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Kreis Birkenfeld

Experten sind sich einig: Alterstests schützen nicht vor Straftaten

Eine 15-Jährige wurde in der Pfalz erstochen, offenbar von ihrem Ex-Freund. Die Tat löste eine intensive politische und gesellschaftliche Debatte darüber aus, ob das Alter junger Flüchtlinge genauer überprüft werden sollte. Wie sehen das Einrichtungen, die häufig mit jungen Flüchtlingen zu tun haben?

Da sind sich die Experten im Kreis Birkenfeld einig: Die medizinische Alterseinschätzung sei nur die allerletzte Möglichkeit. Vorrang hätten die Auswertung vorliegender Identitätsdokumente und die Inaugenscheinnahme geschulter Fachkräfte des Trägers der öffentlichen Jugendhilfe.  Foto: Uli Deck/dpa
Da sind sich die Experten im Kreis Birkenfeld einig: Die medizinische Alterseinschätzung sei nur die allerletzte Möglichkeit. Vorrang hätten die Auswertung vorliegender Identitätsdokumente und die Inaugenscheinnahme geschulter Fachkräfte des Trägers der öffentlichen Jugendhilfe.
Foto: Uli Deck/dpa

Die medizinische Alterseinschätzung sei im Gesetz nur die allerletzte Möglichkeit, sagt dazu Rudi Weber, Geschäftsführer der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Kreuznacher Diakonie. Unter Regie der Diakonie wird zum Beispiel das Kinder- und Jugendheim Niederwörresbach geleitet, wo viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht sind. Vorrang hätten die Auswertung vorliegender Identitätsdokumente und die professionelle Inaugenscheinnahme pädagogisch entsprechend geschulter Fachkräfte des Trägers der öffentlichen Jugendhilfe, sagt Weber. „Dies entspricht den kinderrechtlichen sowie europäischen und völkerrechtlichen Vorgaben, zumal medizinische Verfahren in die körperliche und seelische Integrität des Betroffenen eingreifen.“ Die Zentrale Ethikkommission bei der Bundesärztekammer habe im September 2016 empfohlen, bis auf weiteres Röntgen- und Genitaluntersuchungen zum Zweck der Alterseinschätzung abzulehnen, ebenso die Deutsche Akademie für Kinder und Jugendmedizin.

Nur grobe Schätzung möglich

Zuständig für die Alterseinschätzung ist der öffentliche Träger, in unserer Region das Stadtjugendamt Trier, das als sogenanntes Schwerpunktjugendamt Aufgaben für mehrere Landkreise übernimmt. In der Regel müssen zwei erfahrene Fachkräfte des Jugendamtes unter Beteiligung eines vereidigten Dolmetschers diese Alterseinschätzung vornehmen. „Wenn möglich, sind wir als erfahrene Clearingeinrichtung ebenfalls unterstützend beteiligt“, berichtet der Diakonie-Geschäftsführer.

Entsprechend der allermeisten wissenschaftlichen Auffassungen und seiner Erfahrung sei die Medizin nicht in der Lage, das Alter präzise festzustellen. Experten sind sich einig, dass nur eine grobe Schätzung mit einer Streubreite von mehreren Jahren möglich ist. In der Praxis bestehe also ein erhebliches Risiko, dass Minderjährige durch die fehleranfällige Altersdiagnostik fälschlicherweise zu Erwachsenen erklärt würden.

„Aus der Praxis kennen wir auch Fälle, in denen Minderjährige, die noch einem besonderen Schutz unterliegen, als älter eingeschätzt werden wollen, weil sie sich davon Vorteile etwa bei der Arbeitserlaubnis versprechen, um dann Schulden – zum Beispiel bei Schleppern – begleichen oder finanzielle Erwartungen der Familie im Herkunftsland befriedigen zu können. Das zuständige Jugendamt musste also diese Jugendlichen entgegen ihres eigenen Wunsches als nicht erwachsen einschätzen, um ihnen die Rechte auf Erziehung und Förderung und besonderen Schutz zu ermöglichen“, erläutert Weber.

Als Pädagoge stellt er einen interdisziplinären und ganzheitlichen Ansatz in den Mittelpunkt: „Daher lehnen wir jede weitere gesetzliche Festschreibung der medizinischen Altersdiagnostik ab. Sie kann nicht zur Klärung des tatsächlichen Alters führen und hat auch keinerlei präventiven Charakter, zum Beispiel, um möglichen Straftaten vorzubeugen.“ Festgehalten werden müsse dagegen daran, dass die Kinder- und Jugendhilfe die Möglichkeit erhält, alle jungen Flüchtlinge entsprechend ihrer individuellen Bedarfslage zu unterstützen und zu fördern, um den jungen Menschen Perspektiven zu eröffnen.“

Eva Möhler, Chefin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Idar-Oberstein, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Andrea Dixius (Leitende Psychologin) ein bundesweit Aufsehen erregendes Konzept zur Erststabilisierung traumatisierter Kinder und Jugendlichen entwickelt hat, das bei jungen Flüchtlingen Anwendung findet, kommentiert: „Das Altersthema empfinde ich als vollkommen nutzloses Scheingefecht. Wichtig ist, dass die Jugendhilfe, die ohnehin bis 21 Jahre zuständig ist, bei beeinträchtigten jungen Menschen qualifiziert wird im Erkennen und Verhüten von emotionalen und Verhaltensstörungen – auch bei jungen Menschen anderer Kulturen, egal ob 15 oder 18 Jahre alt. Das haben wir im Saarland und in Baden-Württemberg mit guten Konzepten und Fördergeldern umsetzen können.“ In Rheinland-Pfalz scheitere das nicht etwa an Konzepten, sondern am Geld.

Eine Frage der Würde

Del Penner, Mitinitiator des Cafés International (Flüchtlingsinitiative) in Idar-Oberstein, ist überzeugt: „Es gibt ganz einfach zwei Kategorien von Menschen in dieser Sache, die behaupten, minderjährig zu sein, die Ehrlichen und die Unehrlichen. Die Frage ist: Wie sieht Gerechtigkeit für beide Gruppen aus? Natürlich kann ich die Meinung verstehen, dass ein Alterstest obligatorisch sein soll. Menschen sollen nicht lügen. Sie sollen unsere Hilfe nicht falsch ausnutzen. Wir müssen einen Weg finden, um herauszufinden, wer die Unehrlichen sind.“ Allerdings: „Wie wirkt das ganz praktisch auf die Flüchtlinge, vor allem auf die, die unschuldig und oft sowieso innerlich unsicher und traumatisiert sind und richtige Angaben gemacht haben? Wie sieht das Testen ganz praktisch aus? Man erreicht vielleicht die Lügner, aber wie wirkt es auf diejenigen, die ehrlich sind und die Wahrheit sagen? Mit diesen Menschen habe ich zu tun. So bilde ich teilweise meine Meinung aus ihrer Perspektive.“ Ein pauschal obligatorischer Alterstest für alle könne negative Auswirkungen haben. „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Für mich gilt das auch genauso für Flüchtlinge wie für die Deutschen. Wir müssen auch diese Menschen mit Würde und Respekt behandeln“, mahnt Penner.

Auch Ingo Lauer, beim Kreisjugendamt unter anderem für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zuständig, sagt: „Eine absolut korrekte Altersbestimmung ist unmöglich. Das ist Illusion.“ 16-Jährige, die wie 18 aussehen, andere wie 12 – „das kennen wir doch alle aus unserer Schulzeit“. Fakt sei auch: „Fluchterfahrungen prägen. Da spielt die Umwelt eine große Rolle. Manche erholen sich, sehen dann wieder jünger aus. Andere wirken dauerhaft älter.“ Seine Erfahrung: „Eher werden junge Flüchtlinge als zu alt eingeschätzt. Das stellt sich erst nach und nach heraus.“

Von unserer Redakteurin Vera Müller

Idar-Oberstein Birkenfeld
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