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Schulleiterin: Oft sind wir nur eine Verwahranstalt

Die Grundschule als „Verwahranstalt“ im Winter, als chronisch unterversorgte Einrichtung in allen anderen Jahreszeiten – drastische Worte findet eine erfahrene Schulleiterin aus dem Kreis Mayen-Koblenz im Interview. Sie, die auch im Kreis Cochem-Zell gewirkt hat, will nicht mit Namen genannt werden, weil sie Repressalien fürchtet.

Symbolfoto.
Symbolfoto.
Foto: Alfons Benz

Das Land rühmt sich einer Unterrichtsversorgung von 99,3 Prozent. Da ist alles Jammern von Eltern und Schulleitern auf hohem Niveau, oder?

Offiziell heißt es zwar, wir liegen bei knapp 100 Prozent. Die Kinder sind ja auch in der Schule, wir dürfen sie nicht heimschicken. Nur wenn der Unterricht einer Klasse komplett ausfällt und die Kinder nach Hause müssen, wird dies statistisch festgehalten. In Zeiten der Grippewelle artet die Schule in eine Verwahranstalt aus, denn wir lassen keine Kinder nach Hause gehen. Andernfalls kassieren wir einen Anschiss von der Schulaufsichtsbehörde ADD. Zuletzt habe ich während der Grippewelle mit drei Klassen und 70 Schülern den Sportunterricht abgehalten.

Viertklässler haben erhebliche Lücken in der Rechtschreibung. Was sind die Gründe?

Das geht nicht erst in der vierten Klasse los. Das ist regional bedingt, hängt von der jeweiligen Grundschule ab. Und davon, wie viele Kinder mit Migrationshintergrund eine Schule besuchen. Wichtigster Aspekt ist, wie intensiv Deutsch im Elternhaus gesprochen wird. Montags machen wir in unserer Schule Erzählkreis, da geht es um Geschichten, um Redewendungen, um sprachliche Dinge, das ist ideal. Man merkt als Lehrerin aber auch, dass viel Play Station zu Hause gespielt wird, dass der Sportverein kaum mehr eine Rolle spielt. Wenn ich mit den Kindern Laufen übe, sind viele nach zehn Minuten platt.

Ist ein verbindlicher Grundwortschatz nicht hilfreich?

Nein, das ist genauso ein falscher Ansatz wie die Vergleichsarbeiten. Die Sau kriegt immer wieder einen neuen Namen, bevor sie durchs Dorf gejagt wird. Die beste Lösung sind genügend Lehrer, wenigstens ein Lehrer „on top“ für jede Grundschule. Fakt ist: Es gibt zu wenig Personal, denn es gibt immer Kinder an den Grundschulen, und die Zahl der Grundschüler nimmt zu. Wichtig ist eine individuelle Unterrichtung für jedes Kind, ein Förderplan. Es werden nämlich oft nur die Schlechten gefördert, für die Guten ist wenig drin. Und eine Begabtenförderung gibt es nur an ganz wenigen Schulen.

Das Ministerium klagt darüber, dass auch das Angebot fehlt: Es seien zu wenige Lehramtskandidaten da.

Wir brauchen nicht ständig Erklärungen, was man ohne Ressourcen schaffen muss. Wir hätten gern auf der einen Seite nordeuropäische Zustände, das darf dann aber nichts kosten. Der Staat hat doch mehr Geld denn je dank sprudelnder Steuerquellen. Wir müssen auf Lesen, Rechnen, Schreiben und Allgemeinbildung großen Wert legen, wenn wir ein Kind aus dem vierten Schuljahr ziehen lassen. Die Grundschule ist die Basis für alles, das Fundament. Und das müssen wir stärken. Wenn wir unsere Arbeit nicht machen, gehen die Kinder nirgendwo guten Gewissens nach der Grundschule hin.

Also, wie würden Sie Ihre Forderungen zusammenfassen?

Wir brauchen deutlich mehr Lehrerstunden. Wir brauchen eine individuelle Fördermöglichkeit für die Schüler. Eine Türkisch- oder Russisch-AG ist eine feine Sache, aber nicht zielführend. Und nebenbei: Aus meiner Sicht sollten die Empfehlungen für Viertklässler wieder bindende Wirkung haben.

Das Gespräch mit der Schulleiterin führte Thomas Brost

Cochem Zell
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