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Kreis Cochem-Zell

Diesel-Chaos: Fahrverbote würden viele Firmen und Pendler aus dem Kreis treffen

Kaum ein Thema lässt Autofahrer so ratlos zurück wie das jüngste Diesel-Urteil. Wie geht es überhaupt weiter, fragen sich Tausende Dieselfahrer in der Region? „Wollen die uns jetzt den Hahn abdrehen?“ mutmaßt Ronald Frey kleinlaut. Der Betreiber eines Taxiunternehmens in der Koblenzer Altstadt fürchtet um seine Existenz. Denn wenn seine Flotte mit 50 Diesel-Autos die Flughäfen in Köln oder Frankfurt nicht mehr anfahren dürfte, würde ein kräftiges Standbein wegbrechen. Wie bei ihm regiert Unsicherheit in vielen Branchen, die vom Diesel abhängig sind: im Handwerk, beim Transportgewerbe, bei vielen Auspendlern. Die emotionale Bandbreite umfasst Gelassenheit bis hin zur puren Wut. Und – immer häufiger – kommen praktikable Vorschläge. Solche, die bundesweit Erfolg haben könnten, stammen ausgerechnet aus der Region. Und werden heute Abend vorgestellt.

Mehr als 2000 Beschäftigte aus dem Kreis pendeln in Städte aus, die einem Diesel-Fahrverbot bedroht sind. Insbesondere nach Bonn, Köln und Frankfurt.
Mehr als 2000 Beschäftigte aus dem Kreis pendeln in Städte aus, die einem Diesel-Fahrverbot bedroht sind. Insbesondere nach Bonn, Köln und Frankfurt.
Foto: rz Grafik

1 In welchen Großstädten um Cochem-Zell herum dürfte es für bestimmte Dieselfahrer schwierig werden? 40 Mikrogramm an Stickoxiden pro Kubikmeter Luft ist der Grenzwert, der nicht überschritten werden darf – die Stadt Koblenz liegt genau auf diesem Wert. Schlimmer trifft es Bonn, Köln, Düsseldorf, Mainz, Frankfurt: Dort wird das Limit überschritten, mittelfristig, so in frühestens sechs Monaten, drohen Fahrverbote. Wenn nicht die Luft verbessert werden kann. Fast die Hälfte aller sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer aus dem Kreis pendelt aus, die meisten in den Kreis Mayen-Koblenz (27,5 Prozent), die Stadt Koblenz (15,2 Prozent) und in den Rhein-Hunsrück-Kreis (12,1 Prozent) „Ich denke, mehr als die Hälfte nimmt generell Bahn oder Bus“, sagt Dr. Manfred Pauly, der Leiter der Statistikstelle der Stadt Koblenz. Der Bücheler nimmt selbst als Pendler nach Koblenz die Bahn.

2 Lässt sich ein Dieselfahrverbot kontrollieren? Wenn Tausende illegal die Städte fluten, wird es für die Polizei eng. Konsequente Kontrollen eines Fahrverbots wären, so Benno Langenberger, „bis auf gelegentliche Stichproben nicht möglich“. Der Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft fordert personelle Aufrüstung: An Polizisten müsste es 10.000 Vollzeitstellen in Rheinland-Pfalz mehr geben, „dafür reichen 500 Einstellungen im Jahr nicht aus“. Außerdem sei es nicht vordringliche Aufgabe der Polizei, Fahrverbote zu kontrollieren. Und die Diesel-Dienstfahrzeuge der Polizei? Dürfen die in die Städte? Genaue Zahlen kennt der Gewerkschafter nicht. Nur so viel: „Da die Motoren der Dienstfahrzeuge von der Stange sind, halten sie genauso oder genauso wenig die Grenzwerte ein wie Privatautos.“

Harald Lahn, Leitender Mitarbeiter bei Transport Express Schmidt (Koblenz) aus Leienkaul, ist auf die Politik sauer.
Harald Lahn, Leitender Mitarbeiter bei Transport Express Schmidt (Koblenz) aus Leienkaul, ist auf die Politik sauer.
Foto: Thomas Brost

3 Wie reagiert das Handwerk, das auspendeln muss? Apropos Polizei: Es schreckt Simon Schlichter nicht, wenn er ordnungswidrig mit seinem Diesel-Sprinter in Köln oder Düsseldorf einpendeln würde. „Ich werde trotzdem reinfahren, das muss ich in Kauf nehmen“, sagt der Jungunternehmer aus der Schreinerbranche. Kostet: 80 Euro und einen Punkt in Flensburg. „Ich kann meinem Kunden nicht sagen, dass ich ihn nicht beliefern kann“, sagt der Leienkauler bestimmt. Was passiert, wenn sein „Sünderkonto“ voll ist, weiß er indes nicht. Einen neuen Diesel, der die Grenzwerte einhält, für 45.000 Euro kann sich Schlichter (drei Angestellte), der sich mit dem Umbau von Fassdauben einen Namen gemacht hat, nicht leisten. Den Trotz des Jungunternehmers kann Johannes Sesterhenn gut verstehen. „Der Kunde muss bestens und pünktlich bedient werden.“ Der Unternehmer aus Mülheim-Kärlich, der Möbel, Türen und Sonnenschutz installiert, liebäugelt nicht damit, widerrechtlich einzufahren. Auch er arbeitet oft in Köln, Bonn, Düsseldorf, die Hälfte seiner Baustellen hat er dort. Er hat für die Firma kürzlich drei neue Sprinter gekauft, nächstes Jahr kommt ein weiterer hinzu. Alles Diesel. „Ich halte fest an Diesel“, betont Sesterhenn – und hofft auf eine Sonderregelung für das Handwerk. Sicher ist das aber nicht.

4 Wie sehr muss sich das Transportgewerbe Sorgen machen? Transport Express Schmidt zählt zu den führenden Unternehmen der Branche im Rheinland. Tag und Nacht sind mehr als 100 eigene Fahrzeuge unterwegs, im Verbund mit Partnern sogar 2000 bundesweit. Die Transportfirma mit Sitz in Koblenz fährt jede Nacht in jede Commerzbankfiliale, um Belege zu transportieren. Ferner werden Güter aus der Human- und Veterinärmedizin, aus den Bereich Automative, Technik und Medien befördert. Wenn ein Fahrer 400 Kilometer nachts hin und wieder zurückfährt, muss er sich sicher sein, dass er in die Städte reinkommt. Aus der Sicht von Harald Lahn, Leitender Angestellter von Transport Express Schmidt aus Leienkaul, lässt sich die Politik von Lobbyisten statt von unabhängigen Wissenschaftlern beraten. „Und die Bürger, kleine und mittlere Unternehmen müssen am Ende wohl dafür die Zeche zahlen.“ Dass VW in seiner jüngsten Bilanz trotz Manipulation den höchsten Gewinn seiner Geschichte ausweist, sei grotesk. „Die Hardwarenachrüstung könnten die Automobilkonzerne problemlos finanzieren.“ Zudem würde eine Umstellung der Fahrzeuge auf Benzinmotoren einen erheblichen Anstieg des Kohlendioxid-Ausstoßes bedeuten und das Pariser Klimaabkommen lächerlich machen.

Simon Schlichter ist rigoros: „Notfalls fahre ich widerrechtlich in die Städte“, sagt der Jungunternehmer.
Simon Schlichter ist rigoros: „Notfalls fahre ich widerrechtlich in die Städte“, sagt der Jungunternehmer.
Foto: Thomas Brost

5 Gibt es Lösungsansätze für Dieselfahrer? Für mehr Gelassenheit plädiert Hans Werner Norren, der Landespräsident des Kraftfahrzeuggewerbes. „Jeden Tag wird mit falschen Zahlen und Zusammenhängen operiert, dabei sind die Halbwahrheiten unerträglich.“ Der Unternehmer aus Weißenthurm unterbreitet heute Abend in Mainz dem Kfz-Landesverband einen Vorschlag, bei dem die Lasten einer Umrüstung, im Schnitt 2000 Euro, auf vier Schultern verteilt werden könnte (siehe Interview). Allerdings sei dies nur für neuere Autos der Schadstoffklassen Euro 5 und Euro 6 sinnvoll. Allen anderen, die vorher zugelassen wurden, droht wohl unweigerlich das Aus.

Kfz-Präsident: Jetzt muss schnell gehandelt werden

Weißenthurm. Für eine sachlichere Debatte in puncto Auswirkungen von Dieselfahrzeugen spricht sich Hans Werner Norren, Obermeister der Kfz-Innung Koblenz und Präsident des Kfz-Landesverbandes aus. Norren legt einen Vorschlag zur Nachrüstung von Autos vor.

Hans Werner Norren legt heute ein Konzept für Diesel-Umrüstung vor. 
Hans Werner Norren legt heute ein Konzept für Diesel-Umrüstung vor. 
Foto: Thomas Brost

Wie gesundheitsgefährdend ist der Diesel?

Jeden Tag wird irgendeine ,Diesel-Sau' durchs Dorf getrieben, das Umweltbundesamt will 6000 Tote jährlich gezählt haben. Dies ist absolut durch nichts bewiesen. Es wird eine Hysterie losgetreten, die auch den Kfz-Handel umtreibt.

Wie tief sind die Wiederverkaufspreise für Diesel abgestürzt?

Aufgrund der Diskussion sind die Euro-5-Fahrzeuge, die noch in hoher Anzahl auf dem Markt sind, nahezu unverkäuflich. Das bedeutet einen hohen Verlust in unseren Büchern und Bilanzen. Zurzeit heißt es, dass wir mindestens 15 Prozent der auf dem Hof stehenden Dieselautos abschreiben müssen. Ich fürchte, das wird für den Kfz-Handel nicht reichen. Für manchen Betrieb kann das existenzbedrohlich werden.

Was schlägt der Handel jetzt vor?

Wir müssen eine sachliche Diskussion führen, mit wirklichen Experten. Wichtig ist die Nachrüstlösung der Hardware, die kann bis zu 80 Prozent der Stickoxide eliminieren. Und die Politik muss den Rahmen vorgeben, zum Beispiel: Umgerüstete Euro-5-Diesel müssen Euro 6 gleichgestellt sein, damit sie in die Umweltzone fahren dürfen. Ganz klar ist: Natur und Umwelt brauchen eine saubere Luft. Wir können und wir wollen es, dass der Ausstoß von Schadstoffen minimiert wird. Wir brauchen aber keine neuen Plaketten. Die grüne Plakette muss signalisieren: Diese Autos sind sauber.

Wer soll die Zeche für die Umrüstung zahlen?

Jürgen Karpinski, der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes, propagiert die Lösung, dass sich Hersteller und Staat die im Schnitt 2000 Euro teure Umrüstung teilen. Aber der Einzige, der vorsätzlich betrogen hat, war VW. Wir brauchen jetzt eine schnelle Lösung, die kann nur pragmatisch sein. Ich schlage vor, dass sich Handel, Hersteller, Staat und die Kunden mit jeweils 25 Prozent an den Kosten beteiligen. Diesen Vorschlag unterbreite ich am Dienstag in Mainz.

Wieso soll der Kunde blechen?

Er hat einen Vorteil dank Nachrüstung: Sein Auto steigt im Wert.

Mit Norren sprach Thomas Brost.

HwK-Chef Krautscheid: Autobauer müssen zahlen

20.000 Dieselfahrzeuge von Handwerkern aus der Region könnten von einem Fahrverbot betroffen sein. Das schätzt die Handwerkskammer Koblenz. Grundsätzlich alle im Bau- und Ausbauhandwerk aktiven Betriebe müssten sich ernsthaft Gedanken machen.

Kurt Krautscheid. 
Kurt Krautscheid. 
Foto: Piel Media

Die HwK lehnt „enteignungsgleiche Fahrverbote entschieden ab“, wie HwK-Präsident Kurt Krautscheid betont. Er appelliert an die Kommunen, „alles zu tun, um sie zu vermeiden“. Es gebeviele Lösungswege, mit denen sich Schadstoffe spürbar reduzieren ließen, sodass sie unter die Grenzwerte „in absehbarer Zeit“ liegen. Krautscheid: „Das Handwerk wird sich an diesen Anstrengungen weiter aktiv beteiligen.“ Es sei überdies nicht einzusehen, dass die Betriebe „für die Fehler von Herstellern und Politik haftbar“ gemacht würden. Die Autobauer seien in der Pflicht, Software-Updates und technische Neuerungen zu implementieren, und zwar auf eigene Kosten. 

Cochem Zell
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