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Cochem-Zell

Nach "Bienenstich"-Urteil von Cochem: Wann muss der Lehrer einen Arzt holen?

Kathrin Hohberger

Wie sollten Lehrer einen Insektenstich bei einem Schüler behandeln? Ein Verfahren am Amtsgericht Cochem zeigte, dass dabei sehr viel schiefgehen kann. Richter Gerald Michel stellte den Angeklagten mehrmals die Frage: „Gibt es bei Ihnen keine Richtlinie?“ Nein, lautete die Antwort. Und tatsächlich: Das Thema Aufsichtspflicht ist komplex.

Unfälle passieren, auch in der Schule. Aber was dürfen Lehrer – und was dürfen sie nicht? Das Thema Aufsichtspflicht und Erste Hilfe ist komplex. Lehrkräfte sichern sich daher nach allen Seiten ab.
Unfälle passieren, auch in der Schule. Aber was dürfen Lehrer – und was dürfen sie nicht? Das Thema Aufsichtspflicht und Erste Hilfe ist komplex. Lehrkräfte sichern sich daher nach allen Seiten ab.
Foto: Adobe Stock/Frank Schiffer

Lehrer übernehmen eine große Verantwortung bei Ausflügen oder Klassenfahrten. Daher ist es besonders wichtig, im Notfall besonnen zu handeln. Burkhard Karrenbrock, Schulleiter der IGS in Zell, sagt dazu überspitzt: „Wir stehen da mit einem halben Bein im Gefängnis.“ Denn verletzt sich ein Kind bei einer Schulfahrt, muss geklärt werden, ob der Unfall hätte vermieden werden können.

Eveline Dziendziol, die Pressesprecherin der Schulaufsichtsbehörde ADD, gibt den Rahmen vor: „Lehrkräfte müssen und dürfen alles, was jeder Bürger im Rahmen der Ersten Hilfe auch darf.“ Daher frischen Pädagogen alle drei Jahre den Erste-Hilfe-Kurs auf. Alles, was darüber hinausgeht, etwa die Medikamentengabe, muss explizit zwischen Eltern und Lehrkraft geregelt sein. „Lehrkräfte sind Pädagogen, keine Mediziner“, sagt Dziendziol.

Christian Etzkorn, Schulleiter der Realschule plus in Cochem, hat ganz klare Anweisungen für seine Lehrkräfte: „Nehmt keine medizinischen Handlungen an Kindern vor!“ Brauchen Kinder in Notfällen spezielle Medikamente, etwa Insulinspritzen oder Zäpfchen gegen epileptische Anfälle, muss das Vorgehen detailliert mit den Eltern besprochen werden, und diese bestätigen ihr Einverständnis, vielmehr den Wunsch, dass Lehrer medizinisch eingreifen, mit ihrer Unterschrift. Sollte der Fall eintreten, werde aber trotzdem der Notarzt gerufen, sagt Etzkorn. „Wir rufen bei Sportverletzungen immer einen Notarzt, auch wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass das nicht nötig war.“ Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.

Ihm ist eins besonders wichtig: „Die Eltern müssen bei jedem kleinen Unfall informiert werden. Dann können sie auch mitentscheiden, was die weiteren Schritte sind.“ Und er berichtet, dass die in vielen Schulen beliebten Kühlakkus in der Realschule plus Cochem wieder abgeschafft wurden: „Die sind wahnsinnig unhygienisch und regelrechte Keimschleudern.“ Meist würden sie nicht desinfiziert wieder zurück ins Kühlfach gelegt. Es gehe durchaus auch ohne.

Das Vorgehen bei schweren Unfällen ist gut geregelt. Für diese Fälle wie Knochenbrüche, Verätzungen oder schwere Stürze gibt es genaue Anweisungen in den Broschüren der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), wer wann wen zu informieren hat und welche Maßnahmen getroffen werden müssen. Dann stellt sich in der Regel auch gar nicht die Frage: Muss ich mit dem Schüler einen Arzt aufsuchen oder nicht? Doch was ist mit den kleineren, eher wahrscheinlichen Unfällen? Wespen- und Zeckenstiche etwa, Schürfwunden, Hämatome von kleineren Stürzen oder Rangeleien wollen bei einer Klassenfahrt auch versorgt werden. Es liegt im Ermessen der Lehrer, ob bei solch kleineren Verletzungen ein Arzt aufgesucht wird. Dziendziol sagt: „Man bewegt sich immer in einer gewissen Grauzone. Der gesunde Menschenverstand ist da hilfreich.“

Karrenbrock nennt das Beispiel Zeckenstich: „Bis vor einiger Zeit gab es die Vorgabe, Zecken nicht zu entfernen, mittlerweile hat sich das geändert.“ Zecken sollten von Lehrern so schnell wie möglich entfernt werden. „Je schneller man eine Zecke entfernt, desto geringer ist die Gefahr einer Infektion!“, steht dazu im Informationsblatt der Unfallkasse Rheinland-Pfalz. Die ADD auf der anderen Seite rät den Lehrern nicht zu einer Entfernung der Zecke: „Das ist im gewissen Sinn ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit“, sagt Dziendziol. Außerdem könne man nicht voraussetzen, dass jeder Lehrer Erfahrung mit der Entfernung von Zecken hat. Es wird deutlich: Der Einzelfall muss betrachtet werden. Und dass sich Lehrer nach allen Richtungen absichern, um nicht angreifbar zu werden, versteht Dziendziol auch: „Heute wird sicherlich mehr problematisiert als noch vor 20 Jahren.“

In dem Zusammenhang rät die DGUV dazu, alle Unfälle und die Hilfeleistung zu dokumentieren. Wird ärztliche Hilfe in Anspruch genommen, muss das der Unfallkasse gemeldet werden. Alle anderen Unfälle sind in einem Verbandbuch oder einer PC-Datei zu speichern, damit „bei Spätfolgen eines nicht angezeigten Unfalls der schulische Zusammenhang nachgewiesen werden kann. Außerdem wird im Verbandbuch dokumentiert, dass die Schulleitung und die Lehrkräfte ihrer Verpflichtung zu Erster Hilfe nachgekommen sind.“ Lehrer müssen sich also absichern, um im Nachhinein belegen zu können, dass sie alles ihnen Mögliche getan haben, um dem Kind zu helfen. Und bei kleineren Unfällen? „Wie immer gilt: Augenmaß“, steht im Informationsblatt „Wundversorgung bei Kindern – Empfehlungen der Unfallkasse Rheinland-Pfalz“. Aber genau dieses Augenmaß ist ein schmaler Grat, den die Lehrer zu gehen haben.

Von unserer Mitarbeiterin Kathrin Hohberger

So sind Schüler in Rheinland-Pfalz versichert

Alle Schüler in Rheinland-Pfalz sind über das Land automatisch bei der Unfallkasse mit Sitz in Andernach versichert. Geschieht also auf dem Schulweg oder auf dem Pausenhof sowie bei Schulveranstaltungen (dazu zählen auch Ausflüge und Klassenfahrten) ein Unfall, trägt die Unfallkasse die Kosten der medizinischen Behandlung. In ganz dramatischen Fällen wird auch eine lebenslange Rente gezahlt.

Lehrkräfte unterliegen generell einer eingeschränkten Haftung. Haben sie sich richtig verhalten, ihre Aufsichtspflicht also eingehalten, aber ein Schüler kommt trotzdem zu Schaden, haben sie zivilrechtlich nichts zu befürchten, zum Beispiel bei einer Klage auf Schadensersatz. Wenn sie den Unfall allerdings wissentlich herbeigeführt haben, erlischt die Einschränkung. In einer Verwaltungsvorschrift des Landes steht dazu: „Mitschüler und Aufsichtführende haften der oder dem Geschädigten gegenüber nur bei vorsätzlichem Verhalten. Der Unfallversicherungsträger kann bei vorsätzlichem oder grob fahrlässigem Verhalten bei diesen Rückgriff nehmen.“ Die Unfallkasse übernimmt also zunächst die Behandlungskosten, kann diese aber bei Vorsatz zurückfordern. hoh

Cochem Zell
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