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Kail

Wenn der Vater mit dem Sohne: Mario Vallendar will Schnapsbrenner werden

Petra Mix

Ob Mario Vallendar das feine Näschen und den guten Geschmack seines Vaters Hubertus geerbt hat? „Na ja“, wird der 19-Jährige später lachend erklären, „zumindest sehe ich ihm sehr ähnlich.“ Und ja, der Vater hat diese Nase, als sie noch ein Näschen war, schon auch geschult. Für all die feinen, wohlduftenden Dinge. Vater bildet Sohn aus. In diesem Fall: Einer der besten Schnapsbrenner und Destillateure, einer mit Weltruf, gibt seinem Sohn sein Wissen weiter. War doch sicher klar, dass es so kommen wird, oder? Nein, nicht ganz. „Ich hatte“, sagt Hubertus Vallendar, „ehrlich gesagt vorher noch nie den Satz von ihm gehört, dass er in meinem Betrieb eine Ausbildung machen will.“ Umso froher ist er jetzt. „Ich fühle mich wieder richtig jung“, sagt der 54-Jährige, der durchaus schon mit dem Gedanken gespielt hatte, seine Nachfolge im Betrieb zu regeln.

Jetzt ist alles anders. Mario Vallendar wird später erzählen, was ihn antreibt. Dass er und sein Vater an diesem Nachmittag Ende September Zeit für ein Gespräch haben, mitten in der Obsternte, ist eigentlich ungewöhnlich. Hängt aber damit zusammen, dass es dieses Jahr bei Weitem nicht so viel Obst wie sonst gibt. Dennoch brodelt im Hintergrund der blitzblanke Brennkessel. Eine leichte Alkoholwolke wabert durch die Luft. Pfirsich. „Es war diese eine frostige Nacht im April“, blickt der 19-jährige Auszubildende, in diesem Jahrgang übrigens einer von 17 in Deutschland und Österreich, zurück, die den Obstbäumen massiv geschadet hat. Und er beweist damit, dass er schon voll drin ist in der Materie.

Vallendar Senior kommt dennoch an qualitativ hochwertiges Obst, nutzt seine guten Kontakte zu Händlern im benachbarten Ausland – Polen, Österreich, Italien, Bulgarien, Holland, wo die Zitrusfrüchte herkommen. Die Mitbewerber hat er auch im Blick? Ja, klar. Zweieinhalb Wochen ist er vor Kurzem mit seinem Filius durch Europa gereist, um ihn den Geschäftspartnern vorzustellen. Spannend für beide, denn Mario Vallendar, der diesen Sommer sein Abitur in Münstermaifeld gemacht hat, wollte eigentlich „irgendwas in der IT-Branche machen.“ Das hat ihn aber nach intensivem Hineinschuppern bei einem Praktikum eher abgeschreckt. „Zu viel Schreibtischarbeit, war mir zur trocken.“ Er wollte lieber etwas Handwerkliches lernen, ist einer von wenigen aus seinem Abi-Jahrgang, die eine Ausbildung machen. Sein Vater hat nach der Schule übrigens erst mal eine Schreinerlehre gemacht, bevor er zum Brennen kam. Mario Vallendar kennt die Arbeit des Winzers, hat Opa und Onkel in Müden oft geholfen, um sich ein paar Euro zu verdienen. Die Arbeit im Weinberg, er kennt sie also von Kindesbeinen an. Keine Ambitionen? Das wäre nicht sein Beruf. „Immer nur eine Frucht, da habe ich doch beim Brennen sehr viel mehr Möglichkeiten“, ist er überzeugt.

Er schätzt die Arbeit der Winzer dennoch sehr. „Das habe ich schon immer gern gemacht. Und es war mir einfach wichtig, eigenes Geld zu verdienen.“ Konsequent ist der Neu-Azubi da immer seinen Weg gegangen. Geld hätte er leichter haben können, einfach die Eltern fragen. „Nee.“ Mario Vallendar schüttelt den Kopf. Seine Eltern sind geschieden, der Kontakt zum Vater war immer da. Jetzt aber lernen sich die beiden neu kennen. „Hast du etwas dagegen, wenn ich Brenner und Destillateur lerne?“ Es war just an dem großen, schicken Holztisch in der Probierstube mit den von Hubertus Vallendar selbst entwickelten Brennapparaturen und Gerätschaften, die bei vielen namhaften Kollegen im Einsatz sind, wo Mario seinem daraufhin einigermaßen perplexen Vater diese Frage stellt? Er hat ja gesagt. Natürlich. „Aber nur unter einer Bedingung, dass du auch mal woanders hingehst“, antwortet er dem Jungen.

Er erinnert sich gut an den Moment, als sich seine Gefühlslage ändert, als er, der vom Erfolg verwöhnte Edelbrenner, eine andere Perspektive einnimmt. Den Plan mit der Nachfolgeregelung erst einmal beiseiteschiebt, auf einmal wieder mehr als zehn Jahre weit in die Zukunft schaut. Er erinnert sich an seine sensorische Ausbildung. „Ein sehr strenger Vater, der mich, was die wichtigen Dinge angeht, aber durchaus weit gebracht hat.“

Was ist wichtig für den Beruf? Die Technik. Mathe, Physik, Chemie. Das hat Hubertus Vallendar schon immer fasziniert. Und es hat nicht nachgelassen. „Ich habe immer noch dieselbe Freude wie am Anfang.“ Also muss das Handwerkszeug stimmen, das Fachwissen, die Begeisterung muss da sein. Die kann man nicht lernen, aber vorleben. Wie Hubertus Vallendar, der immer noch ins Schwärmen gerät. „Brennen ist für mich eine Symbiose aus Kochen und Autofahren: Man muss beim Kochen die frischen Zutaten schonend behandeln und beim Autofahren vorausschauend sein.“ Spricht der Hobbykoch. Und Autofan.

Wie lange wird es dauern, aus dem Sohn einen guten Brenner zu machen? Jahre? „Kann es, muss es aber nicht. Das kann man ganz einfach nicht sagen, wie lange es braucht, bis jemand seinen eigenen Stil gefunden hat“, erklärt der Experte. „Das kann von heute auf morgen passieren.“ Wie man aus einer Birne einen Birnenbrand macht, das weiß Mario Vallendar, aber wie er unverwechselbar wird, das ist doch wohl Erfahrungssache, oder nicht? Da kann sich der Azubi das eine oder andere abschauen, aber er möchte schon sein Ding machen. Der Vater – ein berufliches Vorbild? „Mein Ziel ist es, einer der Besten zu werden. Ob da jetzt der Vater ist oder nicht, das schauen wir mal.“ Sohn und Vater schauen sich an, lächeln beide. „Das will ich auch irgendwann mal kreieren“, sagt der junge Mann und blickt in Richtung der Flaschen, die stilvoll dekoriert auf Testtrinker warten. Feinste Brände, der Betrieb hat die höchsten Weihen, ist hochprämiert.

Probieren geht über Studieren. Das gilt in diesem Beruf in mehrfacher Hinsicht. Der Brenner sollte wissen, wie das schmeckt, was er zaubert. „Deshalb müssen die Auszubildenden auch mindestens 18 Jahre alt sein, sonst gibt es Ärger mit dem Jugendschutzgesetz, das ist arbeitsrechtlich heikel“, erklärt der Chef. Drei Jahre wird die Ausbildung dauern, der Junior könnte sie auf zwei Jahre verkürzen. „Will ich nicht, dafür ist die Materie zu komplex.“ Seine Wunschvorstellung, seine Ausbildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz (jeweils ein Jahr) zu absolvieren, ist allerdings unrealistisch. Das hat ein Beratungsgespräch mit einem Experten der Industrie- und Handelskammer (IHK) ergeben.

Es gibt eine andere Lösung. Jetzt macht der 19-Jährige seine Ausbildung in Kail, kann aber immer mal wieder Blöcke im Ausland einschieben. Bei Freunden und Bekannten seines Vaters, allesamt renommiert wie dieser. „Das ist schon ziemlich toll“, ist sich der 19-Jährige bewusst, in einen Beruf einzusteigen, der recht selten und dazu noch ziemlich erfolgsversprechend ist. Erste Station wird Österreich sein. „Es ist ganz wichtig, andere Betriebe und andere Arbeitsweisen kennenzulernen“, betont der Vater. So machen es die Winzer mit ihrem Nachwuchs auch.

Dass Mario Vallendar einen eigenen Weg geben will, kann sein Vater nur unterstützen. Er kennt den sich immer rasanter verändernden Markt aus dem Effeff. Das Internet, der Großhandel, die Konkurrenz. Umso wichtiger, in der Champions-League ganz vorn mitzuspielen. Der glänzende Kessel brodelt, spuckt klare Flüssigkeit aus, der Pfirsichduft wird wieder stärker. Verlockend. Mario Vallendar hat derzeit einen anderen Favoriten. Es ist ein mehr als 19, fast 20 Jahre alter Traubentrester, ein Geschenk der Familie zu seinem 18. Geburtstag, am Tag seiner Geburt gebrannt. „Sehr gut ist der, der kann noch paar Jahre liegen.“ Mehrere Kisten hat er davon. Und ein Näschen für Feines. Petra Mix

Cochem Zell
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