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Blankenrath

Goldener Meisterbrief: Warum es bei Schneiderin Melitta Ahlert nie Reibekuchen gab

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Viel lieber als um die Kochtöpfe im Haushalt der Eltern hat Melitta Ahlert sich schon als junges Mädchen um Stoffe und Garne gekümmert. Auch wenn ihr Umfeld Anfang der 1950er-Jahre dafür so gar kein Verständnis aufbringen konnte. Heute blickt die 82-Jährige, die in Blankenrath lebt, stolz auf ihren Goldenen Meisterbrief als Damenschneiderin, der ihr kürzlich von der Handwerkskammer Düsseldorf verliehen wurde.

Sie ist stolz auf den Goldenen Meisterbrief: Melitta Ahlert aus Blankenrath hat als junge Frau eine Ausbildung gemacht, als das noch alles andere als üblich war. Foto: Ulrike Platten-Wirtz
Sie ist stolz auf den Goldenen Meisterbrief: Melitta Ahlert aus Blankenrath hat als junge Frau eine Ausbildung gemacht, als das noch alles andere als üblich war.
Foto: Ulrike Platten-Wirtz

Sobald das Gespräch auf Mode und Stoffe kommt, leuchten die Augen der gebürtigen Liesenicherin noch mehr als sonst. Bis heute hat Melitta Ahlert sich ihr Faible für modische Kleidung bewahrt. Sie selbst ist nur ganz selten in Hosen, dafür meist mit Rock samt schicker Bluse zu sehen. „Früher war es nicht üblich, dass man als Frau vom Dorf eine Ausbildung gemacht hat“, sagt Melitta Ahlert. Aber schon als Heranwachsende seien ihr Hausarbeit und Kochtöpfe weniger wichtig gewesen als die Näherei. Bei einer Schneiderin im Dorf konnte sie erste Erfahrungen sammeln. „Meine Mutter hat mich zu der Näherin geschickt, um die „Werktagskleider“ für die Familie zu nähen.“ Darüber ist noch immer ein bisschen beleidigt. Sie kichert, als sie sagt: „Ich habe aber trotz Verbot auch die Garderobe für sonntags angefertigt.“ Ihre Leidenschaft fürs Nähen ging dann so weit, dass sie sich als Mittzwanzigerin um eine Lehrstelle bemühte. „Bei der Handwerkskammer in Koblenz riet man mir damals zu einer Ausbildung als Herrenschneiderin. Das wollte ich aber nicht“, sagt sie. Kurzerhand ging Melitta Ahlert selbst auf die Suche und wurde fündig.

Im Atelier Kasper in Koblenz bekam sie die ersehnte Lehrstelle. „Während der eineinhalbjährigen Ausbildung habe ich gelernt, wie man zuschneidet und maßgeschneiderte Kleider für feine Damen anfertigt“, sagt die Schneidermeisterin augenzwinkernd. Dass sie nach der Lehre noch die Meisterprüfung ablegen wollte, war für die couragierte Frau Ehrensache. Dafür musste sie damals nach Düsseldorf, wo sie neben der Meisterschule auch noch als Näherin tätig war. Abgeschlossen hat Melitta Ahlert die Prüfung dann als Jahrgangsbeste, was ihr die Unterschrift des damaligen Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger einbrachte. Darauf ist Melitta Ahlert stolz.

Der Liebe wegen ging es nach bestandener Prüfung aber wieder zurück in die Heimat. „Ich wäre ja gern in Koblenz geblieben. Das Atelier hätte mich auch als Meisterin übernommen“, sagt Ahlert. Aber ihr damaliger Verlobter und späterer Ehemann war bei der AOK in Zell angestellt. Also ging es vom Rhein an die Mosel. Melitta Ahlert machte sich dort mit einem eigenen Schneideratelier selbstständig. In einer Zeit, in der die meisten Frauen sich mit Familie und Hausarbeit beschäftigen, verdient sie ihr eigenes Geld.

Die Kundschaft kam damals von selbst. Schnell sprach sich herum, dass die junge Schneidermeisterin ein gutes Händchen hatte und mehr als akkurat nähen konnte. „Als Kind habe ich meine eigenen Nähversuche immer vor meiner Mutter versteckt, weil ich ihr nie das Wasser reichen konnte“, sagt Tochter Ute Ahlert.

Als das Kind drei Jahre alt wurde zog es die Familie von Zell wieder in den Hunsrück. „Am Anfang war ich darüber total sauer, die Mosel nicht mehr sehen zu können. Aber die Zeit, die ich bei Mutter im neuen Nähzimmer des Eigenheims verbringen durfte, entschädigte mich“, sagt sie. Genau wie die Tochter durfte später auch die Enkelin im Nähzimmer spielen und experimentieren. Für beiden jüngeren Frauen war das eine unvergessliche Zeit.

Im Nähzimmer, das heute nur noch selten genutzt wird, sind noch einige Kunstwerke zu bewundern. Das Hochzeitskleid der Schwester sowie das Cocktailkleid, das die Schneiderin selbst zu dem Anlass trug, hat Melitta Ahlert aufgehoben. Liebevoll fährt sie mit der Hand über den weißen Stoff des Kleides, der über und über mit Perlen bestickt ist. „Das war eine Heidenarbeit“, erinnert sie sich. Aber für die Schwester, war ihr eben nichts zu viel.

Im Hause Ahlert drehte sich immer alles ums Nähen. Tochter Ute erinnert sich: „Bei uns gab es weder Reibekuchen noch Pommes, damit die Stoffe keinen Küchengeruch abbekamen.“ Heute wäre es schwieriger in dem Beruf Fuß zu fassen. „Als die Konfektion kam, kauften die Leute lieber von der Stange, als sich Kleider maßschneidern zu lassen“, sagt Melitta Ahlert. Gelegentlich setzt die Schneidermeisterin sich auch heute noch an die Nähmaschine. Für Enkelin Jule hat sie einst Kinderkleider genäht, denen die junge Dame jetzt längst entwachsen ist. Aber wenn es etwas auszubessern oder zu erneuern gibt, kann Jule sich immer noch auf ihre Oma verlassen.

Ulrike Platten-Wirtz

Meisterschüler: Mehr Frauen

123 Goldene Meisterbriefe wurden in diesem Jahr von der Handwerkskammer Koblenz überreicht. Zehn davon an Frauen. Heute sind rund 20 Prozent der Meisterschüler Frauen.

Am häufigsten in den Gewerken Augenoptiker, Friseur und Konditor.

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