40.000
  • Startseite
  • » Region
  • » Aus den Lokalredaktionen
  • » RZ Mittelmosel
  • » Ethiker: Medizin muss sich Kulturen öffnen
  • Aus unserem Archiv
    Dernbach/Zell

    Ethiker: Medizin muss sich Kulturen öffnen

    Für den Mediziner und Philosophen Dr. Ilhan Ilkiliç beschäftigt sich das deutsche Gesundheitswesen zu wenig mit dem Thema Interkulturalität. Das Mitglied im Deutschen Ethikrat fordert eine viel stärkere Verankerung des Themas im Medizinstudium und in der Pflegeausbildung. Wir sprachen mit dem türkischen Ethikexperten am Rande eines Seminars der Katharina-Kasper-Gruppe in Dernbach (Westerwaldkreis). Das Interview im Wortlaut.

    Ein deutscher Mediziner trifft auf einen Patienten aus einem anderen Kulturkreis: Für den Ethikexperten Ilhan Ilkiliç verursacht nicht nur die Sprachbarriere Probleme.
    Ein deutscher Mediziner trifft auf einen Patienten aus einem anderen Kulturkreis: Für den Ethikexperten Ilhan Ilkiliç verursacht nicht nur die Sprachbarriere Probleme.
    Foto: dpa/Markus Kratzer

    Der Begriff "Interkulturalität in der medizinischen Versorgung" ist etwas sperrig. Was genau versteht man darunter?

    Interkulturalität beschreibt zunächst einmal zwei Personen, eine behandelnde und eine zu behandelnde. Diese verstehen sich im Rahmen eines Therapieprozesses als Mitglieder verschiedener Kulturkreise. Der interkulturelle Kontext ist aber noch nicht allein dadurch gegeben, dass die eine Person aus dem Kulturkreis A kommt, die andere aus dem Kulturkreis B. Im Therapieprozess soll vielmehr das Gefühl entstehen, dass diese Menschen das Bewusstsein haben, Angehörige verschiedener Kulturkreise zu sein. Und das kann in den unterschiedlichsten Situationen entstehen.

    In welchen etwa?

    Das klassische Beispiel sind sprachliche Barrieren. Die beiden Personen können sich nicht in derselben Sprache verständigen. Dazu gehören auch Barrieren der kulturellen Praxis sowie auch der Religionsausübung. Dazu gehört aber auch die moralische Diversität, wie ich es gerne bezeichne. Das sind unterschiedliche Überzeugungen, etwa in puncto Patientenautonomie, oder auch die Bedeutung der Familie. In diesen Bereichen erleben wir in manchen Behandlungssituationen verschiedene Einstellungen zur Therapie - manchmal auch am Lebensende. Und diese können ein Anlass für dieses Gefühl der Interkulturalität sein.

    Wie stark hat denn die zunehmende Zahl der Flüchtlinge, die gerade im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen sind, dieses Phänomen verstärkt?

    Dass dies quantitativ zugenommen hat, steht außer Frage. Im vergangenen Jahr sind mehr als eine Million Flüchtlinge, vornehmlich aus Syrien, nach Deutschland gekommen. Und wenn man diese Menschen mit den Türken vergleicht, die hier leben oder mit Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, so ist der große Unterschied, dass diese nicht selten schon 40 oder 50 Jahre hier leben. Heißt: Die Sprachbarriere ist zumindest in der zweiten und dritten Generation kein Problem mehr. Das sieht bei den syrischen Flüchtlingen ganz anders aus. Unter ihnen gibt es kaum welche, die der deutschen Sprache mächtig sind. Auf der anderen Seite ist die Kultur dieser Menschen in Deutschland wenig bekannt sind.

    Und das schafft Schwierigkeiten?

    Ja und nein. Man darf nicht vergessen, dass es vorwiegend gesunde Menschen sind, die sich auf den Weg nach Deutschland gemacht haben, auch viele junge Menschen. Aber wir haben bei diesen Flüchtlingen andere Probleme. Nach den bestehenden gesetzlichen Regelungen dürfen diese Menschen in den ersten 15 Monaten nicht oder kaum medizinische Behandlungen erfahren, wenn keine medizinische Notlage vorliegt. Die Behandlung chronisch kranker Flüchtlinge ist in Deutschland finanziell nicht gesichert. Zwar gibt es in verschiedenen Bundesländern und Städten wirklich vorbildliche und sehr gute Projekte, mit denen man versucht, mit eigenen Ressourcen diese Lücken zu schließen, aber hier besteht noch großer Handlungsbedarf. Das ist nicht nur ein ethisches, sondern auch ein gesundheitliches Problem. Wenn man bestimmte Krankheiten nicht rechtzeitig behandelt, können daraus Notfälle bis hin zu lebensbedrohlichen Situationen entstehen.

    Also eine klare Botschaft an den Gesetzgeber, Rahmenbedingungen zu ändern ...

    Genau. Es gibt immer noch Länder innerhalb der EU, in denen Asylbewerber nicht die gleichen gesundheitlichen Leistungen bekommen wie Asylanten. Deutschland gehört leider dazu. Das hat in meinen Augen auch eine menschenrechtliche Komponente, wenn das Recht auf gesundheitliche Versorgung nicht für alle gilt.

    Kommen wir konkret zurück zur medizinischen Praxis. Wo sehen Sie denn die größten Herausforderungen, wenn ein deutscher Arzt etwa auf einen syrischen Patienten trifft?

    Da muss ich zurückkommen auf die Sprachbarriere, die vor allem in der ersten Generation eine große Hürde ist. Diese Menschen sind nicht in der Lage, ihre Beschwerden in Deutsch vorzubringen und leider steht in Deutschland auch nicht flächendeckend ein Dolmetscherdienst zur Verfügung. Deswegen muss man nach Lösungen suchen. Entweder sind bei der Untersuchung Familienangehörige dabei, die dann übersetzen. Oder es sind unbekannte Personen, die einspringen - bis hin zu Reinigungspersonal. Allerdings sehe ich hier als Ethiker noch ganz andere Probleme, vor allem wenn es um ernste Diagnosen geht.

    Haben Sie da ein Beispiel?

    Nehmen wir etwa einen deutschen Arzt und einen 60-jährigen türkischen Patienten. Der Arzt sagt dem Türken, dass er Krebs hat, man aber in der Lage sei, diesen Krebs mit Medikamenten gut zu behandeln. Aber der Sohn, der übersetzt, sagt seinem Vater, dass es ihm gut gehe. Aus kulturellen Gründen will er solche schlechten Diagnosen nicht weitergeben, damit man diesem Menschen nicht schadet. Hier tauchen gleichermaßen medizinische wie ethische Probleme auf. Der Arzt kann die Richtigkeit der Übersetzung nicht überprüfen, rechtlich ist er seiner Aufklärungspflicht gar nicht nachgekommen. Auf der einen Seite glaubt der Patient, er sei gesund, auf der anderen Seite muss er eine Behandlung mit schweren Medikamenten mit hohen Nebenwirkungen über sich ergehen lassen.

    Aber Sie deuteten schon an, dass aus Sprachbarrieren auch andere Probleme resultieren ...

    Das ist richtig. Welcher Mensch würde beispielsweise in Anwesenheit seines Sohnes oder seiner Tochter über sexuelle Probleme sprechen. Das sind intime Informationen, die man nicht so gerne preisgibt. Das heißt: Der Patient könnte seine Angaben allein wegen der Anwesenheit einer dritten Person selbst zensieren.

    Inwieweit können demnach Konflikte auftauchen zwischen dem Hippokratischen Eid, den ein Arzt geleistet hat, und dem Selbstbestimmungsverständnis eines Menschen aus einem anderen Kulturkreis?

    Ja, es gibt dieses unterschiedliche Verständnis von Patientenautonomie in verschiedenen Kulturkreisen. Lassen Sie mich es so formulieren: In einigen Kulturkreisen gehört Individualität nicht zu den stärksten Tugenden. Hier müsste man eher von Familienautonomie sprechen. Die Familienangehörigen möchten sich im Entscheidungsprozess wiederfinden oder diesen beeinflussen. Die Frage stellt sich dann, ob der Patient mit dieser Einflussnahme einverstanden ist. Wenn ja, ist das in meinen Augen keine unethische Situation. Wenn nein, dann muss der Arzt korrigierend eingreifen und dem Patienten helfen.

    Ist da der Konflikt nicht programmiert?

    In gewisser Weise schon. Aber es geht hier ja nicht nur um den muslimischen Kulturkreis. Nehmen wir das Beispiel China. Da spricht man nicht nur vom Arzt-Patienten-Verhältnis, sondern auch vom Arzt-Patienten-Familien-Verhältnis. Wenn etwa eine Krebserkrankung diagnostiziert wird, kommen der Arzt und die Familie zusammen und entscheiden dann gemeinsam, ob der Patient diese Diagnose wissen darf oder nicht. Eine solche Praxis kann man hier in Deutschland nach geltendem Recht nicht akzeptieren - auch das gehört zu den interkulturellen Konflikten, wie sie in Deutschland auftauchen.

    Sind Mediziner oder Pfleger denn überhaupt ausreichend auf solche interkulturellen Konflikte vorbereitet? Gibt es Defizite in der Aus- oder Weiterbildung?

    Ein klares Ja. Ich habe in Mainz sieben Jahre lang Medizinstudenten ausgebildet. Bedauerlicherweise wird dieses wichtige Thema im Studium kaum behandelt, höchstens dann, wenn der Dozent ein gewisses Interesse an dem Thema hat. Zum klassischen Curriculum gehört es aber nicht. Das ist in meinen Augen fast schon ein Skandal, wenn ein solcher Aspekt in der Ausbildung keine Berücksichtigung findet. In Deutschland leben schließlich zu 20 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. In der Ausbildung der Pflegeberufe sieht das ein bisschen besser aus, auch wenn auch hier keine ideale Regelung gefunden wurde. Mein klarer Appell: Interkulturalität muss viel stärker in der Aus-, Fort- und Weiterbildung verankert werden, als dies bislang der Fall ist. Da ist das Seminarangebot der Katharina Kasper Akademie, dem Weiterbildungsinstitut der Dernbacher Gruppe Katharina Kasper zu diesem Thema fast schon die rühmliche Ausnahme.

    Lässt sich Ihre Forderung auch wissenschaftlich belegen?

    Es gibt mittlerweile empirische Studien zur klinischen Ethikberatung, die nachweisen, dass Menschen mit Migrationshintergrund viel häufiger und überproportional in Fälle involviert sind, in denen in einer Behandlungssituation ein ethisches Problem auftaucht, als etwa Einheimische.

    Ihre Beispiele machen deutlich, dass man nicht einfach ein Handbuch der Interkulturalität schreiben kann, das alle Fälle exakt abdeckt. Wie viel Menschenkenntnis, wie viel Einfühlungsvermögen ist erforderlich, um Konflikte vielleicht erst gar nicht aufkommen zu lassen?

    Jeder Kulturkreis ist heterogen. Wir haben weder den deutschen Patienten noch den syrischen Patienten. In jedem Kulturkreis gibt es auch verschiedene Wertvorstellungen und Weltanschauungen. Wir sprechen in Seminaren zwar die klassischen Problembereiche und Verhaltensmuster an, geben aber gleichzeitig den Rat, sich auf den aktuellen Patienten zu konzentrieren, um auszuloten, ob der Patient wirklich diesem Muster entspricht. Also neben der medizinischen Befragung oder Anamnese gewinnt auch die Werteanamnese an Bedeutung. Kulturinformationen sind gut, sie bedürfen aber der Überprüfung im Einzelfall.

    Sie selbst wurden 2012 in den Deutschen Ethikrat berufen. Welche Rolle spielt das Thema Interkulturalität dort bei den Beratungen?

    Es gibt Themenbereiche, in denen Interkulturalität und Religiosität sehr wichtig sind. 2012 wurde zum Beispiel das Thema Knabenbeschneidung in Deutschland sehr intensiv und kontrovers diskutiert. Viele Empfehlungen des Ethikrates sind damals in ein Gesetz eingeflossen. Aber der Ethikrat ist in erster Linie beratend tätig. Und wenn es um Interkulturalität geht, versuche ich natürlich, mich dort auch einzubringen.

    Blicken wir zum Schluss fünf Jahre in die Zukunft. Welche drei Wünsche würden Sie in dem doch sehr komplexen Themenfeld gerne erfüllt sehen?

    Als Medizinethiker bin ich zwar davon überzeugt, dass es immer ethische Probleme geben wird, die wir nicht lösen können. Aber ein Punkt wäre, dass das Thema Interkulturalität in der Ausbildung der Mediziner und Pflegenden fest verankert ist. Ich wünsche mir zudem eine flächendeckende Dolmetschertätigkeit im deutschen Gesundheitswesen, weil die dazu führt, dass etwa unnötige Laboruntersuchungen vermeidbar sind und unter dem Strich Kosten eingespart werden. Und drittens wünsche ich mir, dass das Thema breiter in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Eine sachliche Diskursebene würde helfen, dass diese Themen von bestimmten Leuten nicht für ihre eigenen Zwecke ausgenutzt werden.

    Das Gespräch führte unser Chefreporter Markus Kratzer

    Interkulturalität in der Krankenversorgung ist Thema einer Fortbildungsveranstaltung am Donnerstag, 15. September, ab 10 Uhr am Klinikum Mittelmosel in Zell. Moderiert von Dr. Petra Kutscheid, Medizinethikerin der Dernbacher Gruppe Katharina Kasper, wird Ilhan Ilkiliç über Unterschiede im Gesundheits- und Krankenverständnis referieren.

    Cochem Zell
    Meistgelesene Artikel
    Online regional
    Nina Borowski

    Nina Borowski

    Regio-CvD Online

     

    Mail

    Anzeige
    epaper-startseite
    Regionalwetter
    Montag

    10°C - 14°C
    Dienstag

    13°C - 16°C
    Mittwoch

    12°C - 20°C
    Donnerstag

    12°C - 19°C
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Anzeige