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Zwei Eiflerinnen auf dem Amazonas: Brüllaffen reißen aus der Paddeltrance

Vor einem Jahr haben Lisa und Julia Hermes aus Hambuch als Tramperinnen an der Autobahn 48 ihre Weltreise begonnen. Unterwegs – geplant sind etwa drei Jahre – leben sie jeweils einige Wochen mit den Menschen der durchreisten Länder zusammen, um ihre Kultur kennenzulernen (die RZ berichtete). Eine besondere Regel haben sich die Schwestern auferlegt: Sie werden nie mit einem Flugzeug abheben, sondern immer im Kontakt mit den Einheimischen bleiben. Die Hambucherinnen möchten die RZ-Leser ab und zu an ihren Erlebnissen teilhaben lassen. Zuletzt beschrieben sie ihre Atlanktiküberquerung mit dem Segelboot. Wie sie von Ecuador mit einem Holzkanu auf dem Amazonas bis nach Brasilien gepaddelt sind, beschreiben sie im folgenden Artikel:

Die Schwestern Lisa und Julia Hermes haben sechs abenteuerliche Wochen auf dem Amazonas hinter sich. Ihre Art zu reisen: Ohne Flugzeug und immer im engen Kontakt mit den Menschen, die sie unterwegs treffen. Authentisch muss es sein.
Die Schwestern Lisa und Julia Hermes haben sechs abenteuerliche Wochen auf dem Amazonas hinter sich. Ihre Art zu reisen: Ohne Flugzeug und immer im engen Kontakt mit den Menschen, die sie unterwegs treffen. Authentisch muss es sein.
Foto: privat

„José sieht uns auf dem Fluss vorbei paddeln und lädt uns zum Abendessen mit seiner Familie im offenen Palmblätterhaus ein. Ob wir Chullachaqui, den Waldhüter kennen, der hier im Dschungel lebt, fragt er uns. Der Waldgeist erscheint meist in der Gestalt von Freunden und Bekannten und führt seine Opfer so tief in den Wald, dass sie nie wieder herausfinden. Man kann ihn aber gut daran erkennen, dass einer seiner Füße in die falsche Richtung zeigt. Eigentlich ist er ganz nett, denn nur wer den Wald misshandelt, der wird von Chullachaqui entführt. Wir lauschen gebannt den Geschichten von José. Es ist stockfinster, nur sein Gesicht leuchtet matt im Schein des kleinen Küchenfeuers. Aus dem Dschungel dringt das Quaken, Brüllen, Zirpen und Kreischen der nachtaktiven Tiere zu uns in die Hütte.

Zwei Tage zuvor sind wir mit unserem Holzkanu nahe der ecuadorianischen Stadt Francisco de Orellana aufgebrochen. Die Stadt ist flussabwärts vorerst der letzte Ort, der an ein reguläres Straßennetz angebunden ist. Bis zur 3000 Kilometer entfernten Stadt Manaus in Brasilien ist das Befahren der unzähligen Seitenarme und Zuflüsse des Amazonas mit Booten und Schiffen die einzige Möglichkeit, sich über größere Distanzen fortzubewegen. Wie ein riesiges Kapillarsystem zieht sich das Flussnetz des Amazonas über ein Gebiet so groß wie Australien.

Uns ist schnell klar, dass wir die Vielfalt dieser Region nur annähernd verstehen werden, wenn wir so reisen, wie die Menschen es hier seit Jahrhunderten tun, mit dem Kanu. Also kaufen wir uns kurzerhand bei der Kichwa-Gemeinschaft ,Arunyaya' ein Fischerboot. Wir bleiben ein paar Tage dort, um uns mit dem Leben am und auf dem Fluss vertraut zu machen. Ausgerüstet mit Karten, Kompass, Gummistiefeln gegen die Schlangen, Macheten, Angelmaterial und etlichen wasserdichten Kisten, die unsere Kleidung, Schlafsäcke und Nahrung vor den tropischen Regenfällen schützen sollen, paddeln wir los. Unser Plan: Durch Ecuador und Peru auf dem Rio Napo, bis dieser in den Rio Amazonas mündet, weiter bis nach Brasilien, bis zur Dschungelmetropole Manaus.

Gegen Ölkonzerne ist Waldhüter Chullachaqui leider machtlos

Romantische Vorstellungen von archaischen Kulturen und unberührter Natur prägen bis heute das Bild Amazoniens. Doch, wie wir von José erfahren und später auf unserer Flussreise selbst sehen, ist Chullachaqui leider machtlos gegen die Ölkonzerne. Seit sie hier ihre Plattformen errichtet haben, ist das Flusswasser nicht mehr trinkbar, und die Fische, von denen sich die Menschen hauptsächlich ernähren, sind weniger geworden. Ölförderung, unkontrollierte Rodungen, illegaler Goldabbau, Minen, Staudammprojekte hinterlassen überall ihre hässlichen Spuren der Zerstörung. Uns begegnen immer wieder riesige Tanker, die das schwarze Gold zum nächsten Verteiler bringen. Hinter den Urwaldriesen tauchen Fördertürme auf, deren lautes Poltern weit über die Wipfel des Dschungels schallt.

Die Schwestern Lisa und Julia Hermes haben sechs abenteuerliche Wochen auf dem Amazonas hinter sich. Ihre Art zu reisen: Ohne Flugzeug und immer im engen Kontakt mit den Menschen, die sie unterwegs treffen. Authentisch muss es sein.
Die Schwestern Lisa und Julia Hermes haben sechs abenteuerliche Wochen auf dem Amazonas hinter sich. Ihre Art zu reisen: Ohne Flugzeug und immer im engen Kontakt mit den Menschen, die sie unterwegs treffen. Authentisch muss es sein.
Foto: privat

In Peru wird es ruhiger. Manchmal paddeln wir stundenlang den Strom entlang, ohne einen Menschen zu sehen, kein Schiff, kein Palmblätterhaus, kein Garten. Nur wir und der erdfarbene Fluss, der durch die Weite des Regenwaldes mäandert. Für einen Moment holt uns das ferne Schreien der Brüllaffen, ein kreischendes Arapaar, das über unsere Köpfe fliegt, oder das plötzliche Aufatmen eines Flussdelfins aus unserer Paddeltrance. Hier ist sie endlich: die wilde unberührte Natur des Urwaldes. Wir fahren durch enge, von Bäumen und Lianen überwucherte Seitenarme, übernachten auf einsamen Sandbänken, versuchen uns im Fischen und beobachten den eindrucksvollen Sternenhimmel.

So ist der Dschungel: wunderschön und erbarmungslos

Eigentlich könnten wir uns so ganz gut an unseren Dschungelalltag gewöhnen, wären da nicht die gnadenlose Sonne und die hinterhältigen Moskitos. Mückenspray und Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50plus nützen nichts: Die Moskitos stechen und die Sonne brennt. Aber so ist der Dschungel eben: wunderschön und erbarmungslos zugleich. Leben, Reife, Geburt, Verschwendung, Tod, Fäulnis und Verwesung existieren hier im harmonischen Einklang. Doch alle Strapazen sind vergessen, wenn wir abends in einem Dorf ankommen und mit einer riesigen Schüssel Chicha (alkoholisches Getränk aus der Maniokwurzel) empfangen werden, mit der Dorfbagage Fußball spielen oder im Fluss baden.

1500 Kilometer und sechs Wochen liegen hinter uns, als wir die Grenze zu Brasilien und damit die Hälfte unserer Strecke nach Manaus erreichen. Leider wird uns die Weiterfahrt verwehrt, wegen illegalen Durchquerens nationaler Gewässer. Widerspruch ist zwecklos. Die Beamten an der Grenze Ecuador-Peru hatten uns durchgewunken, ohne uns eine schriftliche Erlaubnis auszustellen. Diese fehlt uns leider zu unseren Bootspapieren und Registrierungen im jeweiligen Land. Bevor wir protestieren können, wird unser Kanu ,Langer Weg' konfisziert und trockengelegt. Uns bleibt nichts anderes übrig, als unser Bootszubehör zu verkaufen und am nächsten Morgen den Flussdampfer zu besteigen, der uns weiter in Richtung Manaus bringt. Wehmütig nehmen wir Abschied von unserem Kanu und denken an die unvergesslichen Tage und Nächte auf dem Amazonas.“

Mehr über die Reise von Lisa und Julia Hermes unter www.outthere.eu

Cochem Zell
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