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Linz

Abriss: Das Linzer Molti ist Geschichte [mit Video]

Das "Molti" steht nicht mehr. Dort, wo der mächtige Backsteinbau mehr als 100 Jahre das Stadtbild prägte, klafft jetzt eine Lücke. Das markante Gebäude an der Asbacher Straße, in dem zuletzt Linzer Vereine und auch Künstler ihr Domizil hatten, ist nur noch eine Fußnote in der Stadtgeschichte. Auf dem Areal soll nun ein Einkaufszentrum entstehen.

Dass das Molti einmal eine höhere Mädchenschule war, wissen heute nur noch ältere Linzer. Umso kostbarer sind die Erinnerungen derjenigen, die sich noch an die Zeit erinnern können, als das Molti noch jung war. Fritz und Christel Gielsdorf, beide Jahrgang 1923, haben das Molti noch als Mädchenschule und auch als Lazarett bei Kriegsende erlebt. Im Gespräch mit der RZ erinnern sie sich.

"Ich bin 1931 zu den Schwestern in die Schule gegangen. Physik, Chemie, Französisch, aber auch Gartenbau und Lebenskunde standen auf dem Stundenplan", blickt Christel Gielsdorf geborene Burauen zurück. Es gab Schlafräume für die Internatsschüler, und auch die Schwestern wohnten dort. Das NS-Regime sei für die Franziskanerinnen, die die Schule führten, ein echte Herausforderung gewesen. "Den Unterricht mussten sie mit ,heil Hitler' und dem entsprechenden Gruß beginnen. Aber sie ergänzten das immer etwas leiser mit ,gelobt sei Jesus Christus' und bekreuzigten sich", erinnert sie sich schmunzelnd.

Fritz hat Christel schon im Kindergarten kennengelernt. Später ist er mit der Familie nach Neuwied gezogen. Die Tante hatte jedoch ein Putzgeschäft in Linz. So blieb die Verbindung bestehen, und er hat Christel nicht aus den Augen verloren. "Ich war zuerst im Arbeitsdienst und dann im Kriegsdienst im Ruhrkessel Wuppertal", erinnert er sich. Er geriet in Gefangenschaft und wurde in den Westerwald und dann nach Kripp in das berüchtigte Gefangenenlager "Goldenen Meile" verfrachtet. "Ich hatte Glück und kam in ein Arbeitskommando in meine Heimatstadt Linz. Das Schwimmbad musste geschrubbt werden", berichtet er. "Ich sollte dann Farbe bei Malermeister Klutmann holen, der mich wiederkannte und verdutzt fragte: ,Wo küss du denn her?' ", erinnert er sich schmunzelnd.

In der Gefangenschaft hatte er Englisch gelernt. "Dadurch hatte ich Glück, und man setzte mich als Dolmetscher im Molti ein, das damals ,Field Hospital', also Lazarett, für die Goldene Meile war. Schwerstkranke wurden von Schwestern betreut. Auch meine Schwägerin Anni, war als Rot-Kreuz-Schwester da. Ich saß an der Herz-Jesu-Pforte, dem Haupteingang. Zwei bewaffnete Amerikaner waren immer dabei und passten auf." Das Molti war über einen unterirdischen Gang mit dem dahinterliegenden Alt-Krankenhaus verbunden. Der Gang sollte für das spätere Ehepaar eine besondere Bedeutung bekommen. "Ich habe im Molti unter dem Dach gewohnt und Christel noch bei den Eltern im Bondorf. Wir konnten uns fast aus dem Dachfenster zuwinken. Die Schwestern sorgten dafür, dass ich meine Braut in dem Gang, von dem aus auch Zimmer abgingen, endlich wiedertreffen konnte", erzählt der 93-Jährige, der 1947 seine Christel heiratete. Er wurde Finanzbeamter in Neuwied. "48 Jahre lang war ich 40 Jahre Betriebsprüfer. Seit 68 Jahren wohne wir nun schon in unserer Wohnung in Neuwied." Die Bilder von damals haben sie aufgehoben. "Als wir in der Rhein-Zeitung vom Abriss lasen, ist uns vieles wieder eingefallen, als wäre es gestern gewesen", meinen die beiden.

Sabine Nitsch

Neuwied Linz
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