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Eller

Wo Überall liest, verbietet es sich, kurz wegzuhören

Stephan Hilken

„Weghören strengstens verboten!“ Ein rot umrandetes Schild mit eben einer solch deutlichen Ansage hätte in den vergangenen Tagen durchaus vorm Eingang des Weinguts Freiherr von Landenberg in Eller stehen können. Im malerischen Innenhof des historischen Ensembles hatte sich der bundesdeutsche Experte für Verbote, der Journalist und Publizist Professor Dr. Frank Überall, eingefunden. Im Gepäck: Die noch fast druckfrischen Exemplare seines im Frühjahr erschienenen Werkes: „Es ist untersagt … Wie Verbote uns verwirren – und warum wir sie trotzdem brauchen“.

Im Ellerer Weingut Freiherr von Landenberg liest Frank Überall aus seinem Buch „Es ist untersagt ...“, das von Verboten aller Art handelt.  Foto: Stephan Hilken
Im Ellerer Weingut Freiherr von Landenberg liest Frank Überall aus seinem Buch „Es ist untersagt ...“, das von Verboten aller Art handelt.
Foto: Stephan Hilken

Auf seiner Moselreise im Wohnmobil begleiteten Frank Überall gute Freunde aus Köln: das Singer/Songwriterduo AnyWay. Franco Clemens und Nici Liebric begeisterten das Publikum mit eigenen Songs ihrer CD Sense of Life, sodass die Lesung durch Konzertmomente zusätzlich Abwechslung und Schwung erhielt. Zur eigentlichen Lesung hatte sich eine kleine mutige Zuhörerschar trotz des zunächst vielleicht abschreckenden Themas eingefunden und begab sich, nun auch musikalisch beschwingt, mit ihrem erfahrenen Expeditionsleiter in die mitunter undurchsichtigen Irrungen und Wirrungen des Verbotsschilderdschungels.

Seit acht Jahren befindet sich der freie Journalist Frank Überall nun schon auf einer fortwährenden Fotosafari und lichtet strenge, skurrile und oftmals auf den ersten und zweiten Blick vor allem unverständliche Prachtexemplare von Verbotsschildern ab. „Das Verbotsprojekt hat meinen Blick noch einmal geschärft und meine Augen für viele Details in unserem öffentlichen Raum weit geöffnet“, schildert Überall im Gespräch mit unserer Zeitung seine persönliche Bewusstseinserweiterung als Folge des merkwürdigen Projekts.

Tatsächlich wimmelt es an Privatgrundstücken, vor Firmengeländen und insbesondere im öffentlichen Raum von Verbotsschildern aller Art, Verbote lauern eben überall. Der Bürger läuft meist an ihnen vorüber, ohne den Schildern Beachtung zu schenken und oftmals gleichen die Piktogramme eher kniffligen Bilderrätseln. Frank Überall bringt ein Beispiel: „An der Rollbahntreppe zur Kölner U-Bahn am Hauptbahnhof entdeckte ich ein für mich nicht zu entschlüsselndes Bild.“ Bei der zuständigen Kölner Behörde erhielt er zunächst folgende Auskunft: „Sie dürfen kein Floß auf der Rolltreppe transportieren.“ Aha. Alles klar! Wie ein senkrecht stehendes Floß sah das Piktogramm tatsächlich aus. Natürlich ein Beispiel rheinischen Humors. In Wirklichkeit besagt das Verbotsschild, dass keine sperrigen Lasten auf der Rolltreppe befördert werden dürfen.

Viele unklare Verbotsschilder sind kleine Kunstwerke, quasi kreative „Schild-Bürgerstreiche“, und zollen sich verändernden Verhaltensweisen Tribut. Als Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) kommt Überall viel in der Republik herum, so hat er mittlerweile fast 1000 Verbotsschilder zusammengetragen, auch dank der Unterstützung vieler User sozialer Medien. Das Projekt hat auf diese Weise eine große medial-öffentliche Wirkung entfaltet.

Doch das nun erschienene Buch ist bei Weitem mehr als ein reines Fotobuch, als Hörfunkjournalist für den WDR hat Überall zahlreiche Interviews geführt. Die Liste der Gesprächspartner reicht vom ehemaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum bis hin zum wohl prominentesten Fernsehdoktor der Nation: Eckart von Hirschhausen. Letzterer schildert im Gespräch die allseits bekannte gegenteilige Wirkung, also den Reiz des Verbotenen am Beispiel von Brokkoli, welchen Eltern ihren Sprösslingen garantiert durch ein Verbot am ehesten schmackhaft machen könnten.

Entstanden ist ein facetten- und lehrreiches Buch, mit vielen unterschiedlichen Betrachtungen und Belegen für die stetigen Veränderungen von Gesellschaft und der mitunter maßlos übertriebenen Regulierungswut via Verboten im öffentlichen Raum. Die Idee zu dem ungewöhnlichen Buchprojekt war seinerzeit Wolfgang Jorzik gekommen, einem Journalisten, der kritisch Gesellschaft und Politik beleuchtete. Jorzik verstarb 2015 nach schwerer Krankheit und Frank Überall versprach seinem Freund, das gemeinsame Projekt zu vollenden und das Verbote-Buch zu veröffentlichen.

Von unserem Mitarbeiter Stephan Hilken

Erlös aus Buchverkäufen dient einem guten Zweck

Wer ein Buch über die Webseite des Projekts www.esistuntersagt.de oder direkt über den Verlag erwirbt, erhält nicht nur ein spannendes Buch zu einem ungewöhnlichen Thema, sondern unterstützt zugleich einen guten Zweck: Alle Einnahmen kommen der Familie Wolfgang Jorziks zugute. Das Weingut Freiherr von Landenberg bot Frank Überall und der Band AnyWay einen idyllischen Rahmen und möchte künftig häufiger Spielstätte für Kunst und Kultur sein, am 9. September öffnet das herrschaftliche Anwesen am Tag des offenen Denkmals seine Türen.

shn
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