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Eine Schule dicht, eine nicht: Entscheidung spaltet die Gemüter

Wut und Enttäuschung an der einen, Freude und Jubel an anderer Stelle – am Mittwochvormittag liegen zwischen diesen höchst gegensätzlichen Gefühlen nur rund 40 Autokilometer im Kreis Cochem-Zell. Nach wochenlanger Hängepartie hat die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion in Trier nun ihre Entscheidung bekannt gegeben: Die kleine Grundschule des Hunsrückdorfes Lieg (14 Schüler) soll zum Schuljahr 2018/2019 geschlossen werden. Die ebenfalls kleine Grundschule des Moseldorfes Pünderich (26 Schüler) bleibt bestehen, wenn auch unter verschärfter Beobachtung.

Heinz Zilles ist aufgebracht. „Wir sind nicht nur stinksauer, nein, jetzt werden wir bissig“, wettert der Ortsbürgermeister des Hunsrückdorfes Lieg. Über den Schulträger der Grundschule, die Verbandsgemeinde (VG) Cochem, hat er erfahren, dass die ADD die Dorfschule schon zum nächsten Schuljahr schließen will. Ein Wochen und Monate währender Kampf von Gemeinden, Verbandsgemeinde, Kindern und Eltern für deren Erhalt endet jäh – in einer herben Niederlage. „Man zerreißt hier eine ordentlich geführte, intakte Gemeinschaft“, schimpft Zilles.

Im Moseldorf Pünderich hingegen ist die Freude riesig. Via Facebook und Twitter teilt Karl Heinz Simon, Bürgermeister der VG Zell, schon gegen 11 Uhr mit: „Heute ist ein schöner Tag.“ Wenig später fügt er hinzu: „Heute Morgen hat mich ADD-Präsident Linnertz informiert, dass für die Grundschule Pünderich kein Schließungsverfahren eingeleitet wird. Ich danke allen, die sich mit mir für die Schule eingesetzt haben.“ Simons Cochemer Amtskollege Wolfgang Lambertz dagegen kommentiert über Facebook besagte Mitteilung von ADD-Präsident Thomas Linnertz wie folgt: „Offen gesagt: Ich kann diese Entscheidung nicht verstehen und bin traurig und sprachlos ...“

Ursprünglich hatte die ADD auf Grundlage der vom Mainzer Bildungsministerium entwickelten „Leitlinien für ein wohnortnahes Schulangebot“ 40 kleine Grundschulen von insgesamt 962 Grundschulen in Rheinland-Pfalz überprüft. Alle 40, so teilt es die ADD mit, „erfüllten die vom Schulgesetz geforderte Mindestzügigkeit von einer Klasse pro Jahrgang schon lange nicht mehr“. Nach einer ersten Prüfung im Herbst vergangenen Jahres „blieben noch acht Schulstandorte übrig, für die ein Aufhebungsverfahren eingeleitet werden sollte“. Fakt ist: Im Sommer vergangenen Jahres wurde die Grundschule Klotten schon dichtgemacht. Anfang Dezember standen noch neun Grundschulen auf der Streichliste der ADD.

Im Falle der Grundschule in Wintrich (Kreis Bernkastel-Wittlich) ruderte die ADD zurück. Grund: Die Schule konnte nachweisen, dass künftig doch wieder mehr Kinder die Bildungseinrichtung besuchen werden. Kurzum: Die ADD habe ihre ursprüngliche Bewertung auf Basis falscher Zahlen vorgenommen.

Genau das ist ein wesentlicher Punkt, an dem sich der Ärger des Lieger Ortsbürgermeisters Zilles entzündet: „Die ADD hatte immer wieder falsche Zahlen. Da frage ich mich: Was ist da los? Wenn wir von einer Schulbehörde reden, muss ich sagen: Mathe? Fünf minus.“ Zu den aktuellen Schülerzahlen sagt Tanja Pörsch, die Leiterin der Wendelinus-Grundschule Lieg: „Wir haben zurzeit 14 Schüler, drei gehen im Sommer an eine weiterführende Schule. Aber wir hätten auch acht neue Anmeldungen gehabt. Hätten gehabt.“

Emotionen, denen lässt man zur gleichen Zeit an der Grundschule in Pünderich freien Lauf, wie Schulleiterin Stephanie Mainka unterstreicht: „Natürlich ist die Freude groß“, sagt sie im Telefonat mit der RZ. „Sie hätten mal die Kinder vorhin hören sollen. Die haben die Nachricht laut jubelnd aufgenommen.“ 26 Schüler besuchen die Grundschule Briedel-Pünderich zurzeit. Im Sommer werde es bei dieser Anzahl bleiben, hält Mainka fest. Spannend ist, wie die ADD den Erhalt der Pündericher Schule begründet: Würde die Schule aufgehoben, reichten die räumlichen Kapazitäten an der Grundschule Zell nicht aus, um die Schüler aus Briedel und Pünderich aufzunehmen. Schulschließungen sollten jedoch nicht dazu führen, dass an aufnehmenden Schulen bauliche Veränderungen nötig seien.

Hier sieht Liegs Ortschef Zilles einen weiteren Punkt, in dem sich die ADD angreifbar macht, denn: Wegen Sanierungsarbeiten sei die Grundschule in Treis-Karden ebenfalls nicht in der Lage, die Schüler aus Lieg zusätzlich aufzunehmen. „Wir kritisieren ganz stark, dass hier eine Ungleichbehandlung vorgenommen wird“, poltert er. Allerdings begründet die ADD die Schließung der Grundschule in Lieg auch damit, dass „ein Antrag auf Änderung des Schulbezirks“ vorliege. In Liegs Nachbarorten Lahr und Zilshausen gab es Bestrebungen von Eltern, ihre Kinder nach Beltheim zur Schule zu schicken.

In Lieg wollen sich Gemeinde und VG im Laufe des Aufhebungsverfahrens nach Kräften gegen eine Schulschließung wehren. In Pünderich, wo sich Ortsbürgermeister Hans-Werner Junk riesig über die Entscheidung freut, sind noch Hausaufgaben zu erledigen: „Wir müssen sehen, dass wir die Schülerzahl auf diesem Stand halten oder erhöhen können.“ Die ADD bestätigt, die VG habe angekündigt, die Grundschule Pünderich „selbstverantwortlich zu schließen“, sollte die Schülerzahl weiter sinken.

David Ditzer

Zells VG-Bürgermeister Simon: Entscheidung ist auch ein Auftrag an die Eltern

Insgesamt vier Schulen in Rheinland-Pfalz sollen nun schließen: in Lieg, Reifferscheid, Frankenstein und Herkersdorf. Die Schulen in Bingen-Gaulsheim, Oberkail, Schöndorf und Pünderich bleiben erhalten. Selbstverständlich freut sich Karl Heinz Simon, Bürgermeister der VG Zell und selbst Pündericher, riesig über den vorläufigen Erhalt der Grundschule in seinem Heimatdorf.

Schließlich hat er nicht nur viele Gespräche in Mainz dafür geführt. Die VG hatte in der Vergangenheit auch die Nachmittagsbetreuung an der Grundschule Pünderich ausgeweitet, denn derzeit besuchen viele Kinder aus Briedel die Ganztagsgrundschule in Zell. Insofern betrachtet Simon die ADD-Entscheidung auch als Auftrag an die Eltern. Wenn sie die Grundschule Briedel-Pünderich wirklich erhalten wollten, müssten sie ihre Kinder bitte auch dort hinschicken. dad

David Ditzer zu Schulentscheidungen

Sehenden Auges Frust produziert

Gut zwei Wochen vor Ostern beenden Bildungsministerium und ADD einen Eiertanz um Erhalt oder Schließung kleiner Grundschulen. Die Lieger sind sauer über die Schrittfolge desselben. Mit Recht. Ein „in monatelanger Kleinstarbeit“ (Ortschef Zilles) erstelltes Konzept zum Erhalt der Wendelinus-Grundschule? Makulatur. Warum musste es dann her? Wie passen Dorferneuerung, fromme Reden über die Stärkung des ländlichen Raums und die Schließung kleiner Grundschulen zusammen? Kaum. Die Landesregierung darf sich nicht wundern, wenn engagierte Lieger ihr zur Ostern ein Ei ins Nest legen, das aus Frust und Verdruss besteht.

E-Mail: david.ditzer@rhein-zeitung.net

Cochem Zell
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