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Bremm

Welche Libellen über Gewässer im Moselland sausen: Jürgen Franzen aus Bremm kennt sie alle

David Ditzer

Der Tag, an dem Jürgen Franzen aus Bremm die seltene Entdeckung macht, ist ein feucht-warmer Sommertag des Jahres 2010. Über Wagenspuren in der Kiesgrube Platten (bei Wittlich), dank eines nächtlichen Gewitters wasserbefüllt, erspäht er mehrere „Azurjungfern, die auffallend klein und relativ dunkel gefärbt waren“, blickt der Hobbylibellenforscher auf diesen 11. Juli zurück. Sieben Tage später, bei einem weiteren Grubenbesuch, gelingt es ihm, an einem stark bewachsenen Teich in der Nähe die Art eindeutig zu bestimmen: Gabel-Azurjungfern, normalerweise im warmen Mittelmeerraum zu Hause. Doch der Klimawandel führt auch neue Libellenarten bis nach Rheinland-Pfalz.

Feuerlibelle
Feuerlibelle
Foto: Daniel Franzen

Generell ist die Kiesgrube im Kreis Bernkastel-Wittlich ein guter Ort, um Libellen zu beobachten. Dort gibt es nämlich viele kleinere und größere Gewässer. Auch die Pokal-Azurjungfer fühlt sich hier wohl. Sie war ebenfalls noch Mitte der 1990er-Jahre kaum in der Region zu finden. „30 bis 40 Arten kommen hier vor“, konstatiert Franzen. Ende der 1980er-Jahre arbeitete der Bremmer mit dem 2010 verstorbenen Hermann Schausten, einem passionierten Naturkundler und früheren Umweltschutzbeauftragten des Kreises Cochem-Zell, an einem Libellenkataster für den damaligen Regierungsbezirk Koblenz. Es wurde über die Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (GNOR) veröffentlicht.

An verschiedenen Gewässern in der Moselregion um Cochem hielten die beiden Männer nach Libellen Ausschau. Franzen: „Wir haben sie mit Keschern gefangen, an den Flügeln gepackt, um ihre Art zu bestimmen, und sie dann wieder freigelassen.“ Unschädlich für die Tiere. Die blau schimmernden Azurjungfern sehen einander zum Verwechseln ähnlich. Sicher unterscheiden lassen sie sich über Markierungen auf der Vorderbrust, die den jeweils namensgebenden Gegenständen ähneln. Außer der Gabel- oder Pokal-Ausführung gibt es beispielsweise die Mond-, Helm-, Hufeisen- oder Speer-Azurjungfer.

Mitte der 80er fängt der Diplom-Chemiker Franzen an, sich verstärkt für die Natur und ihre mannigfaltigen Wunder zu interessieren. „Und dann hatte ich das Glück, dass ich Hermann Schausten kennengelernt habe.“ Schausten bringt Franzen eine Menge über die heimische Flora und Fauna bei. „Im Winter sind wird zusammen in Höhlen gekrochen und haben Fledermäuse gezählt.“ Franzen interessiert sich sehr für Amphibien und Reptilien, weshalb die Hobbyforscher viele Feuchtgebiete durchstreifen. So taucht der Bremmer bald auch tiefer in die Welt der Libellen ein, höchst verblüffender Geschöpfe.

„Es ist ein ganz alte Insektenart“, sagt Franzen. Schon vor 150 Millionen Jahren gab es die Tiere von ähnlicher Gestalt wie heute. Noch viel ältere Libellenvorfahren, belegt durch Fossilienfunde, brachten es auf Flügelspannweiten von bis zu 70 Zentimeter.

Die meisten modernen Libellen sind wesentlich kleiner und haben Spannweiten von in der Regel zwei bis elf Zentimetern. Wobei es hiesige Arten auf Körperlängen von zwei bis neun Zentimeter bringen. Welch unheimliche Faszination die Insekten mit den großen Facettenaugen seit jeher auf die Menschen ausüben, lässt unter anderem ihre Gattungsbezeichnung im Englischen erahnen: „dragonfly“. Klar, Libellen speien kein Feuer wie Drachen, die als Fabelwesen in Erzählungen und Filmen Angst und Schrecken verbreiten. Aber Libellenlarven entsteigen – nach Entwicklungsphasen von mehreren Wochen, Monaten oder gar Jahren – dem Wasser. „Es gibt Arten, die brauchen bis zu fünf Jahre“, erläuter der 68-Jährige Franzen.

Dann klettern die Larven an Binsen oder Schilfhalmen empor, verpuppen sich und kommen als flugfähige Insekten wieder zum Vorschein. Franzen: „Wobei es keine vollkommene Metamorphose ist wie bei Schmetterlingen.“ Wesentliche Körperteile der Libelle sind schon im Larvenstadium klar erkennbar. Die Puppenphase ist für die Tiere heikel – leichte Beute für Fressfeinde wie Vögel. Franzen erläutert: „Die Große Königslibelle schlüpft deswegen beispielsweise im Schutze der Nacht.“ Am nächsten Morgen hängen nur noch die leeren Hüllen an den Pflanzen. Franzen hat auch schon gesehen, wie Hausspatzen alle Puppen an einem Teich verschlangen.

Dem Wasser ungefressen entstiegen, fristet die „Drachenfliege“ ein recht kurzes Dasein. „Die Libelle an sich lebt nur ein Frühjahr oder einen Sommer lang“, so Franzen. Die Paarung, für die Männchen und Weibchen eine Art Rad bilden, sowie die Eiablage gehören zu den elementaren Aufgaben. Auch was die Eiablage angeht, existieren, je nach Art, unterschiedliche Verfahren. Prachtlibellenweibchen bohren mit einem Legebohrer Löcher in Stängel von Wasserpflanzen und legen die Eier hinein. Irgendwann fallen diese ins Wasser. Bei anderen fliegen Männchen und Weibchen im Tandem über Gewässer. Mittels tanzartiger Auf- und Abbewegungen lässt das hinten fliegende Weibchen Eier ins Wasser fallen.

Schon 19 verschiedene Libellenarten hat Jürgen Franzen aus Bremm über den Teich in seinem Garten fliegen sehen. Seit den 1980er-Jahren befasst sich der heute 68-Jährige intensiv mit der Libellenpopulation in der Region. Arten aus dem Mittelmeerraum sind inzwischen auch hier heimisch.  Foto: David Ditzer
Schon 19 verschiedene Libellenarten hat Jürgen Franzen aus Bremm über den Teich in seinem Garten fliegen sehen. Seit den 1980er-Jahren befasst sich der heute 68-Jährige intensiv mit der Libellenpopulation in der Region. Arten aus dem Mittelmeerraum sind inzwischen auch hier heimisch.
Foto: David Ditzer

Im Wasser selbst sind Fische die Hauptfeinde der Larven. Weshalb Letztere fast perfekte Tarnverfahren nutzen. Der Nachwuchs von Quelljungfern etwa gräbt sich so geschickt in die Sohle kleinerer Bäche ein, dass nur Kopf und Vorderbeine noch herausragen – kaum erkennbar. Franzen: „Kommt dann etwa ein Bachflohkrebs vorbei, schnappt die Larve zu und frisst ihn.“ Zeitlebens, ob als Larve oder „Drachenfliege“, bleiben Libellen Räuber, die vorrangig kleinere Insekten fressen. Für Menschen aber sind die Tiere völlig ungefährlich. „Sie können auch nicht stechen. Nur ein bisschen beißen, vor allem dann, wenn man versucht, sie an den Flügeln zu packen, um die Art zu bestimmen, und das noch nicht richtig beherrscht“, sagt Franzen lachend. Ansonsten sind selbst Arten mit furchterregenden Namen wie die Feuerlibelle harmlos. Sie ist ebenfalls ein Einwanderer aus dem Mittelmeerraum. Früher konnte man sie nur in heißen Sommern auch in Rheinland-Pfalz finden. „Inzwischen ist sie hier heimisch geworden“, stellt Franzen fest, hat ihren Namen von der feuerroten Farbe. Irgendwie ein passend gewandeter Bote des Klimawandels.

Von unserem Redakteur David Ditzer

Flotte Flugkünstler

Libellen sind fantastische Flugkünstler, die ihre beiden Flügelpaare unabhängig voneinander bewegen können.

Das erlaubt es den Insekten, die Flugrichtung abrupt zu wechseln, in der Luft stehen zu bleiben oder gar rückwärts zu fliegen. Im Flug erreichen die Tiere mitunter Spitzengeschwindigkeiten von 50 Kilometern pro Stunde. dad

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