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    Brigitte Meier

    RZ-Interview: Caritas-Direktorin gibt Amt nach 38 Jahren ab

    Nach 38 Jahren Dienst im Caritasverband Mosel-Eifel-Hunsrück hat Direktorin Katy Schug die Geschicke des Wohlfahrtsverbandes in die Hände ihres Nachfolgers gelegt. Die 63-Jährige spricht mit der RZ über ehrenamtliches und hauptamtliches Engagement in der Gesellschaft.

    Katy Schug im RZ-Interview.
    Katy Schug im RZ-Interview.
    Foto: Christoph Bröder

    Caritas bedeutet Wertschätzung und Nächstenliebe. Sind diese Tugenden nicht aus der Mode gekommen?

    Der Begriff Caritas mag vielleicht altmodisch sein, aber wir haben nach wie vor ganz, ganz viele Menschen, die ihr Ehrenamt oder ihr Hauptamt werteorientiert ausüben, nicht nur bei der Caritas, sondern generell in der Gesellschaft. Und Gott sei Dank gibt es viele Menschen, die sagen: Ja, wir brauchen eine werteorientierte Gesellschaft und Tugenden, aber vielleicht nennt man das heute anders. Begriffe wie soziales Engagement, Zuverlässigkeit, Gerechtigkeit und Frieden ersetzen meiner Meinung nach das Wort Tugend. Ich sage noch einmal, in der Gesellschaft geschieht unsagbar viel Engagement.

    Wie wichtig ist das Ehrenamt?

    Ohne Ehrenamt wäre unsere Gesellschaft nicht nur ärmer, sondern all die Not, die da ist, könnte gar nicht von Hauptamtlichen bezahlbar abgefangen werden. Ich wehre mich gegen die Formel: Ehrenamt gleich unbezahlt, Hauptamt gleich bezahlt. Trotz allem, denke ich, brauchen wir das Ehrenamt auch, weil wir vieles in der Gesellschaft tatsächlich nicht bezahlen könnten. Ehrenamtliche Helfer haben genau das, was Caritas bedeutet, nämlich Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Sie sind eigentlich die Säulen unserer Gesellschaft.

    Ist es nicht schwierig, immer mehr Ehrenamtliche zu gewinnen?

    Das Ehrenamt hat sich sehr verändert. Vor 30 Jahren hat die eine Ehrenamtliche in der Pfarrei alles gemacht, zum Beispiel Lektor, Kommunionhelfer, Caritassammlerin, Besuchsdienst bei alten Menschen. Heute engagiert sich eine Person in einem Bereich, und das ist in Ordnung. Wir brauchen nicht mehr den Allrounder, denn, seien wir ehrlich, er wurde überstrapaziert. Ich glaube schon, dass wir ausreichend Leute ansprechen, aber wir müssen sie gezielt ansprechen.

    Haben Sie in ihrem Berufsleben die Welt ein wenig besser gemacht?

    Ich hatte das große Glück, sehr viele hoch motivierte Mitarbeiter zu haben. Und deshalb denke ich, haben wir in den Kreisen Cochem-Zell und Bernkastel-Wittlich die Welt an der einen oder anderen Stelle vielleicht nicht besser gemacht, aber sicher zum Positiven hin verändert. Wir haben aufmerksam geschaut, was braucht der Mensch, der hier vor uns steht. Was ich im Studium gelernt habe, gilt für mich heute noch: Hilfe zur Selbsthilfe ist Grundlage der Sozialarbeit. Wir dürfen nämlich nicht die Hilfesuchenden von uns abhängig machen.

    Viele Projekte im Caritasverband tragen Ihre Handschrift. Welches liegt Ihnen besonders am Herzen?

    Für mich ist wichtig, dass kranken Menschen geholfen wird, ob sie körperlich oder seelisch krank sind. Krankheit hat viele Gründe und Definitionen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mich äußerst intensiv bei unserem Arbeitsmarktprojekt engagiert habe. Ich habe erlebt, in welche Nöte junge Leute geraten können, wenn sie nicht die Chance hatten, wie zum Beispiel ich, die ich in einem guten Elternhaus aufgewachsen bin und die Chance hatte. Viele junge Menschen haben diese Chance nicht, und sie können auch kein Selbstbewusstsein entwickeln, um sich auf dem Arbeitsmarkt etablieren zu können. Unsere Aufgabe ist es, ihnen dieses Selbstbewusstsein zu vermitteln. Ein weiteres für mich wichtiges Projekt war der Aufbau der Hospizarbeit. Mit den Ehrenamtlichen haben wir erreicht, dass sterbende Menschen in beiden Landkreisen flächendeckend betreut werden können.

    Wie wichtig sind Netzwerke in der Sozialarbeit?

    Ohne Netzwerke ist die Arbeit gar nicht mehr zu bewältigen. Zum Beispiel die Hospizarbeit: Der Caritasverband kann keine 15 bis 20 hauptamtliche Hospizhelfer einstellen, dazu fehlt uns das Geld. Wir brauchen die Ergänzung durch das Ehrenamt und den christlichen Hospizverein Cochem-Zell. Auch die Initiative in Wittlich ist wirklich darauf angewiesen, zum Beispiel mit den Krankenhäusern und Altenheimen Netzwerke zu bilden, weil einer allein die Not nicht stemmen kann. Netzwerkarbeit ist sehr wichtig, sei es mit dem Jugendamt oder mit der Lebensberatung. Viele Projekte sind durch Kooperationen entstanden, die den Menschen in beiden Landkreisen zugutekommen. Diese Kooperationen werden zunehmend wichtiger, was ich auch meinem Nachfolger mitgeteilt habe. Wir müssen nicht überall das Rad neu erfinden, sondern voneinander profitieren. Alle Partner eines Netzwerkes erleben auch eine Bereicherung.

    Haben Sie das Rezept für eine erfolgreiche Flüchtlingsarbeit?

    In der ganzen Diskussion bin ich oft verärgert, dass es nur um Zahlen und Obergrenzen geht, aber wir sprechen doch von Menschen, die in existenzieller Not sind und die von jedem in unserer Gesellschaft erwarten dürfen, dass wir ihnen helfen. Wir müssen diesen Menschen die Chance geben, ihr Leben neu aufzubauen und zu meistern, aber wir dürfen sie nicht von uns abhängig machen. Betriebe, die Flüchtlingen die Chance zur Ausbildung oder zur Arbeit geben, sind sehr hilfreich. Bei allen Problemen, betone ich: Als an der ungarischen Grenze etwa 400.000 Menschen standen, konnten wir doch nicht sagen, wir lassen nur 300.000 rein! Jetzt wird eine neue Bundesregierung gebildet, und ich wünsche mir, dass die Parteien sagen: Wir gehen nur in die Koalition, wenn die Forderung nach der Obergrenze fällt. Es geht nicht an, dass Quoten über menschliches Leid gestellt werden.

    Wie engagiert sich die Caritas in der Flüchtlingsfrage?

    Wir haben Caritas International, die sich vor Ort, also in den Herkunftsländern engagiert. Wir müssen Bedingungen schaffen, dass die Menschen dort leben können. Denn niemand verlässt seine Heimat freiwillig und ohne Not, auch wenn Deutschland angeblich das gelobte Land ist. Ich mag mir nicht vorstellen, wie es mir ginge, wenn ich entwurzelt würde.

    Kann die Caritas etwas gegen Altersarmut tun?

    Dass die Renten immer geringer werden, ist in erster Linie Sache der Politik. Aber es ist die Aufgabe aller Wohlfahrtsverbände, immer wieder zu mahnen und die Gesellschaft beziehungsweise die Bundesregierung auf soziale Missstände aufmerksam zu machen, auch darauf, dass wir Menschen in die Armut schicken.

    Worin sehen Sie künftig die größte Herausforderung des Caritasverbandes?

    Die größte Herausforderung wird darin liegen, dass alle unsere Dienste bezahlbar bleiben. Die Personalkosten steigen enorm.

    Beschäftigte in sozialen Berufen sind doch nicht die Großverdiener.

    Das ist in der Tat so. Einerseits müssen vernünftige Löhne gezahlt werden, andererseits wird alles teurer. Die Verbände sind abhängig von öffentlichen Geldern und Zuschüssen, und die Herausforderung besteht darin, dass die Zuschussgeber weiterhin diese Zuschüsse geben. Ich glaube, wir müssen zunehmend die Frage stellen: Wie komme ich an Geld, um meine Dienste zu bezahlen? Dazu gehört auch, die Gesellschaft davon zu überzeugen, vorhandenes Geld nicht für die Erben zu horten, sondern für die Pflege der Eltern oder auch die eigene Pflege auszugeben.

    Sie waren 38 Jahre beruflich beim Caritasverband beschäftigt. Hatten Sie nie den Wunsch nach Veränderung?

    Ich hatte in den vergangenen Jahren mehrere Anfragen, alle aus dem sozialen Bereich. Etwas anderes wäre auch für mich nie infrage gekommen. Als ich vor 41 Jahren Sozialarbeit studiert habe, wollte ich eigentlich in die Jugendgerichtshilfe. Als ich dann mein Anerkennungspraktikum bei der Kreisverwaltung Simmern gemacht habe, hätte man mir auch diesen Wunsch erfüllt. Aber letztendlich hing mein Herz am Caritasverband.

    Was machen Sie nun mit Ihrer freien Zeit?

    Ich werde sicher einmal ehrenamtlich tätig sein, aber nicht beim Caritasverband. Ich habe Anfragen von Altenheimen, und ich kann mir vorstellen, mich im Tierheim zu engagieren. In diesem Jahr werde ich aber noch keine Entscheidung treffen, weil ich mich nun erholen und etwas für meine Gesundheit tun möchte. Ich bin leidenschaftliche Skatspielerin, und vielleicht spiele ich einmal in der Woche mit Senioren im Altenheim.

    Die Fragen stelle Brigitte Meier

    Das Steuerrad hält nun Frank Zenzen in den Händen

    Frank Zenzen aus Greimersburg ist Nachfolger von Katy Schug als Caritas-Direktor. Der 46-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er besuchte in Koblenz das Wirtschaftsgymnasium und erlernte den Beruf des Försters. Dann studierte er an der Uni Koblenz Diplom-Pädagogik. Erste Berufserfahrungen sammelte er bei einem Jugendhilfeträger, bevor er 2008 die Leitung der Caritas-Werkstätten St. Raphael Alten- und Behindertenhilfe im Kreis Ahrweiler übernahm. Als Einrichtungsleiter war Zenzen maßgeblich an der Weiterentwicklung der Angebote der Caritas-Werkstätten beteiligt.

    Zenzen selbst erklärte, dass er nun zur Caritas zurückkehrt, hat er doch nach seinem Abitur von 1991 bis 1992 als Zivi beim Caritasverband gearbeitet. Da ihm Natur- und Umweltschutz am Herzen lag – und immer noch liegt –, hat er zunächst den Beruf des Försters gelernt. Dann besann er sich auf seine Zeit als Zivi und absolvierte ein Studium als Diplom-Pädagoge. Zenzen sagte: „Mir geht es vor allem darum, zu helfen und das Helfen zu organisieren.“ Alfred Steimers, Vorsitzender des Caritasrates, stellte fest, dass der Unterschied zum Beruf des Försters und des Pädagogen gar nicht so groß ist: „Es geht in beiden Berufen darum, stets den Weitblick zu halten.“ Dr. Birgit Kugel, Diözesan-Caritasdirektorin, die Katy Schug verabschiedete und Frank Zenzen begrüßte, sagte: „Es liegt eine große Herausforderung vor Ihnen, aber zugleich eine sehr schöne und erfüllende Aufgabe.“ Katy Schug, die ihrem Nachfolger symbolisch das Steuerrad übergab (Foto), wünschte Zenzen eine glückliche Hand mit allen Mitstreitern sowie den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern: „Sorge gut für die, die Dir anvertraut werden.“ Er möge sich um die Nöte und Anfragen derer kümmern, die sich an den Caritasverband wenden. 

    Cochem Zell
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