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    Pommern

    Jagd im Wingert: Wenn der Winzer aufs Wild anlegt

    Kilian Moritz nimmt das Gewehr in Anschlag. Er stützt es auf dem Dachträger des Autos ab und beobachtet das Reh einige Minuten lang durch das Zielfernrohr. Etwa 150 Meter über ihm hat er das Tier im Weinberg entdeckt. Moritz überlegt und wägt ab. Wenn er jetzt schießt, sind der Abend und die Jagd gelaufen. Dann muss er in den Hang klettern und den jungen Bock holen. Das kostet ihn viel Zeit, da das Tier vermutlich ins unterhalb gelegene Dickicht fallen würde. Die Chance, später am Abend vielleicht noch ein Wildschwein zu erlegen, wäre dann dahin. Doch das wäre eigentlich viel wichtiger.

    Moritz ist Winzer und Jäger zugleich. Mehr Hobbyjäger, wie der 33-Jährige sagt. Jagen bedeutet für ihn vor allem Ausgleich zum Beruf. Allerdings war schon klar, dass er Jäger wird, lange bevor klar war, dass er den Winzerbetrieb seiner Eltern in Pommern übernehmen wird. Der Cousin seines Großvaters nahm ihn schon als Kind mit auf die Jagd. Hobby und Beruf lassen sich jedoch gut miteinander verbinden. Denn die Jagd im Weinberg wird immer wichtiger. Vor allem das Schwarzwild, also die Wildschweine, richtet erhebliche Schäden in den Rebzeilen an. Der Pommerner zeigt mehrere Stellen, wo die Tiere heftig gewütet haben. Die Grasnarbe ist fast vollständig zerstört. Wichtige Nährstoffe werden so vom Regen aus dem Boden gespült. Schäden dieser Art haben in den vergangenen Jahren zugenommen, ebenso die Wildschweinpopulation. Die Tiere wandern nachts die Steilhänge herab bis in die unteren Rebflächen, um Engerlinge im Boden oder Trauben von den Reben zu fressen. Kilian Moritz musste eine Fläche sogar bereits noternten. Die Schweine hatten dort zuvor rund ein Viertel der Ernte gefressen oder beschädigt. Manchmal reißen die Tiere sogar ganze Reben mit den Pfählen um. Der Schaden ist hoch, lässt sich aber nicht genau beziffern.

    Mit diesem Problem ist er nicht alleine an der Mosel, wie Rolf Haxel, Präsident des Weinbauverbandes Mosel, erklärt: „Vor allem die Schäden durch Wildschweine haben in den vergangenen Jahren immer weiter zugenommen.“ Aber auch das Rehwild richtet Schaden an, die Tiere fressen besonders gern die jungen Triebe und Knospen. Vom Bauern- und Winzerverband Cochem-Zell gibt es daher eine finanzielle Unterstützung für Jungjäger zum Jagdschein. Auch revierübergreifende Drückjagden werden vom Verband vermehrt gefordert, um der Lage Herr zu werden. Weil Weinbergflächen zu den sogenannten Sonderkulturen gezählt werden, sind sie nicht wildschadensersatzpflichtig. Zerstört Wild im Wingert die Ernte, weil der zuständige Jagdpächter nicht ausreichend gejagt hat, bleibt der Winzer auf dem Schaden sitzen. Bei einem Maisfeld beispielsweise sieht das anders aus, hier kommt der Jäger für den Wildschaden auf. „Es gibt allerdings auch Reviere, wo im Pachtvertrag zumindest eine geringe Summe von rund 1500 Euro für Wildschäden im Wingert festgesetzt ist“, erklärt Haxel. Denn auch Winzer hätten ein Recht auf Entschädigung.

    Das Reh im Visier von Kilian Moritz ist im Dickicht verschwunden. Damit hat es ihm die Entscheidung abgenommen. Er parkt das Auto und geht zu Fuß weiter den Steilhang hinauf. Zunächst über breite Wege, dann nur noch über schmale Pfade, wo der Schiefer unter den Füßen wegbröckelt. Nicht ganz ungefährlich. Das ist etwas anderes, als mit dem Auto am Feldrand bis zum Hochsitz zu fahren. Lediglich sein Gewehr, einen Dreibeinhocker und eine kleine Tasche mit Fernglas nimmt er mit. Trotz Hocker setzt er sich aber lieber auf den Boden. Aus dem Augenwinkel nimmt Moritz schräg über sich im Hang eine Bewegung wahr. Wieder ein Reh. Das Tier hat ihn auch entdeckt, frisst aber unbehelligt weiter. Der Jäger beobachtet das Tier mit dem Fernglas. Ist es alleine? Hat es ein Kitz dabei? Und tatsächlich, nach einigen Minuten tritt ein zweites Reh hinter einem Felsen hervor. Es ist eine Ricke mit ihrem Kitz. Die Schussentfernung wäre machbar, ein anderer Grund lässt Moritz jedoch wieder zögern.

    Neben der Jagd gibt es auch andere Methoden, um die Reben vor Wild zu schützen. „Am sichersten ist wohl einzäunen“, erklärt Hans-Peter Schimpgen, Leiter des Forstamts Cochem. Weil sich Wildschweine allerdings auch mal unter gewöhnlichen Zäunen hindurchgraben, ist schon ein Elektrozaun notwendig, um die Schwarzkittel zu stoppen. Außerdem gebe es Wildverwitterungsmittel, welches auf Stofflappen aufgetragen wird und in den Weinbergen aufgehängt werden könne. Damit wird menschlicher Geruch imitiert. „Manch einer geht sogar von Friseur zu Friseur, um dort die gesammelten Haare abzuholen“, sagt Schimpgen und schmunzelt. Im Weinberg verteilt, soll auch das angeblich das Wild fernhalten. An Schussapparate hingegen, die intervallmäßig automatisch Schüsse abgeben, würden sich die Schweine irgendwann gewöhnen. Die Tiere sind schlau und lernfähig, merken irgendwann, dass von den Geräten keine Gefahr für sie ausgeht.

    Wieder nehmen die Rehe Moritz die Entscheidung ab. Sie verschwinden hinter einem Felsvorsprung. „Ich hätte hier sowieso nicht schießen können“, sagt er. Der Kugelfang fehlte. Wäre der Schuss vorbeigegangen oder hätte er das Reh durchschlagen, wäre das Projektil weiter den Hang hinaufgeflogen. Undenkbar, denn oberhalb des Jägers verläuft der Moselsteig. Risiken für Wanderer müssen völlig ausgeschlossen sein. „Jemanden hier jagen zu lassen, der das Gelände nicht kennt, wäre daher unverantwortlich“, erklärt Kilian Moritz. Er wartet noch gut eine halbe Stunde an der Position, dann geht er zurück in Richtung Auto. Schließlich wartet im Weingut noch Arbeit auf ihn. Zuvor werden ihm allerdings noch zwei weitere Begegnungen bevorstehen. Zwei, die ihn noch ärgern werden.

    Die Wildschweinpopulation sei in diesem Jahr explodiert, sagt Schimpgen. „Der Winter war mild, es gab eine gute Buchenmast und die Bachen waren früh geschlechtsreif“, erklärt der Forstamtsleiter. Ideale Bedingungen für die Population. Schlecht hingegen für die Winzer. Daher beginne nun auch wieder die Zeit der Drückjagden, die wohl effektivste Form der Jagd, um den Bestand zu regulieren. Auch in Weinbergen wird das praktiziert. Außerdem ist der Einsatz von Licht bei der Jagd nun zulässig, auch deshalb, um die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest zu verhindern. Breitet sich diese Krankheit weiter aus, könnte die Wildschweinpopulation in den heimischen Wäldern im schlimmsten Falle sogar ganz verschwinden, sagt Schimpgen. Das wiederum ist auch nicht im Interesse der Jäger. Schließlich ist die Schwarzwildjagd die anspruchsvollste und damit jagdlich interessanteste.

    Die Dämmerung bricht langsam über dem Moseltal herein, als Kilian Moritz hinter einer Kurve zwei weitere Rehe im Weinberg entdeckt. Wieder eine Ricke mit Kitz. Direkt an einem Zaun. Perfekte Schussposition. Dieses Mal zögert er nicht lange. Moritz macht sich bereit, geht in Stellung. Er will beide erlegen. Doch genau in dem Moment, wo er das Gewehr an die Schulter anlegt, verschwinden die beiden Tiere im Dickicht. Als hätten sie es geahnt. Ärgerlich. Denn an dieser Stelle wären die Rehe leicht aus dem gut zugänglichen Stück Hang zu bergen gewesen. Die letzte Chance auf Jagderfolg an diesem Abend.

    Zwar springt auf dem Weg zum Weingut ein weiteres Reh vor dem Auto über den Weg, weil es jedoch in Schussrichtung Bundesstraße steht, ist auch hier ein sicherer Schuss unmöglich. Moritz leuchtet das Tier mit einer Taschenlampe an. „Das Reh weiß, dass ich es nicht mehr sehe, wenn es jetzt eine Rebzeile weitergeht“, erklärt er. Und genau das tut es auch, es geht weiter. Moritz fährt zurück nach Pommern. Ob ihn das stört, zu wissen, dass da jetzt ein Reh vermutlich seine Reben anknabbert? „Ja schön finde ich das nicht“, sagt der Jäger. Ändern kann er es nicht. „Hätte ich doch den jungen Bock gleich zu Beginn geschossen“, sagt Moritz. Denn letztlich hat sich kein Schwein blicken lassen.

    Christoph Bröder

    Rehe und Wildschweine richten Schäden an

    Rehe mögen die schmackhaften Austriebe an der Rebstockgerte. Erst wenn die Winzer diese einige Male gespritzt und sie eine Länge von etwa 30 Zentimeter erreicht haben, schmecken sie dem Rehwild nicht mehr. Wildschweine hingegen wühlen ganzjährig die begrünten Böden in Weinbergen um.

    Dort stecken Engerlinge, Regenwürmer, Schnecken und Mäuse (Eiweiß). Die Unebenheiten auf dem umgepflügten Boden stellen ein großes Problem für die Winzer dar. Beim Durchfahren der Rebzeilen bleiben sie mit dem Traktor an Rebstöcken hängen.

    Cochem Zell
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