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Ulmen

Ulmener Weiher: Biologe erklärt, warum die Zahl der Vögel zurückgeht

Kevin Rühle

Es ist kalt, die Wege rund um den Jungferweiher sind mit Schnee bedeckt. Christian Dietzen geht das westliche Ufer entlang, bepackt mit Fotoausrüstung, Fernglas und Spektiv. Sein Blick geht in Richtung Ufer, der Biologe ist stets auf der Suche. Kaum jemand kennt das Naturschutzgebiet so gut wie Dietzen, in diesem Jahr war er schon 252 Tage am Weiher, um die teils seltenen Vögel zu beobachten. „Ich bin seit 1986 hier im Gebiet unterwegs“, sagt Dietzen.

Ein „Was ist was-Buch“ war für Dietzen vor Jahrzehnten der Startschuss als Naturbeobachter, heute bewertet der Biologe die Risiken von Pestiziden, sein Hauptberuf, und schreibt selbst Bücher. Der Jungferweiher ist für Dietzen ein besonderer Ort. „Es ist ein klasse Gebiet, sehr viele Arten wurden hier nachgewiesen. Der Charme ist auch die übersichtliche Größe“, sagt der Biologe. Der Weiher, ein sehr altes verlandetes Maar, wurde erst 1942 aufgestaut und so zu einem vielfältigen Lebensraum für Vögel aus aller Welt. Und der Jungferweiher verändert sich.

„Als ich hier angefangen habe stand noch kein einziger Weidenbusch auf der Insel, jetzt ist da ja ein kleines Wäldchen drauf“, sagt Dietzen. Viel mehr Menschen besuchen jeden Tag das Naturschutzgebiet, gehen Joggen oder mit ihren Hunden spazieren. Das hat auch Einfluss auf die Vogelwelt. „Beim Ausbau des Weges hätte man schon darauf achten können, dass mehr Ruhezonen für die Vögel bleiben“, erklärt der Experte. So seien einige Bereiche für die Brutvögel nicht mehr geeignet.

Ein schmaler Steg führt durch Gebüsch zu einem Beobachtungsstand am Rande des Weihers, dessen Vorläufer bereits in den 60er-Jahren vom Naturschutzbund gebaut wurden. Dietzen entfernt die mit einem Schloss gesicherte Sperre und steigt die Leiter hinauf in den kleinen Raum in etwa zwei Meter Höhe. Dietzen öffnet die drei Holzläden, sie geben den Blick frei auf die reiche Vogelwelt. „Hier hat man einen guten Überblick.“ Viele Silberreiher sind zu sehen, in den 90er-Jahren war der Vogel in der Eifel noch eine Seltenheit. Auch der Kormoran macht sich am Weiher breit, ein Tagesgast, der Abend zu seinen Schlafplätzen an die Mosel fliegt. Ansonsten bestimmen Enten das Bild. An einem guten Tag kann man bis zu 100 Arten in Ulmen beobachten.

Während in diesem Jahr die Land- und Wasserwirtschaft über zu wenig Regen und niedrige Pegel in den Brunnen klagten, finden die Watvögel am Jungferweiher beste Bedingungen vor. „Wenn der Wasserstand zu hoch ist und es keine Schlammflächen gibt, haben viele Vögel gar keine Chance, zu rasten“, erklärt Dietzen. Ein idealen Pegel gibt es allerdings nicht, dieser sollte über das Jahr hinweg schwanken. Das Wasserwerk will hier immer viel Wasser im Weiher haben, „das ist für die Vogelwelt nicht ideal“, sagt der Ulmener. Der Jungferweiher ist eines der wenigen Watvogelgebiete der Eifel und besticht durch geringen Wasserstand und ausgedehnte Schlammflächen. „Das ist eine sehr spezielle Vogelgruppe, die man hier finden kann. Auf der Insel können sie geschützt rasten, Raubtiere kommen das nicht hin“ erklärt der Experte.

Biologe Christian Dietzen im Gespräch


Die meiste Unruhe stiften am Jungferweiher übrigens Heißluftballons. „Jeder einzelne Vogel ist dann völlig panisch und fliegt eine halbe Stunde im Kreis herum“, berichtet Dietzen. Doch bedrohlich für die Tiere ist eher Nahrungsmangel, da die Vögel – vor allem in der Brutzeit – auf Insekten angewiesen sind. Es gibt zu wenig Brachflächen, die Pflanzenvielfalt nimmt ab und damit auch die Insekten. Der Einsatz von Pestiziden dezimiert die Insekten weiter. „Es wird einfach viel zu viel eingesetzt“, sagt Dietzen. Ohne Pestizide funktioniere die Landwirtschaft nicht, eine Reduktion sei aber möglich, so der Experte für die Auswirkungen von Pestiziden. Ein „massives Ärgernis sei auch, dass Feld- und Wegränder unnötig gemäht würden. Dietzen hofft darauf, dass die Stadt in Zukunft – und vor allem während der Brutzeit – auf Mäharbeiten am Wegesrand verzichtet. „Das ist jetzt schon dreimal passiert.“ Die Folgen aller Belastungen: „Man sieht deutlich weniger Schmetterlinge als noch vor zehn Jahren, auch Heuschrecken oder Laufkäfer findet man kaum noch.“ Das wirkt sich auf die Nahrungskette aus.

Dietzen wendet sich auch gegen die Auswirkungen der Fischerei. „Hier wird Langleinenfischerei betrieben, darin verfangen sich zum Beispiel Haubentaucher.“ Man müsse sich fragen, ob dies in einem so wertvollen Gebiet nötig sei. Vor allem, da die Angler die Fische nicht essen, sondern sich damit fotografieren.

Und auch an diesem kalten Morgen wird der Vogelexperte am Jungferweiher überrascht. Trotz des Schnees erkennt er einen kleinen hellen Vogel, der auf einem Halm sitzt – ein Raubwürger. Ein ganz seltener Gast, der größtenteils ausgestorben ist. Das ist schon etwas Besonderes am Ulmener Weiher, sagt Dietzen und richtet sein Fernglas Richtung Vogelwelt.

Von unserem Redakteur Kevin Rühle

Dr. Christian Dietzen ist auch Autor

Dr. Christian Dietzen hat großen Anteil an der Buchreihe „Die Vogelwelt von Rheinland-Pfalz“.

Noch in diesem Jahr erscheint der vierte Teil der umfangreichen Serie. Teil 1 beschreibt die Grundlagen der Vogelkunde und die Lebensräume in Rheinland-Pfalz – Band 2 behandelt Enten- bis Storchenvögel, Band 3 Greifvögel bis Spechtvögel und der vierte Band geht in zwei Büchern auf die Singvögel der Region ein.

Weitere Infos gibt's im Netz unter  www.gnor.de und  www.avifauna-rlp.de

Cochem Zell
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