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Alflen

Wanderschäfer in der Eifel sind in Sorge: Wird der Wolf sich auch hier ansiedeln?

Brigitte Meier

Vor einigen Jahren hielt der bayerische „Problembär“ die Öffentlichkeit in Atem. Nun scheint die Rückkehr des Wolfs in die deutschen Wälder zum Problem zu werden. Insbesondere die Schäfer haben Angst um ihre Weidetiere.

Obwohl das rheinland-pfälzische Umweltministerium auf RZ-Anfrage versichert, dass es aktuell keine Hinweise auf ansässige Wölfe im Land gibt, fühlen sich Wanderschäfer aus der Eifel in ihrer Existenz bedroht, weil der Wolf ihre Schafe reißen könnte. Die Schäfer haben nun den parlamentarischen Staatssekretär Peter Bleser gebeten, sich in Berlin für die Bejagung des Wolfs starkzumachen, der nach wie vor als gefährdet gilt und unter dem strengen Schutz der EU steht.

Albert Jung, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Kaisersesch, hat das Treffen der Eifeler Schäfer mit Bleser in Möntenich arrangiert. Jung selbst ist nach eigener Aussage „überzeugter Unterstützer der Wanderschäfer und deren Interessen“. Der Bürgermeister verweist darauf, dass durch die artgerechte Tierhaltung wertvolles Fleisch produziert werde. Das allein sei schon zu unterstützen. Es gelte aber auch, die Wanderschäferei zu erhalten, die in der Eifel eine lange Tradition hat.

Auch Bleser sichert den Schafhaltern Rückendeckung zu, schränkt jedoch ein, dass auf Bundesebene das Umweltministerium für das Thema Artenschutz zuständig ist. Das Ministerium entscheide auf Basis von Expertenempfehlungen, ob die Anzahl der Wölfe so groß ist, dass sie bejagt werden müssten. Der Schutz der Wölfe dürfe nicht dazu führen, dass die Nutztierhaltung im Freien nicht mehr möglich ist. Ziel müsse „die friedliche Koexistenz von Mensch und Wolf“ sein, betont Bleser. Dazu müssten, wenn erforderlich, der Ausbreitung des Wolfs Grenzen gesetzt werden.

Das Mainzer Umweltministerium teilt indes mit, dass aktuell keine Wölfe in rheinland-pfälzischen Wäldern leben. Seit Frühjahr 2015 seien insgesamt nur fünf Schafe gezählt worden, die nachweislich von einem Wolf gerissen wurden. Dabei handelte es sich um „durchwandernde Tiere“. Als „naiv und arglos“ hat Hobbyschäfer Georg Theobald aus Möntenich im Dezember 2016 gegenüber unserer Zeitung die Position der Landesregierung und der Naturschutzverbände zum Thema Wölfe bezeichnet. Er hat seine Meinung ein gutes Jahr später nicht geändert. Vielmehr präsentiert er neue Erkenntnisse aus Frankreich, „dass alle vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen wie scharfe Hunde, schreiende Esel, Elektrozäune und finanzielle Unterstützung nichts nützen“.

Das sagen Jäger zum Thema:
In einer Stellungnahme des Landesjagdverbandes Rheinland-Pfalz (LJV), hinter der nach Aussage des stellvertretenden Vorsitzenden Franz-Josef Becker auch die Kreisgruppe Cochem-Zell steht, heißt es: „Die mythische Angst vorm bösen Wolf ist genauso unangebracht wie eine falsche Verharmlosung und ein damit verbundener fahrlässiger Umgang mit dem Großraubtier.“ Der Jagdverband hat am Wolfsmanagementplan mitgearbeitet, „der viele Fragen sachlich beantwortet und Hinweise zum Verhalten und zur Schadensregulierung enthält“. Der LJV bezweifelt, dass das dicht besiedelte und durch zahlreiche Verkehrswege erschlossene Land „zur friedlichen, konfliktfreien Heimat von Wolfsrudeln werden kann“. Als „ökologische Träumerei“ bezeichnet der LJV jedoch, dass Wölfe „als Wildtierregulator“ den Jäger ersetzen könnten. Der Verband rät „weiterhin zu einem offenen und ideologiefreien Dialog in Sachen Wolf.“

Pro 50 Schafe müssten mindestens zwei Hirtenhunde im Einsatz sein, erklärt Theobald, dessen Herde etwa 100 Tiere zählt. Herdenschutzhunde sind im Gegensatz zu Hütehunden große und aggressive Tiere, die, selbst wenn sie hinter einem Elektrozaun umherlaufen, Spaziergängern Angst machen. Nicht nur die Anschaffungskosten dieser spezialisierten Hirtenhunde mit jeweils bis zu 2500 Euro sind hoch, auch die Haltung ist mit hohem Aufwand verbunden. Die Tiere müssen bei der Herde einen trockenen Unterstand haben, was Theobald für selbstverständlich hält. Er verweist jedoch darauf: „Nach dem Tierschutzgesetz dürfen Hunde gar nicht hinter einem Elektrozaun untergebracht werden.“ Als weiteren zusätzlichen Arbeitsaufwand benennt der Schäfer, dass neugeborene Lämmer, die mit ihren Müttern vom Stall in die Herde im Freien umziehen, dem Hund erst als neue Herdenmitglieder „vorgestellt“ werden müssen, damit er sie nicht als Eindringlinge sieht.

Damit ein Elektrozaun Wölfe vor dem Eindringen oder Umreißen des Schutzes abhalten kann, müsste er mindestens 80 Zentimeter tief fest verankert in der Erde sitzen, zwei Meter hoch und im oberen Bereich gewölbt sein, erklärt Theobald. Es verstehe sich von selbst, dass Wanderschäfer entsprechende Zäune nicht mit sich führen können, um sie bei jeder Rast neu aufzubauen. Abgesehen davon, dass zwei Meter hohe Zäune in der Landwirtschaft nicht erlaubt sind: „Das würde ja wie eine Zonengrenze aussehen.“ Niedrigere Zäune könnten vom Wolf locker übersprungen oder auch von der panisch reagierenden Herde selbst niedergerissen werden, wenn der Wolf das Gehege umkreist.

Professionelle Schäfer sehen die Einwanderung des Wolfs als Existenzbedrohung an. Es sei nicht damit getan, einzelne getötete Weidetiere ersetzt zu bekommen. Die Herden seien nach nächtlichen Überfällen durch den Wolf verstört und könnten wochenlang nicht wandern. Matthias Reuter aus Alflen hält rund 400 Schafe, mit denen er im Großraum der Verbandsgemeinden Ulmen und Kelberg unterwegs ist. Zwar hat er bislang noch kein Tier an den Wolf verloren, aber: „Man rechnet jeden Tag damit. Die Wölfe sind ja schon im Westerwald aufgetaucht, und es ist für sie kein Problem, große Strecken zurückzulegen.“ Auch für Reuter wären ein oder zwei tote Schafe nicht das größte Problem. Was ihm wirklich Sorgen macht, ist das ungedeckte, hohe Risiko, wenn etwa die Herde aus Panik bei einem Wolfsangriff ausbricht, auf die Autobahn gelangt und einen Unfall verursacht: „Die Versicherung zahlt nur, wenn ich für den Ausbruch verantwortlich bin, nicht aber, wenn ein Wolf im Spiel ist.“

Für die Wanderschäfer aus der Eifel ist nur die Bejagung ein wirksames Mittel, die Ausbreitung des Wolfs zu begrenzen. Theobald erklärt: „Wir wollen ihn ja nicht ausrotten. Aber wenn das Raubtier nicht bejagt wird, verliert es jede Scheu.“ Reuters Meinung ist schon deutlicher: „Wir sind 100 Jahre ohne Wölfe ausgekommen. Er war ja auch nicht umsonst ausgerottet.“ Allerdings könnte der junge Schäfer sich durchaus ausgewiesene, geschützte Wolfsgebiete vorstellen, wo die Raubtiere keinen Schaden anrichten können.

Seit 2015 gilt in Rheinland-Pfalz der Wolfsmanagementplan, der Vorsorgemaßnahmen wie die Anschaffung von Schutzhunden und wolfssicheren Zäunen zu 90 Prozent fördert. Sollte ein Nutztier durch den Wolf getötet werden, ist eine Entschädigung zu 100 Prozent vorgesehen. Das Ministerium teilt weiter mit: „Am 9. November 2017 wurde am runden Tisch beschlossen, die Möglichkeit einer weiteren Unterstützung der Nutztierhalter, etwa beim Errichten wolfssicherer Zäune, zu prüfen.“

Die Jagd auf Wölfe ist verboten. Jedoch sieht der Wolfsmanagementplan bereits die Möglichkeit vor, „Wölfe durch behördliche Anordnung der Natur zu entnehmen, falls sie verhaltensauffällig werden“.

Von unserer Mitarbeiterin Brigitte Meier

Wolf breitet sich auf natürlichem Wege aus

Der Wolf breitet sich als wild lebende Art auf natürlichem Wege in Europa aus. Eine aktive Auswilderung ist nicht vorgesehen, teilt das Umweltministerium Rheinland-Pfalz mit. Der derzeit fehlende Hinweis auf ansässige Wölfe im Land schließt jedoch nicht aus, dass einzelne Tiere die rheinland-pfälzischen Wälder durchwandern.

Etwa 100 Jahre nach der vollständigen Ausrottung des Raubtiers in Deutschland wurde 2012 im Westerwald der erste Wolf nachgewiesen, der dann illegal erschossen wurde. Insgesamt sind dem Umweltministerium bislang sechs Nachweise von Wölfen bekannt. 2015 hat ein genetischer Nachweis im Wasgau erbracht, dass ein Wolf ein Reh gerissen hat. 2016 gab es wieder drei genetische Nachweise und einen Fotonachweis auf Wölfe im Bereich Westerwald. Laut Ministerium ist es jedoch sehr wahrscheinlich, dass diese von ein und demselben Tier stammen.

Am Runden Tisch für Großkarnivoren in Rheinland-Pfalz nehmen hierzu die Interessenverbände der Schäfer und anderer Nutztierhalter teil. In diesem Forum wurde auch der Wolfsmanagementplan beschlossen. Für alle Fälle im Umgang mit Wölfen hat das Umweltministerium eine zentrale Hotline eingerichtet. Unter der Telefonnummer 06306/911.199 oder E-Mail wolf@snu.rlp.de erhält man Beratung bei Präventionsmaßnahmen, bei einem Schaden an Nutztieren sowie Jagd- oder Hütehunden. Dort kann man auch Hinweise melden.

Mythos aus dem Märchen

Den „bösen Wolf“ als Gefahr für Mensch und Tier gibt es für Agnes Hennen, Kreisvorsitzende des Bunds für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), nur im Märchen.

Sie hat kein Verständnis für die Forderung der Schäfer, den Wolf zu bejagen: „Das ist Angstmacherei, denn die Behauptung, dass sich in unseren Wäldern Wolfsrudel ansiedeln, ist schlichtweg falsch.“ Um sich auf Dauer ansiedeln zu können, finde der Wolf im Kreis Cochem-Zell keinen geeigneten Lebensraum vor: „Der Wolf braucht große zusammenhängende Waldflächen, und die sind in unserer Region durch ein dichtes Straßen- und Autobahnnetz unterbrochen.“ Das Risiko, dass durchwandernde Tiere im Straßenverkehr getötet werden, ist daher sehr hoch.

Darauf verweist auch der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) auf seiner Webseite. Danach ist die häufigste Todesursache für Wölfe mit 146 registrierten Fällen seit 2000 das Verenden im Straßenverkehr. Der Nabu gibt auch die neuesten Zahlen (April 2017) zum dauerhaften Vorkommen der Wölfe in Deutschland bekannt: 24 Paare beziehungsweise Rudel leben in Brandenburg, vier in Mecklenburg-Vorpommern, 11 in Niedersachsen, 18 in Sachsen und 11 in Sachsen-Anhalt. In Bayern sind zwei Paare und in Thüringen ist ein Einzeltier bekannt. Eine Nachricht zur Nahrung der Wölfe sollte nach Meinung des Nabu Schafhalter beruhigen: Vor allem erbeutet der Wolf Rehe (54 Prozent) und Rotwild, Wildschweine und kleine Wildtiere. Die Ausnahme auf dem Speiseplan hungriger Wölfe sind mit nur 1 Prozent Nutztiere wie Schafe.

Die Bejagung des Wolfs als Mittel zum Schutz von Herden im Freien hält der Nabu für ungeeignet. Nur ausreichende Herdenschutzmaßnahmen wie bis zu 120 Zentimeter hohe Elektrozäune und trainierte Herdenschutzhunde könnten Wölfe hindern, Beute in einer Nutztierherde zu machen.

Nähere Infos im Internet unter www.nabu-rlp.de und  www.bund-rlp.de

Cochem Zell
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