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    Die Grenzen respektieren: Zwei Expertinnen in Selbstbehauptung erzählen von ihren Erfahrungen

    Es sind oft diffuse Ängste. Das damit verbundene schlechte Gefühl ist deshalb aber nicht weniger schlimm: Frauen und Mädchen fürchten sich vor den Situationen, in denen es für sie brenzlig werden, in denen ein Mann sie angreifen, überfallen könnte. Selbstsicheres Auftreten kann Impulse geben, sich besser zu fühlen. In Selbstbehauptungskursen lernen die Frauen das. Die 64-jährige Elisabeth Schmitt, Außenstellenleiterin Cochem-Zell der Opferhilfe Weisser Ring, und Sandra Holzknecht-Wilde, 44 Jahre alt, Abteilungsleiterin Jiu Jitsu beim Turnverein Cochem und Trainerin, berichten im Interview von ihren Erfahrungen aus dem jüngsten Kurs: Die Teilnehmerinnen waren zwischen 14 und 70 Jahre.

    Trainerin Sandra Holzknecht-Wilde (links) und Elisabeth Schmitt, Weisser Ring, erklären beim RZ-Interview, wie Frauen es Schritt für Schritt schaffen können, ihre Angst in den Griff zu bekommen.
    Trainerin Sandra Holzknecht-Wilde (links) und Elisabeth Schmitt, Weisser Ring, erklären beim RZ-Interview, wie Frauen es Schritt für Schritt schaffen können, ihre Angst in den Griff zu bekommen.
    Foto: Kevin Rühle

    Es gibt Experten, die sagen, es ist gut, auch tatsächlich Angst zu haben, wenn man einen solchen Selbstbehauptungskurs besucht. Wie sehen Sie das?

    Holzknecht-Wilde: Wir fragen schon immer zu Beginn der Kurse, was die Motivation ist, zu uns zu kommen. Ob das immer Angst ist? Viele junge Mädchen werden von der Mama geschickt, andere begleiten eine Freundin. Fest steht sicher, dass alle über das Thema nachgedacht haben und manche sicher auch schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht haben.

    Schmitt: Angst zu haben, das ist schon wichtig, um sich in dem Kurs auch mit diesem Gefühl auseinandersetzen zu können. Ich meine, das auch bei vielen zu spüren. Ich weiß aber auch von meiner Arbeit beim Weissen Ring, dass gerade Opfer große Probleme damit haben, sich der Situation, die sie ja sehr oft auch sehr quält, sozusagen in der Öffentlichkeit zu stellen. Obwohl das sehr wichtig wäre.

    Sie können noch recht frische Eindrücke aus dem jüngsten Kurs schildern? Was hat Sie beeindruckt, was überrascht?

    Schmitt: Mich hat schon sehr erschreckt, dass viele Mädchen in dem Kurs tatsächlich Angst haben, wie Sie es eben auch beschrieben haben. Und dieses Mal war der Altersschnitt ungewöhnlich, es haben zwei Damen über 70 teilgenommen.

    Holzknecht-Wilde: Ja, das hat der Gruppe eine andere Struktur gegeben. Aber es war toll, wie schnell die Teilnehmer unterschiedlicher Altersgruppen miteinander ins Gespräch gekommen sind. Und wie gut die Gruppe auch zusammen gearbeitet hat.

    Was sind das für Situationen, in denen Frauen Angst haben?

    Schmitt: Durch Unterführungen zu gehen, sich auf dunklen Straßen aufzuhalten. das betrifft oft junge Frauen, die plötzlich als Studentin aus dem familiären Bereich in eine größere Stadt ziehen und es betrifft auch Frauen, die bis spät abends arbeiten müssen und dann alleine im Dunkeln zum Bus oder Zug gehen müssen.

    Holzknecht-Wilde: Oft sind es diffuse, zum Teil irrationale Ängste. Die Frauen sagen sich: Ich gehe joggen, ich bin allein mit dem Auto unterwegs. Folgt mir jemand, steht jemand in der Ecke? Das sind Ängste, die wir im Verlauf des Kurses zu relativieren versuchen. Die Wahrscheinlichkeit, beim Joggen überfallen zu werden, ist sehr gering. Viel geringer, als in einer engen sozialen Beziehung geschlagen oder sogar vergewaltigt zu werden.

    Stellen Sie ein zunehmendes Interesse an den Kursen fest?

    Holzknecht-Wilde: Nein, eigentlich nicht. Wir haben für diesen Kurs jetzt sehr viel Werbung gemacht, zum Beispiel beim Internationalen Frauentag im Kapuzinerkloster, wir haben die Sozialen Medien wie Facebook genutzt, Flyer verteilt. Das Problem besteht, das hat sich in den vergangenen Jahren nicht wesentlich verändert. Die wenigsten spüren also jetzt eine Angst, die sie so vorher nicht gekannt haben.

    Schmitt: Es ist mir aufgefallen, dass Eltern ihre jugendlichen Mädchen zu dem Kurs anmelden, weil sie die zunehmende Gewalt bei Jugendlichen zurzeit erschreckt.

    Wie definieren Sie den Begriff „Selbstbehauptung“?

    Holzknecht-Wilde: Die meisten Frauen denken: Oh Gott, jetzt muss ich in die Sporthalle. Also keine Angst. Das ist absolut nichts, das man nur mit sportlichem Hintergrund lernen kann. Wir gehen individuell auf die Frauen ein. Wer kann was leisten? Ich hatte sogar schon einmal eine beeinträchtigte Frau im Kurs. Keiner muss sich hier körperlich verausgaben. Die Grenzen werden respektiert. Ganz klar. Das ist ja ein ganz wesentlicher Teil der Selbstbehauptung.

    Was muss eine Teilnehmerin mitbringen?

    Holzknecht-Wilde: Ich schaue mir jede Frau bei den Übungen ganz genau an. Dann sehe ich recht schnell, was geht und was nicht. Der Schwerpunkt der Kurse liegt bei uns in der Selbstbehauptung, in der Prävention. Was kann ich bewirken mit meiner Stimme, meiner Körperhaltung? Wie kann ich mein Selbstbewusstsein auffrischen? Wie Distanz erzeugen? Wo sind meine Grenzen? Wo sage ich stopp?

    Schmitt: Eine ganz wichtige und sehr individuelle Angelegenheit? Wie nah lasse ich jemanden an mich heran? Wann ist es mir unangenehm? Die Armesbreite Abstand: Das geht bei manchen, anderen ist das schon zu nah. Das ist nicht bei allen Menschen gleich. Aber es ist wichtig, das für sich selbst zu definieren.

    Holzknecht-Wilde: Ja, ganz wichtig. Was ich vermittele: Ab einem gewissen Abstand kann der Angreifer schlagen.

    Schmitt: Die Frauen müssen lernen, einem Angreifer fest in die Augen zu schauen. Dem Blick halten viele nicht stand. Und stopp sagen. Manche Frauen erschrecken regelrecht, wenn sie hören, wie laut ihre Stimme klingen kann.

    Wie häufig nehmen Frauen in der Regel an einem Kurs teil?

    Schmitt: Ich versuche bei meiner Opferarbeit, die jungen Mädchen und Frauen zur Teilnahme zu bewegen, denn ein Ziel des Weissen Rings ist es, Opfer zu stärken. Und es freut mich, wenn sich die Frauen ein weiteres Mal anmelden. Der Kurs müsste öfter stattfinden.

    Holzknecht-Wilde: Also ich würde mich hüten, den Teilnehmerinnen nach einem Tag zu sagen: So, jetzt seid ihr gegen alles gewappnet. Das wäre grundverkehrt. Wir geben, wie schon gesagt, Impulse. Viele Sachen müssen die Frauen einfach trainieren. Es gibt immer mal wieder welche, die sich dann für Jiu Jitsu interessieren, und letztlich auch begeistern.

    Bekommen Sie auch Rückmeldung, etwa von erfolgreicher Selbstbehauptung im Alltag?

    Holzknecht-Wilde: Letzteres weniger, aber unmittelbar nach dem Kurs gibt es eine Feedbackrunde. Da kommen schon offene und ehrliche Antworten, was gut war und was eher nicht. Das ist auch wichtig, um das Konzept weiterzuentwickeln. Ab und an treffe ich mal eine Frau, die mir dann erzählt, dieses oder jenes habe ihr in einer unangenehmen Situation geholfen.

    Bei diesem Kurs war ja auch ein junger Mann als Trainer dabei? Wie kam das an?

    Holzknecht-Wilde: Das war eine spannende Erfahrung. Unser Ansatz heißt ja „Von Frauen für Frauen“. Und Männer als Trainer, das kann auch schiefgehen, weil sie wegen ihrer anderen Sicht auf das Thema und einer anderen Form der Konfliktbewältigung den Fokus zu stark auf Selbstverteidigungstechniken lenken. Das haben wir zum Glück anders erlebt. Ich denke, das Modell ist ausbaufähig.

    Wie können die Frauen Ihr Selbstbewusstsein stärken?

    Holzknecht-Wilde: Die Frauen sollten sich sagen: Ich bin es mir wert, mich zu schützen. Denn aus diesem Selbstverständnis heraus baut sich die Selbstbehauptung auf.

    Schmitt: Ich denke, alle jungen Frauen im Beruf sollten einen solchen Kurs machen. Um aufrecht durchs Leben gehen zu können. Das macht Mut und gibt Kraft. Frauen haben es leider immer noch sehr schwer, sich durchzusetzen.

    Was können Männer im Umfeld der Frauen tun, um Ihnen ein Stück weit Angst zu nehmen?

    Holzknecht-Wilde: Wir können nur Grenzen setzen, dass Frauen keine Opfer werden. Circa 80 Prozent der Übergriffe geschehen in engen sozialen Beziehungen. Es ist wichtig, den Fokus wegzunehmen von den Fremdtätern. Die Kurse sollen auch helfen, Frauen die Angst zu nehmen, sich zu wehren. Denn ist der Angreifer verletzt, sollten Frauen kein Mitleid haben. Sie haben das Recht, sich zu wehren. Diese Denkweise muss sich einprägen. Ich habe ein schönes Bild dafür. Eine Katze blickt in den Spiegel und ein Löwe schaut ihr entgegen.

    Schmitt: Männer sollten die Grenzen, die die Frau setzt, akzeptieren. Frauen können sich wehren. Oft sind es kleine Tricks, die dabei helfen. Das lernen sie bei uns. Wie funktioniert das Pfefferspray? Wie kann ich einen Schlüssel zur Abwehr einsetzen? Kleinigkeiten, aber effektiv. Und laut werden. Schreien, nach Hilfe rufen. Das sollten alle Leute tun, die Zeuge eines Übergriffs werden. Schreien, nicht zuschauen oder gar weitergehen.

    Die Fragen stellte Petra Mix

    Abwehrsituationen im Zweikampf eingeübt

    „Frauen stärken“: Unter diesem Motto haben Sandra Holzknecht-Wilde und Marcel Busch vom Turnverein Cochem in der Berufsbildenden Schule in ein Training angeboten. Dabei wurden Antworten zum Thema „Wo lauern die meisten Gefahren?“ in der Gruppe erarbeitet und im praktischen Teil typische Abwehrsituationen „im Zweikampf“ eingeübt. Organisiert haben den Kurs Hedwig Brengmann, Gleichstellungsbeauftragte im Landkreis Cochem-Zell, und Elisabeth Schmitt vom Weissen Ring Cochem-Zell.

    Infos zum Thema oder den Kursen gibt es bei: Elisabeth Schmitt, Telefon 0151/551 646 63, oder bei Sandra Holzknecht-Wilde, Telefon 0160/901 387 42

    Cochem Zell
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