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Cochem-Zell

Senioren sind immer öfter in Unfälle verwickelt: Wie schätzen Experten das Problem ein?

Mobil sein zu wollen, das ist keine Frage des Alters. Senioren, vor allem in sehr ländlich strukturierten Gebieten wie Cochem-Zell, möchten ihre Selbstständigkeit so lange wie möglich erhalten. Immer öfter jedoch registriert die Polizei, dass Senioren in Unfälle im Straßenverkehr verwickelt sind.

Autofahren, trotz körperlicher Gebrechen, das kann im schlimmsten Fall böse enden. Die Polizei hat den Fokus auf Seniorenunfälle gelegt. Jetzt soll auch stärker mit der Zielgruppe gearbeitet werden, um Unfälle zu vermeiden.
Autofahren, trotz körperlicher Gebrechen, das kann im schlimmsten Fall böse enden. Die Polizei hat den Fokus auf Seniorenunfälle gelegt. Jetzt soll auch stärker mit der Zielgruppe gearbeitet werden, um Unfälle zu vermeiden.
Foto: dpa

Im Bereich der Polizeiinspektion (PI) Cochem waren das vergangenes Jahr 312 Verkehrsunfälle. (2016: 281). Das ist ein Plus von 11 Prozent. Die Polizei Zell hat 220 Unfälle (entspricht 20,97 Prozent des Gesamtunfallgeschehens) aufgenommen, das sind 24 mehr als im Vorjahr. Jahrelang schon stehen die jungen Fahrer zwischen 18 und 24 Jahren in Fokus. Jetzt schaut die Polizei auch bei den Senioren ab 65 Jahren genauer hin. Das kann sogar so weit führen, dass die älteren Fahrer aufgefordert werden, ihren Führerschein abzugeben. Ein sensibles Thema, das vor allem all jene hart trifft, die auf sich alleine gestellt sind. Der Polizei ist das auch bewusst. Wie lässt sich das Problem anpacken?

Polizeihauptkommissar Joachim Koller, bei der PI Cochem als Verkehrssachbearbeiter auch zuständig für die Statistik, sieht die Situation durchaus kritisch. „Es ist oft heikel, wichtig ist es, Verständnis zu wecken, das Problem aufzuzeigen, sich sehr vorsichtig heranzuwagen.“ Denn es ist in den meisten Fällen so, dass die Familienmitglieder ebenso betroffen sind, wenn sie plötzlich gefordert sind, Vater oder Mutter zu fahren. Dennoch. „Senioren, die bei einem Unfall durch ihr Verhalten oder auch ihren gesundheitlichen Zustand auffallen, müssen der Führerscheinstelle der Kreisverwaltung gemeldet werden.“

1 Was passiert, wenn bei der Führerscheinstelle ein Hinweis von der Polizei eingeht? Hinweise der Polizei sind in der Regel mit entsprechenden Informationen zur Fahreignung eines Führerscheininhabers versehen. „Solche ernst zu nehmenden Hinweise werden immer aufgegriffen und nach gegebenenfalls weiterer Klärung des Sachverhaltes erforderliche Maßnahmen eingeleitet“, schreibt die Kreisverwaltung auf RZ-Nachfrage. Durchschnittlich werden im Jahr circa 35 Fälle bearbeitet.

2 Wie ist die Vorgehensweise, wenn sich herausstellt, dass ein Senior nicht mehr in der Lage ist, ein Fahrzeug zu führen? Nach Sichtung und Auswertung der polizeilichen Informationen wird zunächst versucht, diese mit weiteren Erkenntnissen zu hinterlegen. In der Folge wird der Betroffene angeschrieben und zu den vorliegenden Erkenntnissen angehört. Nach erfolgter Anhörung wird der Sachverhalt beurteilt und der Betroffene gegebenenfalls zur Vorlage eines (fach-)ärztlichen Gutachtens aufgefordert, mit dem die weitere Eignung zur Teilnahme am Straßenverkehr überprüft beziehungsweise festgestellt wird. Stellt das Gutachten fest, dass der Betroffene nur noch bedingt fahrgeeignet ist, so wird die Fahrerlaubnis durch Auflagen oder Beschränkungen eingeschränkt. Ist die Fahreignung gänzlich nicht mehr gegeben, so erfolgt eine Entziehung der Fahrerlaubnis.

3 Kann man etwas zur Altersstruktur sagen? 65-Jährige sind ja heutzutage meist noch topfit – also geht es sicher meist um sehr viel ältere Menschen? In der Regel handelt es sich überwiegend um ältere Menschen, bei denen eine meist altersbedingte Gebrechlichkeit mit Auswirkungen auf ihre Fahreignung eingetreten ist.

Wie viele Menschen trotz starker Medikation oder auch schwerwiegender Erkrankungen am Steuer sitzen, vermag niemand abzuschätzen. „Die Dunkelziffer dürfte hoch sein“, vermutet Joachim Koller. Überwiegend mit dem Pkw unterwegs, wurden 2016 insgesamt 7 Senioren schwer und 30 leicht verletzt. Das ist ein Grund, die Beratung in diesem Bereich zu intensivieren. Da kommt die Kreisverkehrswacht ins Spiel. Deren Vorsitzender Wolfgang Behrens, ein pensionierter Polizist, ist sicher, dass viele Unfälle passieren, weil ältere Menschen auch manche neue Verkehrsregel einfach nicht umsetzen. „Können oder wollen, das sei mal dahingestellt.“

Stetiger Anstieg der Fallzahlen erkennbar
Altersbedingte Eignungsmängel: Wie hat sich diese Zahl im Laufe der vergangenen zehn Jahre entwickelt? Die Kreisverwaltung antwortet: Haben im Jahr 2007 lediglich 14 Fälle vorgelegen, so waren es im Jahr 2011 bereits 23 und im Jahr 2016 insgesamt 41. Im Schnitt ist ein stetiger Anstieg der Fallzahlen festzustellen. Dies liegt, so die Einschätzung der Mitarbeiter in der Führerscheinstelle, sicherlich auch daran, dass das Thema in den vergangenen Jahren offener diskutiert und auch dafür sensibilisiert wurde.

Lothar Schneider, Leiter des Polizeiinspektion in Zell, kennt die Problematik und die menschlichen Dramen, die teils dahinterstecken. „Das ist ein herber Einschnitt, der Verlust der Selbstständigkeit.“ Der stetig steigende Anteil älterer Menschen in der Gesellschaft: Das stellt durchaus auch die Polizei vor Herausforderungen. Schneider gibt jedoch zu bedenken, dass die Statistik keine weiteren Informationen zur individuellen Unfallschuld liefert. Was er sagen kann: Bei 103 Verkehrsunfällen (von 220) waren Personen ab 75 Lebensjahre beteiligt, wobei es jeweils fünf Schwer- und Leichtverletzte gegeben hat. Schneider ist sicher, dass eine differenzierte Betrachtungsweise notwendig ist. „Die Frage, ob eine Überprüfung der Autofahrer ab einem gewissen Alter sinnvoll ist, beantworte ich ganz klar mit Nein.“ Das ist für den Dienststellenleiter ein zu harter Eingriff in die Privatsphäre. Es ist sehr individuell zu betrachten, wie ein Unfall letztlich entstanden ist. „Ziel muss sein, die Selbstständigkeit älterer Verkehrsteilnehmer so lange wie möglich zu erhalten, aber nicht um jeden Preis.“

Die Polizei rückt die Beratung in den Vordergrund. „Wir verweisen auf eine Vielzahl von technischen Hilfsmitteln bei der Fahrzeugausstattung, wie Assistenzsysteme, die, gepaart mit dem großen Erfahrungsschatz der reiferen Fahrzeugführer, leichte körperliche Einschränkungen sehr gut ausgleichen können“, betont Schneider. Wenn es aber gar nicht anders geht, dann ist Einsicht des Betroffenen der Schlüssel. „Wenn die Einsicht nämlich fehlt, dann wird es schwierig. Dann sind auch die Familienangehörigen oft machtlos“, weiß Schneider aus der Erfahrung heraus.

Dass die Polizei die Verkehrssicherheit bei Senioren mehr in den Vordergrund stellt, begrüßt Wolfgang Behrens. „Wir bieten auch Fahrsicherheitstraining an, da wird es oft deutlich, woran es hängt.“ Es ist eine Mischung aus körperlichen Gebrechen, mangelnder Aufmerksamkeit oder gar dem Beginn einer demenziellen Erkrankung. Behrens kennt auch solche Fälle. Er fordert die Politik auf, mehr zu tun. „Der ÖPNV musste besser funktionieren. Das bereitet vielen älteren Menschen Sorgen, dass sie nicht von Punkt A nach B kommen.“

Ein Leben ohne Führerschein

Wie ein 72-Jähriger, der seinen Führerschein aus gesundheitlichen Gründen abgeben musste, mit der Situation zurechtkommt:

Joachim Hennen aus Briedel musste wegen Krankheit seinen Führerschein abgeben. Mit seinem Elektromobil ist er jetzt im Ort unterwegs. 
Joachim Hennen aus Briedel musste wegen Krankheit seinen Führerschein abgeben. Mit seinem Elektromobil ist er jetzt im Ort unterwegs. 
Foto: Petra Mix

Den Tag, an dem er seinen Führerschein abgeben musste, wird er nicht mehr vergessen. Wochenlang, wird er später erzählen, hat ihn das gequält. Er hat das Fahren vermisst, darunter gelitten, nicht mehr so leben zu können, wie er es sonst gewohnt war. Joachim Hennen aus Briedel hat im Herbst vergangenen Jahres einsehen müssen, das er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage ist, mit seinem Auto am Straßenverkehr teilzunehmen. Ausgerechnet er, der so stolz war, alle Urkunden und Auszeichnungen der Kreisverkehrswacht für unfallfreies Fahren bekommen zu haben. Zuletzt die für 50 Jahre. Im Wohnzimmer hängen sie ordentlich nebeneinander an der Wand.

Und heute? Wie geht es ihm heute mit der Situation? Der 72-Jährige lächelt. „Ich habe mich damit arrangiert, meine Gesundheit ist mittlerweile so angeschlagen, das wäre nicht mehr gegangen“. Später wird er sein Elektromobil in seiner Werkstatt zeigen, er hat es gebraucht gekauft. Ein Stück Mobilität damit zurückgewonnen. Das E-Mobil ist 6 km/h schnell. „Habe ich mir gekauft, das ist mein Mercedes“. Er lacht. So kann er im Dorf unterwegs sein, ist nicht permanent ans Haus gefesselt.

Vor seinem Unfall, der letztlich auch dazu geführt hat, dass er den Führerschein abgegeben hat, war er sehr viel mit dem Auto unterwegs. Der Unfall? „Ja, es war ein Auffahrunfall.“ Stille. „Der Polizist, der den Unfall aufgenommen hat, hat mir sofort auf den Kopf zugesagt, dass ich Diabetes habe.“ Ja, er habe genickt. „Ja, das weiß ich doch.“ Und dann ging alles seinen Weg. Die Polizei hat die Führerscheinstelle informiert. Joachim Hennen hat verschiedene Ärzte konsultieren müssen, um seinen Gesundheitszustand zu dokumentieren. Hat auf Anordnung der Kreisverwaltung eine Fahrstunde absolviert. Zwischenzeitlich aber war ihm klar, dass er auch die hohen Reparaturkosten von mehr als 1200 Euro nicht mehr in das zwölf Jahre alte Auto investieren wollte. Es kam vieles zusammen.

Seine Frau Gertrud erinnert sich, dass es ihm nicht leichtgefallen ist. „Der Tag, an dem er das Auto abgemeldet hat, da hat er auch seinen seinen Führerschein abgegeben.“ Mehrere Ärzte, sagt die 71-Jährige, haben ihm dringend davon abgeraten, weiterhin selbst zu fahren.

Hat Joachim Hennen geahnt, dass er den Führerschein würde abgeben müssen? Der Rückhalt seiner Familie, sagt er, vor allem seiner Töchter und der Enkel, haben ihn bestärkt. „Sie haben mir und meiner Frau Hilfe zugesichert, und so ist es auch gekommen.“ Seine Frau hat nie einen Führerschein besessen. Arztbesuche in Bernkastel-Kues oder Wittlich – ohne seine Familie wäre das nicht machbar. „Ich weiß das auch sehr zu schätzen. Ohne sie wären wir hier aufgeschmissen.“ Ein Glücksfall, der die Situation ein bisschen erträglicher macht.

Gut zu Fuß ist der unter anderem an Diabetes erkrankte 72-Jährige nicht mehr. Er kann kaum noch laufen, hat Krücken und einen Rollator. Starke Rückenschmerzen plagen ihn. „Das ist schwer für mich“, sagt er. Doch wann immer es geht, ist er in seiner Werkstatt neben dem Haus. Werkelt, beschäftigt sich. Um die 40 Fahrräder, die er im Sommer an Touristen vermietet, kümmert er sich selbst. Das lenkt ihn ab. An der Werkstatt hängt ein weiteres Schild: Kreisverkehrswacht, er codiert die Räder, ist schon seit 50 Jahren Mitglied und immer noch aktiv. Sein Wissen ist gefragt, das tut ihm gut. Jahrelang hat er den Wagen mit der Anhängerkupplung gefahren, um den Fahrradanhänger der Kreisverkehrswacht zu bewegen. „Das ist ja jetzt vorbei. Wenn ich jetzt gebraucht werde, muss mich jemand abholen.“ Es ist ihm nicht unangenehm. Er hat sich arrangiert, auch damit. Joachim Hennen, der 34 Jahre lang bei der Firma Polarcup als Maschinenführer arbeitete, hat es in seiner Zeit bei der Kreisverkehrswacht durchaus erlebt, dass ältere Fahrer nicht einsehen wollten, dass sie nicht mehr am Straßenverkehr teilnehmen können. „Das war immer schon mal Thema“, sagt er. Ein Thema für die Anderen.

Dass es ihn selbst einmal treffen würde. Unvorstellbar. Aber was sagt er Menschen, die in einer ähnlichen Situation wie er stecken? „Wenn man eine Krankheit hat wie ich, sollte man schon vernünftig sein“, sagt er. „Aber es muss sich jeder auch die Frage stellen: Wie komme ich zum Arzt und in die Apotheke, oder zum Einkaufen?“ Er erwähnt noch einmal seine Familie, die immer da ist, wenn er sie braucht. „Nach Bernkastel mit dem Bus, da wäre ich den ganzen Tag unterwegs.“ Gertrud Hennen bestätigt den Eindruck, den ihr Mann hinterlässt. Trotz der Situation lässt er sich nicht unterkriegen. „Wir haben Glück, dass wir Hilfe haben. Das ist nicht bei allen so, das höre ich oft“, sagt sie.

Von unserer Redaktionsleiterin Petra Mix

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