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In der Weihnachtsbäckerei: Martina Schneiders hat sich ihren Traum von der eigenen Patisserie erfüllt

Das ist eine etwas andere Weihnachtsgeschichte. Eine schöne. Sie handelt von einer Frau, die sich einen Traum erfüllt. Zufrieden ist sie damit. Der Weg war lang. Und jetzt? Es duftet. Apfel, Zimt. Weihnachten. Bratapfelmuffins. Auf einem der Tische steht die Deko für den nächsten Tag bereit. Grün mit einem Hauch von Pink. Passt gut zum großstädtischen Vintage-Look der kleinen Patisserie nach französischem Vorbild. Und zur Arbeitsjacke der Konditormeisterin Martina Schneiders aus Pommern. Knallpink. Die Künstlerin in ihr mag Farben. Dass sie heute ihre eigene Chefin ist, war, so wird sie es später erzählen, nicht wirklich geplant. Es war allenfalls ein Traum.

Vor knapp zwei Monaten hat die 35-Jährige das Café in einem typischen Moselhaus in Pommern eröffnet. Mit etwas Fantasie kann man sich die Gäste im Frühjahr und Sommer, Wanderer, Touristen, Pommerner, jüngere Menschen aus der Region mit Kindern, sehr gut vorstellen, wie sie die Leckereien verspeisen. Martina Schneiders freut sich darauf. Sie mag das Beschauliche in dem kleinen Ort, das Besondere der Region. Und sie bewahrt alles Schöne auf. Eine Gaststätte war früher einmal in diesen Räumen, die Holzvertäfelung an den Wänden verrät es. Tische und Stühle stammen aus dieser Zeit, haben aber einen neuen Look bekommen. Damit sie zum Rest passen. Erinnerungen an den Elektroladen der Eltern, die Wolltheke der Mutter ist geblieben. „Die Theke hat immer an dem Platz gestanden, und das soll auch so bleiben.“ Martina Schneiders lächelt.

Die Einrichtung, wird sie später sagen, als das Augenmerk auf die coolen Lampen über der Kuchentheke gerichtet wird, ist genau so geworden, wie sie es sich vorgestellt hat. Vater und Bruder haben sie bei der Renovierung unterstützt. Und statt filigrane Pralinen herzustellen, hat Martina Schneiders Fliesen verlegt und Wände gestrichen.

Alles muss zueinander passen. Altes und Neues. Das entspricht auch ihrem Backstil. Die Klassiker in anderer Form. In der ersten Zeit, berichtet sie lächelnd, haben die Kunden die typisch dreieckigen Kuchenstücke gesucht. Standen vor der Kuchentheke mit Muffins, Tarteletts, Brownies und haben nach dem Kuchen gefragt. „Das ist der Kuchen“, hat die Moselanerin geantwortet. Bewusst hat sie sich entschieden, andere Sachen zu machen als die anderen. Um auch jüngerem Publikum auf dem flachen Land etwas bieten zu können.

Kreativer Geist. Schon als Kind hat sie gern mit der Oma gebacken und den Teig genascht. Und wenn sie den Nachtisch an Weihnachten gemacht hat, dann gab es nicht einfach nur Eis, dann wurden die Schälchen aus Eis gegossen. Perfekt muss es sein. Wenn später die bunten Minischokolinsen auf die Tannenbaumbrownies rieseln, hat Martina Schneiders nicht eher Ruhe, bis die Farben stimmen und alles hübsch aussieht.

Quelle: YouTube (erweiteter Datenschutzmodus)

Wer sie in ihrem Element erlebt, kann sich kaum vorstellen, dass sie jemals etwas anderes gemacht hat. Hat sie aber. Nach dem Studium der Kunstwissenschaft in Koblenz hat sie vier Jahre lang als Kunstlehrerin an einem Koblenzer Gymnasium gearbeitet. Hatte in der Zeit mehrere Verträge, nichts wirklich Festes. Als sie dann eine Woche vor den Sommerferien erfährt, dass sie nicht mehr in Rheinland-Pfalz unterrichten kann, ist ihr Plan B rasch wieder total präsent. Die Alternative wäre gewesen, mit 30 Jahren noch einmal zu studieren. Das kam nicht infrage. Jetzt oder nie. Die Entscheidung trifft sie innerhalb von wenigen Tagen. Plötzlich ist alles anders. Sie steht nicht mehr vor Schülern, sie sitzt wieder auf der Schulbank. Es sollte wohl alles so kommen, schießt es einem später durch den Kopf, wenn Martina Schneiders, die Konditormeisterin, ins Schwärmen gerät.

Doch davor ist ihr Mut gefragt. Wie bekommt sie einen Ausbildungsplatz? Martina Schneiders hat Unternehmerin Ellen Lohner angerufen – und bekommt „in meinem hohen Alter“ einen Ausbildungsplatz bei der Großbäckerei in Polch. Hier lernt sie das Handwerkszeug, legt auch die Meisterprüfung ab. Und setzt die von den Prüfern geforderte Aufgabe, einen Baumkuchen zu backen, auf ihre Art um, kreiert eine Malerrolle. Das macht das Arbeiten für sie so spannend. „Ich kann entscheiden, was und wie ich es mache.“

Währenddessen klappert der große Rührbesen in der Schüssel. Martina Schneiders macht die Tannenbaumbrownies fertig, ausnahmsweise schon einen Tag, bevor sie in die Auslage kommen. Aus weißer Schokolade und grüner Lebensmittelfarbe entsteht eine Kuvertüre in zartem Grün, mit der die zuvor in exakte Dreiecke geschnittenen Schokoladenkuchenplatten verziert werden. Die perfekte Temperatur ist jetzt wichtig, damit die Kuvertüre später glänzt. „Wir müssen Geduld haben“, sagt Schneiders, die seit sie permanent von süßen Sachen umgeben ist, gern mal in etwas Herzhaftes beißt. Früher, sagt sie, hat sie mehr genascht. Die vorher auf 40 Grad erhitzte weiße Kuvertüre muss auf 28 bis 29 Grad herunterkühlen, damit sie sich gut verarbeiten lässt. Der Profi kann die richtige Temperatur an der Unterlippe fühlen, benutzt aber aus hygienischen Gründen den Schaber – und zur Not ein Thermometer.

Die herrlich nach Schokolade duftenden Dreiecke liegen schon auf mit Papier belegten Blechen bereit. Schneiders befüllt den Spritzbeutel mit der grünen Masse. Jetzt muss es schnell gehen. Im Zickzackkurs lässt sie die Masse auf die Dreiecke träufeln. Als Tannenspitze verwendet sie sternförmige Kekse mit Tonkabohnengeschmack. Zu guter Letzt rieseln die Minischokolinsen. So lange, bis die Konditormeisterin zufrieden ist. Dann muss alles trocknen.

Eine leichte Übung für die 35-Jährige, die an dem Beruf die Vielseitigkeit liebt. Pralinen herstellen, mit Weinbergspfirsichlikör oder Trester. Oder Torten backen. Ihre jüngste Kreation? „Shaun, das Schaf“ als Kuppeltorte. Die Kunden, sagt sie, haben schon genaue Vorstellungen. Und manchmal muss sie diese auch etwas relativieren. Der Backhype im Fernsehen, der langsam den Kochhype ablöst, sorgt mit dafür, dass die Ideen immer schräger werden.

So richtig glauben kann es Martina Schneiders manchmal noch gar nicht, dass sie jetzt ihr eigener Chef ist. Zunächst wird sie ihre Patisserie nur am Wochenende und an Feiertagen öffnen. Sie setzt aber ab dem Frühjahr auch auf Touristen. Na klar. Die Frage, warum Pommern und nicht Koblenz, bekommt sie oft gestellt. „Ich möchte etwas Besonderes anbieten, aber nicht den riesigen Stress haben, den ich in der Stadt hätte.“ Sie sagt es überzeugend, möchte es ruhig angehen lassen. In der Stadt, da ist sie sicher, wäre das nicht möglich. „Ich möchte mich erst einmal an meine neue Situation gewöhnen.“ Wie die Kunden an das etwas andere Backwerk. Stars und Stripes. Spekulatius in Sternform mit feinen Schokostreifen. Die mag Martina Schneiders am liebsten.

Petra Mix

Cochem Zell
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