzte noch das Jugendamt glauben ihr. Die Gerichtsmedizin und die Polizei werden eingeschaltet. Noch im Krankenhaus offenbart sich der Junge seiner Oma, sagt, der Freund der Mutter hätte ihm das angetan.

Der wird vor einem Jahr vom Amtsgericht Neuwied zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Doch der damals 37-Jährige beteuert seine Unschuld – und legt Berufung ein. Auch die Staatsanwaltschaft kann sich nicht mit dem Urteil anfreunden. Es ist ihr zu mild. Also geht auch sie in Berufung. So ist es jetzt zu einem neuen Prozess am Landgericht Koblenz gekommen.

Auch diesmal sagten Pädagogen, Ärzte und Polizisten als Zeugen aus. Auch diesmal die Mutter, die Oma und das Kind. Auch diesmal offenbarte der Prozess, dass die brutale Badewannentat nur ein Ausschnitt dessen ist, was der Junge seit seiner Geburt über sich ergehen lassen musste.

Von Anfang an sind die Eltern mit der Erziehung des Kindes überfordert. Beide sind arbeitslos, beide psychisch labil. Nach kurzer Zeit trennen sie sich, der Junge bleibt bei der Mutter. Das Kind ist noch keine drei Monate alt, da geht beim Jugendamt ein anonymer Hinweis ein, dass bei der Familie Kindeswohlgefährdung vorliegen könnte. Doch vorerst passiert: nichts.

Die Großeltern holen den Jungen jedes zweite Wochenende zu sich, fahren mit ihm in den Urlaub, kümmern sich um ihn. 2014 geht die Cousine der Mutter zur Polizei, nachdem sie immer wieder Verletzungen am Körper des Kindes wahrgenommen hatte. Erst erzählt die Mutter, das Kind sei von der Rutsche gefallen, später räumt sie ein, ihr sei die Hand ausgerutscht. Das Amtsgericht Neuwied verurteilt sie zu Sozialstunden. Das Kind kommt zum leiblichen Vater.

Doch der ist keinen Deut besser. Mit großer Sorge müssen die Großeltern mit ansehen, dass der Junge nicht mehr in den Kindergarten gebracht wird. Dass er oft stunden- manchmal gar tagelang dieselbe Windel trägt. Dass er hungert, weil der Vater fast jeden Tag bis zur Mittagszeit schläft. Nach zwei Monaten melden die Großeltern all das dem Jugendamt. Sie wollen, dass der Junge fortan bei ihnen lebt. Doch der Vater fühlt sich hintergangen – geht vehement dagegen vor. So muss das Kind zurück zur Mutter.

Doch die hat zu diesem Zeitpunkt bereits einen neuen Freund und ein neues Kind. Ihren Sohn sieht sie nur noch als Last – und lässt ihn das spüren: Mal zwingt sie den Jungen, Urin vom Boden auflecken. Mal schlägt sie ihm auf den Hinterkopf, sodass er gegen den Waschbeckenrand knallt. Später wird sie auch dafür zu einer Geldstrafe verurteilt.

Am 15. Juli 2015 erreicht die Verwahrlosung des Kindes einen traurigen Höhepunkt: Der Junge macht ins Bett und soll abgeduscht werden. Weil das Kind nicht will, wird es verbrüht. Die Nacht verbringt es unter Schmerzen allein im Kinderzimmer. Nachdem die brutale Tat auffliegt, dürfen die Großeltern den Jungen bei sich aufnehmen.

Das liegt jetzt mehr als zweieinhalb Jahre zurück. Marc H. ist angespannt. Die Verteidigerin des 38-Jährgien hält gerade ihr Plädoyer. Sie behauptet: Die Mutter sei eine „empathielose Soziopathin“, der man kein Wort glauben könne. Diese Wahrheit würde der Junge verdrängen, um sie zu schützen. Marc H.s Kopf läuft rot an, er murmelt: „Die kennt den gar nicht und reißt hier das Maul auf!“

Wenige Stunden später spricht das Gericht den 38-Jährigen frei – und beendet damit einen diffusen Prozess. Diffus deshalb, weil das Kind vor Gericht nichts sagen wollte. Weil die Mutter einer Pädagogin drei verschiedene Versionen des Tatabends präsentierte, mal sich selbst, mal ihren Ex-Freund als Täter nannte. Und weil die Vernehmungsbeamtin des Jungen sagte, er habe den Ex-Freund der Mutter belastet, wohingegen ein Jugendamtsmitarbeiter erzählte, das Kind habe auch mal die Mutter als Täterin beschuldigt.

Die zahlreichen Widersprüche stärkten die Zweifel. Und die ließen dem Vorsitzenden Richter Martin Junker gar keine andere Wahl als den Mann freizusprechen. Sein Resümee: „Wir wissen, dass das unbefriedigend ist. Weil hier ein Kind misshandelt, aber bislang niemand dafür bestraft wurde.“ Doch könne man den 38-Jährigen nicht einfach drei Jahre ins Gefängnis schicken. Das sah die Staatsanwältin anders. Gegenüber unserer Zeitung kündigte sie an, in Revision zu gehen.

Auch Marc H. ist enttäuscht vom Ausgang des Prozesses. Der 53-Jährige will, dass sein Enkel endlich die Kindheit bekommt, um die er die ersten fünf Jahre seines Lebens beraubt wurde. Als er das Gerichtsgebäude verlässt, blickt er nach hinten und fragt: „Können die den Kleinen nicht endlich mal in Ruhe lassen?“

Eugen Lambrecht

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