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Leutesdorf

Am Anfang war der Fronhof: Leutesdorf feiert 1150-jähriges Bestehen mit einem Festakt

Für ihren Jubiläumsfestakt am Sonntag hat die Ortsgemeinde Leutesdorf eine ganz besondere Stätte gewählt: das Kelterhaus im Fronhof, dem wohl ältesten Gebäude im Ort. Es ist sozusagen die Wiege des Dorfes. Denn als der Fronhof vor 1150 Jahren an die Abtei Herford verschenkt wurde, tauchte in dieser Urkunde auch zum ersten Mal der Name Leutesdorf auf. Dass diese historische Stätte erhalten geblieben ist, hat der Ort vor allem dem Ehepaar Ursula und Christian Rathke zu verdanken. Es hat das Gebäude, das seit dem Mittelalter im Familienbesitz ist, 1980 von Ursula Rathkes Mutter Theresa Goldau übernommen – in einem desolaten Zustand.

Christian Rathke, Ursula Rathke, Landeskonservatorin Roswitha Kaiser und Reinhard Lahr von der unteren Denkmalschutzbehörde des Kreises (von links) vor dem Mittelpfeiler im Kelterhaus, der ersetzt werden muss.
Christian Rathke, Ursula Rathke, Landeskonservatorin Roswitha Kaiser und Reinhard Lahr von der unteren Denkmalschutzbehörde des Kreises (von links) vor dem Mittelpfeiler im Kelterhaus, der ersetzt werden muss.
Foto: Silke Müller

„Das Vogtshaus drohte wegzubrechen. Es regnete permanent rein“, sagt Christian Rathke. Auch das Kelterhaus haben die beiden vor dem Abbruch bewahrt. Mitgenommen war auch das Blechdach, mit dem Ursula Rathkes Vater das Kelterhaus nach dem Zweiten Weltkrieg versehen hatte. „Es war durchgerostet, die Balkenköpfe angefault“, erzählt Christian Rathke. Mittlerweile ist beides erneuert. „Der letzte Umbau des Kelterhauses hat im Jahr 1559 stattgefunden“, geht Christian Rathke auf die langjährige Geschichte des Gebäudes ein. Die ist zwar erst seit 868 urkundlich nachweisbar, als Ludwig der Deutsche auf Bitten seiner Frau Hemma das königliche Hofgut in Leutesdorf an die Abtei Herford verschenkte, das Ehepaar geht aber davon aus, dass die Historie des Fronhofs noch viel weiter zurückreicht. „Das älteste Mauerwerk hat wohl mal zu einer römischen Anlage gehört“, meint Rathke. Er ist sich sicher, dass Leutesdorf schon 50 vor Christus „Besuch“ des römischen Heeres unter der Leitung von Cäsar gehabt haben muss. Zwischen dem 5. und 9. Jahrhundert ist der Fronhof zu einem Königsgut arrondiert worden. „Die Lage am Rhein war ein entscheidendes Kriterium, um ein Gut einzurichten“, sagt Christian Rathke. Seit der römischen Zeit, so berichtet er, wurde auf dem insgesamt rund 1000 Quadratmeter großen Areal im Wesentlichen Wein angebaut.

Heute ist der Fronhof, behutsam und authentisch restauriert mit Spendenmitteln und aus den Erlösen von Bildverkäufen von Ursula Goldau, ein Ort der Gegenwartskultur, der auch als Non-Profit-Galerie genutzt wird. Und es gibt immer noch reichlich zu restaurieren und zu erforschen. So muss die Tür im Kelterhaus überholt werden, weil die Angeln rostig sind, und auch die Steine müssen verfugt werden. Damit nicht genug, denn die Ersetzung des Mittelpfeilers im Kelterhaus ist ebenfalls vonnöten – genauso wie die Oberfläche im Hof.

Außerdem strebt das Ehepaar an, Spezialisten nach Leutesdorf zu holen, die Karolinger-Mauerwerk datieren und somit einen wissenschaftlichen Beweis herbeiführen können, dass der Fronhof womöglich noch viel älter ist. Dazu aber, so berichten die beiden, sei eine Kooperation mit Hessen vonnöten. Darüber haben sie auch mit der Landeskonservatorin Roswitha Kaiser gesprochen, die den Fronhof am Mittwoch besuchte. Das größte Problem aber ist Christian Rathke zufolge das Hochwasser. „Da müssen wir immer wieder von vorn anfangen“, sagt er im Hinblick auf die Restaurierungsarbeiten. Zwar hat das Ehepaar schon das Mauerwerk unten verfestigt, aber das allein reicht nicht aus. In der derzeit diskutierten Erhöhung der Rheinstraße sieht er keine Lösung – weil sie ab einem Wasserstand von 6,10 Meter nichts bringen würde. „Wir müssten dann auch die gesamte Konzeption der Nutzung verändern und hohe Investitionen tätigen, um das Gebäude einbruchssicher zu machen und die Zugänglichkeit zu gewähren“, führt er aus. Deshalb plädiert Christian Rathke dafür, auf die ursprüngliche Form der Hochwasserabwehr zu setzen, Böschungsmauern an Grundstücken am Rhein zu verstärken und – wo es Böschungen gibt – die Gassen mit Toren zu verschließen.

Erst wenn das Problem gelöst ist, könnten Ideen des Ehepaars wie die Einrichtung eines Forschungszentrums für nachrömische Geschichte am Mittelrhein umgesetzt werden. Bis dahin gibt es im Fronhof neben Geschichte aber auch reichlich Kultur. So zeigt die Künstlerin Renate Vogl ab Sonntag, 29. Juli, aus ihrer grafischen Werkstatt hochwasserfeste Bilder. Die Vernissage beginnt um 11.30 Uhr. Die Schau soll bis in den Herbst hinein zu sehen sein. Geöffnet ist der Fronhof derzeit lediglich am Tag des offenen Denkmals und am ersten Septemberwochenende. Eigentlich kann sich das Paar auch einen Saisonbetrieb vorstellen, aber dafür bräuchte es mehr Unterstützer. „Einen großen Besucherandrang können zwei Personen allein nicht auffangen“, sagt Christian Rathke. Deshalb sind die beiden auch sehr interessiert daran, den Kreis der Förderer und Freunde zu erweitern. Silke Müller

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